Die USA haben ihre wirtschaftliche Überlegenheit verloren
«Wir haben mittlerweile eine Strategie, die die Mittel übersteigt, die dazu notwendig wären, sie auszuführen»*
von William A. M. Buckler, Australien
Die Weltwirtschaft hat ihren Abschwung begonnen. Das frühe Vorzeichen war ein plötzlicher weltweiter Rückgang der Rohstoffpreise vor ein paar Monaten – besonders ein heftiges Einbrechen der Kupferpreise. Darauf folgte das erste globale Marktsignal, das direkt um den weltweiten Aktienmarkt rollte, als Chinas sehr kleiner Aktienmarkt an einem einzigen Tag um 9% einbrach. Nun erscheint das erste wirklich ökonomische Sig nal am Horizont. Die globalen Stahlpreise stehen vor dem Sturzflug.
Eine (kurze) Wiederholung des Konjunkturverlaufs
Dem aktuellen Konjunkturverlauf geht tatsächlich immer ein Kreditkreislauf voraus. Die offiziellen Kräfte sind im Begriff, die Zinsen unter den natürlichen Marktpreis für Darlehen zu drücken. Das hat zur Folge, dass mehr neue Darlehen vergeben werden, und das gesamte Kreditvolumen dehnt sich aus. Da die neuen Darlehen an die allgemeine Wirtschaft gekoppelt sind, sieht es so aus, als nähme die Nachfrage zu. Mehr und mehr Geschäfte beginnen, darauf zu reagieren, und das löst den aktuellen Konjunkturkreislauf aus. Die reale Wirtschaft scheint zu wachsen.
Indem sie das tut, beginnt die reale Wirtschaft grössere Mengen an Rohstoffen nachzufragen. Mit einer Zeitverzögerung gehen alle Rohstoffpreise nach oben.
Rohstoffquellen sind jene wirtschaftlichen Güter, die am weitesten weg sind vom Verbraucher, der letztlich solche Dinge wie Kupfer, Eisenerz, Kohle, Blei usw. verbraucht.
Um für den Endverbraucher zu produzieren, verlangen die Produzenten mehr Stahl und andere veredelte Produkte, und die Hersteller derselben vergrössern enorm ihre Produktionskapazitäten. Jetzt sind amerikanische Bestände nicht verkauften Stahls zu einer absoluten Rekordhöhe angestiegen, während des letzten Jahres um 24%. Stahlbestände steigen auch in Europa, in Japan und sogar in China.
Alle Konjunkturverläufe führen zu Überinvestitionen und Fehlinvestitionen
Der Kreditkreislauf setzt den aktuellen Konjunkturverlauf in Gang. An diesem Punkt des Kreislaufs haben die Veredler der Rohstoffe, die Eisenerz zu Stahl verarbeiten, bereits massiv in Fabrikanlagen und -maschinen überinvestiert. Während der letzten zwei oder drei Monate haben sie auf diese schnell steigenden Vorräte von veredelten Produkten gestarrt. Die gegenwärtige Nachfrage von veredelten Rohstoffen ebbt ab, weil der amerikanische Kreditkreislauf abebbt. Auf Grund der wachsenden Spekulationsschulden sehen sich die USA nicht nur mit einer Kreditabnahme konfrontiert, sondern mit einer voraussichtlichen Kreditbeschränkung.
Am 21. März hat Iran den US-Dollar für wertlos erklärt
Iran hat den US-Dollar geächtet und wird jeden ins Gefängnis bringen, der ihn nach dem 21. März in diesem Land verwendet. Statt dessen wird Iran für internationale Transaktionen Euros verwenden und geringere Mengen anderer Währungen.
Das «schwarze Loch» im Finanzsystem der USA
Nach dem ursprünglichen Aufruhr über das Debakel im US-Subprime-Hypothekensektor (Subprime = Hypothekenmarkt für Kreditnehmer mit schlechten Sicherheiten, üblicherweise mit hohen Zinsraten) ist es wieder ziemlich ruhig geworden, zumindest in den wichtigsten Finanznachrichtenmedien der USA. Aber die Infektion breitet sich aus und betrifft bereits zahlreiche andere Gebiete. Der Hintergrund dazu ist der folgende: Zwischen 2000 und 2006 stiegen die US-Immobilienpreise um 75%, gerechnet in Dollars im Festwert. In den letzten 120 Jahren der Geschichte hat es keinen Präzedenzfall für einen solchen Anstieg gegeben! Weiterhin stehen hinter dieser Immobilienblase zwei riesige Finanzinstitute der USA, Freddie Mac und Fannie Mae. Sie sind spezialisiert darauf, Hypotheken von Banken und anderen Verleihern aufzukaufen und sie neu zu verpacken in hypothekarisch gesicherte Wertpapiere (Mortgage-Backed Securities MBS), die sie dann an Pensionskassen, Vermögensverwalter und Investmentbanken innerhalb und ausserhalb der USA weiterverkaufen. US-Subprime- und Alt-A-(die nächste Kreditkategorie über Subprime-)Hypotheken machten 26 bis 30% der ausstehenden Hypotheken aus und damit etwa 40% der gesamten Ausgabe von verbrieften Hypotheken in den USA.
Wie man Finanzblasen bildet
Von Anfang 1991 bis zum Beginn des Jahres 2004 (dem letzten Jahr, in dem die Bücher dieser beiden Institutionen sich noch in einer Art von Ordnung befanden) wuchsen die im Eigenbesitz befindlichen Hypothekenportfolios von Fannie und Freddie von 135 Milliarden US-Dollar auf 1,56 Billionen US-Dollar an. Ihr Besitz an US-Hypotheken wuchs von etwa 5% des gesamten US-Hypothekenmarktes auf mehr als 20%. Um all diese Hypotheken zu kaufen, müssen Fannie und Freddie Geld aufnehmen. Ihre zusammengerechneten Schulden stiegen, indem sie 3 Billionen US-Dollar an neuen Schuldpapieren ausgaben. Sie haben Gesamtschulden von 5,2 Billionen US-Dollar. Sie wurden durch eine «implizite» Garantie der Bundesregierung gedeckt.
Fannie und Freddie haben selbst 79 Milliarden an Kapital, aber sie haben 3,8 Billionen US-Dollar an US-Hypothekardarlehen garantiert. Das sind beinahe 30% des Bruttoinlandprodukts.
Neuigkeiten im US-Hypothekargeschäft
In den letzten drei Monaten des Jahres 2006 begannen Gläubiger in den USA, Zwangsvollstreckungsverfahren bei ungefähr jeder 200. Hypothek. Laut der Vereinigung der amerikanischen Hypothekarinstitute ist das die höchste seit 37 Jahren gemessene Rate. Um die 1,5 Millionen amerikanischer Hausbesitzer werden in diesem Jahr vor der Zwangsvollstreckung stehen, sagt Realty (Realty=Grundbesitz) Trac.
Der Immobilienmarkt der USA steht jetzt vor dem Problem fallender Preise bei zu grossem Inventar, und die Zwangsvollstreckungsverkäufe werden jetzt beginnen. Im Januar standen 4,09 Millionen neue und aus Vorbesitz stammende Häuser zum Verkauf, ein Anstieg von 3,41 Millionen im Vorjahr, gemäss Daten der Nationalen Vereinigung der Immobilienmakler und des US-Handelsministeriums. Die Ankündigungen von Zwangsvollstreckungen von Wohneigentümerdarlehen erreichten im letzten Quartal die schnellste Geschwindigkeit, seitdem die Vereinigung der amerikanischen Hypothekarinstitute vor 37 Jahren ihre eigenen Erhebungen begann.
Der Zusammenbruch der Sicherheiten für Schulden in den USA
Gemäss der Nationalen Vereinigung der Immobilienmakler war der mittlere Preis für vorhandene Eigenheime in den USA im Januar um 8,5% gefallen, von einem Spitzenwert von 230 000 US-Dollar im Juli 2006. Die US-Hypothekarbankiers sagten, dass überfällige Zahlungen auf alle Arten von US-Hypotheken jetzt auf 4,95% gestiegen sind von den 4,67% im dritten Quartal 2006 – und das war bereits die höchste Zahl seit drei Jahren. Alt-A-Hypotheken machen Darlehen von 1,14 Billionen US-Dollar aus bzw. 12% aller US-Hypotheken, sagte Bear Stearns Co. Subprime-Darlehen umfassen 15,2% bzw. 1,45 Billionen US-Dollar und die Jumbo-Hypotheken 1,41 Billionen US-Dollar bzw. 14,8%. Worauf das alles faktisch hinausläuft, ist, dass die Sicherheiten dieses riesigen Haufens von US-Dollars in den sechs Monaten zwischen Juli 2006 und Januar 2007 um 8,5% an Wert verloren haben.
Die US-Notenbank sagt alles selbst
Die Notenbank berichtet, dass das Total der ausstehenden Eigenheimdarlehen sich fast verdoppelt hat, von 5,1 Billionen US-Dollar im Jahr 2000 auf 9,8 Billionen US-Dollar im Jahr 2006. Sie erinnern sich, dass am Anfang der «Kreditkreislauf» steht, und diesen setzte die US-Notenbank in Gang, indem sie die offiziellen Zinssätze von 6,5% im Jahr 2001 auf 1,75% und bis zum Jahr 2003 auf 1,00% heruntersetzte.
Die gigantische US-Kreditmaschine
Die Schulden der Haushalte in den USA nahmen 2006 um 1,239 Billionen US-Dollar zu, während die Anleihen von Firmen ausserhalb des finanziellen Sektors um 245 Milliarden US-Dollar zunahmen. Die gesamte Hypothekenschuld in den USA nahm im Lauf des Jahres 2006 um 1,172 Billionen US-Dollar bzw. 9,7% zu. Das ist weniger als die 1,462 Billionen US-Dollar bzw. 13,7 % im Jahr 2005.
Ein endloser Strom von geliehenem US-Kapital
Der US-Bericht über Kapitalströme zeigt, dass alle Schulden nach einem Anstieg von 6,5% im dritten Quartal des Jahres 2006 im vierten Quartal um 7,9% anstiegen. Die Verschuldung der US-Haushalte wuchs im letzten Quartal 2006 um 6,6%, was nach einem Anstieg von 7,5% im dritten Quartal eine Verlangsamung bedeutete. Die Verschuldung der Firmen stieg auf 11%, nach einem Anstieg um 6,5% im dritten Quartal. Betrachtet man das gesamte Jahr 2006, so stieg die Verschuldung der Haushalte um 8,5%, das sind ungefähr 3 %punkte weniger als im Jahr 2005, wie die Notenbank berichtete. In diesen obengenannten Daten steckt der Kerngehalt aller Kreditausweitungen: In einem Vierteljahr Erhöhung der Verschuldung der US-Haushalte um 6,6% und Erhöhung der Verschuldung der US-Firmen um 11%.
Ein einsamer Mann – ein Berichterstatter der Wahrheit
Der Währungshüter der US-Bankaufsichtsbehörde, Walker, schätzt, dass das Total der Ausstehenden besicherten wie auch unbesicherten US-Schulden die astronomische Zahl von 71 Billionen US-Dollar erreicht hat.
Das Handelsministerium der USA berichtete, dass das Missverhältnis in der Leistungsbilanz sich geradezu sprunghaft um 8,2% auf 856,7 Milliarden US-Dollar erhöht hat. Das ist ein Rekord von 6,5 % der gesamten amerikanischen Volkswirtschaft, und es ist das fünfte Rekordjahr in Folge. Im direkten Zusammenhang damit stiegen die Auslandschulden der USA.
Globale Anzeichen der kommenden Wende
Im Jahre 2006 rutschten die US-Einnahmen auf Auslandinvestitionen um 7,3 Milliarden US-Dollar in die Verlustzone im Vergleich zu einem Überschuss von 11,3 Milliarden US-Dollar im Jahre 2005. In den bis 1929 zurückreichenden Aufzeichnungen ist dies das erste Mal, dass das Einkommen aus Investitionen negativ war.
Sie verdienen hier mehr, als wir dort verdienen
Die Wirtschaft der USA weist nun ein Leistungsbilanzdefizit sowie ein Handelsbilanzdefizit aus. Jetzt verdient sie weniger an ihren Auslandinvestitionen, als Ausländer an ihren Investitionen innerhalb der US-Wirtschaft verdienen. Die geschichtliche Bedeutung davon ist, dass die USA ihre wirtschaftliche Überlegenheit verloren hat, die sie seit 1945 besass, als der Rest der Welt in Trümmern lag. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Amerikaner als wirtschaftliche Retter angesehen, wenn sie Auslandinvestitionen tätigten, und US-Konsumgüter regierten die Welt.
Wenn die Bilanz der internationalen Auslandinvestitionen negativ wird, heisst das im wirtschaftlichen Sinn, dass die entsprechende Nation in der Produktivität von anderen Nationen überflügelt wird, die mit einem überlegenen Bestand an Investitionsgütern dastehen. Dies ist genau die Situation, in der Westeuropa und Japan sich in den Jahren zwischen 1945 und 1960 befanden.
Weder Westeuropa noch Japan konnte viele seiner Konsumgüter im riesigen Binnenmarkt der USA verkaufen; diese waren einfach nicht gut genug, um konkurrenzfähig zu sein. Und da sie dies nicht waren, konnten sie auch nicht viel innerhalb der USA investieren. Dies bedeutete, dass die Gewinne auf ihre Auslandinvestitionen während jener Jahre winzig waren im Vergleich zu dem, was die USA an ihren Auslandinvestitionen verdiente. Aber die Talfahrt der USA begann früh, und die Anfänge waren bereits im Jahre 1960 deutlich sichtbar, als Kennedy die Tatsache beklagte, dass die USA das vorausgehende Jahrzehnt (die 50er Jahre) mit einem Handelsdefizit gegenüber dem Rest der Welt abgeschlossen hatte. In den folgenden Jahrzehnten wurde nichts daran geändert; die USA schlossen mit einer Serie von Handelsdefiziten ab, die sich ausweiteten zu Leistungsbilanzdefiziten, als die US-Auslandschulden stiegen, die sich jetzt verwandelt haben in negative US-Kapitaleinnahmen auf Auslandinvestitionen. Heute sind es die USA, die die Position einnehmen, in der sich Westeuropa und Japan vor einem halben Jahrhundert befanden. Aber die USA können sich nicht damit entschuldigen, dass ihr industrielles Kerngebiet durch einen zerstörerischen Krieg verwüstet wurde. Die USA haben alles verschwendet durch Kreditausweitungen. Und bald werden die USA so weit sein, dass sie das in ihrer eigenen Binnenwirtschaft verdiente Geld für den Schuldendienst ins Ausland schicken müssen.
New York in einen kleineren Ort verwandeln
In amerikanischen Finanzkreisen der höchsten Ebene zeichnet sich deutlich eine wachsende Beunruhigung ab. Das Finanzzentrum New York verliert an Bedeutung. Zurück im Jahr 2001 wurden 57% aller Inumlaufsetzungen von Aktien an der Börse von über 1 Milliarde US-Dollar, auch bekannt als öffentliche Erstemissionen (Initial Public Offerings IPOs) in der USA abgewickelt. Im Jahr 2006 war dies zurückgefallen auf 16%.
In der gleichen Zeit war Europas Anteil an den grossen IPOs der Welt von 33% auf 63% gestiegen.
Jetzt ist es amtlich. US-Finanzminister Henry Paulson versucht die US-Finanzgrössen zu einer Einigung zu bringen, um durch schnelles Handeln sicherzustellen, dass die USA der dominierende Kapitalmarkt der Welt bleiben.