Der Spatz vom 1.1.2006 - hochinteressant
Das Geschäft im Neuen Jahr
Was wird das Neue Jahr bringen? Die bange Frage bewegt viele Leute. Denn irgendwie merkt jeder, so wie bisher kann es nicht weiter gehen. Es wird, es muß sich etwas ändern, aber was?
2005 war - schrieb die FAZ am 27. 12. - "das Jahr der Arbeitsplatzmisere". Deutsche Unternehmen haben Tausende von Stellen gestrichen. Die Deutsche Bank zum Beispiel meldet einen neuen Gewinnrekord und feuert gleichzeitig 6.400 überflüssig gewordene Mitarbeiter. Sie ist nicht die einzige Firma, die gute Gewinne erzielt und trotzdem Arbeitsplätze streicht. Arbeitnehmer wollen nicht einsehen, daß die Firma keine andere Wahl habe soll. Warum aber soll die Firma weiterhin Güter produzieren, für die sich nirgends mehr eine zahlungsfähige Nachfrage zeigt, oder warum teure Arbeitskräfte beschäftigen, wenn man mit billigeren im Ausland die Preise senken und damit konkurrenzfähig bleiben kann?
Nicht nur im Reifenwerk bei Continental in Hannover mußten die Beschäftigten die bittere Erfahrung machen, daß sie ihre Jobs selbst durch Lohnverzicht oder Arbeitszeitverlängerung nicht retten können. Von Löhnen wie in Osteuropa oder Südostasien kann hier niemand leben. In den nächsten beiden Jahren sollen allein in der deutschen Automobilindustrie 42.000 Arbeitsplätze wegfallen: Bei Daimler Chrysler 16.000, bei VW 14.000 bei Opel 12.000. Mit jedem Arbeitsplatz bei den Autoherstellern fallen 2 bis 3 Arbeitsplätze bei den Zulieferfirmen. Bei den Banken verschwinden neben den erwähnten 6.400 der (nicht mehr) Deutschen Bank, 4.200 bei der Hypovereinsbank, 3.000 bei der Dresdner Bank. Und die (nicht mehr) Deutsche Telekom arbeitet zur Zeit an Plänen, 32.000 Stellen ersatzlos zu streichen. Streiks gegen Arbeitsplatzverlust erfreuen sich zunehmend breiter Sympathie. Mit ihnen läßt man Dampf ab und sie erleichtern den Unternehmen die Trennung von ihren "Lieben Kolleginnen und Kollegen".
Wenn schon kein deutsches Geld mehr vorhanden ist, muß ausländisches Geld ins Land kommen, damit Investoren die Wirtschaft am Laufen halten, sagen uns die neunmal klugen Experten. Aber es kam ja scharenweise: Die Analystenfirma Ernst & Young hat festgestellt, daß die Umsätze der Heuschreckenfirmen, der Hedge und Private Equity Funds, von 2004 auf 2005 um 18% zugenommen haben. Diese "Investoren" haben 29,5 Mrd. Euro in Deutschland umgesetzt. Die Zahl bezieht sich nur auf 48% ihrer Aktivitäten. Da 52% dieser Aktivitäten nicht veröffentlichungspflichtig sind, kann man in diesem Jahr von Umsätzen von rund 60 Mrd. Euro ausgehen. Und der Trend soll sich im nächsten Jahr ungebrochen fortsetzen. Ein Mangel an ausländischen Investoren besteht also nicht.
Die USA steht auch nicht mehr viel besser da. Reuters meldete am 28.12.: Der Automobilverkauf von GM (Opel) fällt im Dezember um weitere 9%, nach dem er in neun von zwölf Monaten bereits kräftig eingebrochen war. Ford verkauft 14,5% weniger Autos und Chrysler (Mercedes) 2 - 6% weniger. Wer nichts verdient, kauft auch kein Auto - logisch oder? GM verlagert jetzt auch seinen IT-Sektor (computerisierte Programmierung, Steuerung, Verwaltung) ins billigere Ausland. Damit gehen US-Dienstleistern Aufträge von jährlich rund 15 Mrd. US-Dollar verloren. Für die IT-Bereiche spielen im Unterschied zur realen Güterproduktion mit anstehenden Transportkosten, Entfernungen keine Rolle mehr. Das Internet ermöglicht den Transport entsprechender Arbeitsprodukte in Bruchteilen von Sekunden von jedem irdischen Ort an jeden beliebigen anderen. Die Hoffnung, der "Dienstleistungssektor" werde den Verlust industrieller Arbeitsplätze wettmachen, auf die neben der FAZ viele Experten auch in Deutschland setzen, wird sich als bitterer Irrtum erweisen. Man kann in Indien und China inzwischen ebenso gut oder besser mit Computern umgehen wie hierzulande und braucht zum Leben deutlich weniger Lohn. Die "Green Card" für Computerspezialisten war natürlich ein Unsinn, eher wäre sie für Haarschneider oder Gourmet-Köche berechtigt. Im Dienstleistungsbereich eröffnet sich der Konkurrenz ein weites Feld; und GATS (Abbau der Handelsschranken für Dienstleister durch UN-Abkommen) wird es bald aufgeschlossen haben.
Auf eine andere Outsourcing-Problematik verweist die Financial Times aus Lateinamerika vom 27.12. Da Brasilien 15,56 Mrd. US$ und Argentinien 9,8 Mrd. US$ aus den Rippen ihrer Bevölkerung geschnitten und an den Internationalen Währungsfond zurückbezahlt haben, fehlen diesem die Zinseinnahmen, um die jährlichen Kosten von rund 1 Mrd. US$ für Gehälter festangestellter Analysten und Regierungsberater etc. aufzubringen. Hugo Chavez von Venezuela hat für das kommende Jahr ebenfalls Rückzahlungsabsichten angekündigt. Darüber jammert Desmond Lachman vom American Enterprise Institute: "Die Forderungsliste des Internationalen Währungsfonds wird ziemlich kurz". Wenn Leute keine Kredite mehr aufnehmen, weil sie entweder nicht mehr kreditwürdig sind, oder sich von ihrer Schuldenlast (so weit sie das können) befreien, dann geht den Banken das Geld aus. Wie ist möglich geworden, daß die Opfer der Economic Hitmen, die Länder denen eine Verschuldung jenseits jeder Rückzahlbarkeit aufs staatliche Auge gedrückt worden ist, plötzlich doch ihre Schulden zurückzahlen? Woher haben sie die erforderlichen Dollars?
Hier regen vielleicht zwei weitere Meldungen zum Nachdenken an. Asahi Shimbun aus Japan meldete am 27.12., daß die Einreichungsfrist für ein Übernahmeangebot für die Firma British Nuclear Fuel, die unter anderem auch Westingshouse Electric Corp. besitzt, abgelaufen sei. Der Gewinner wird im nächsten Monat bekannt gegeben. Die Bewerber sind Mitsubishi und Toshiba. Was sollen die Japaner auch anderes mit den vielen Dollars machen, die sich bei Ihnen angesammelt haben, als damit einzukaufen, was auf dem Weltmarkt zu haben ist.
Die andere Meldung ist, daß Andrej Illarionow, der liberale Wirtschaftsberater des Russischen Präsidenten zurückgetreten ist. Er begründet seinen Rücktritt mit der zunehmenden Unfreiheit im Land und dem Mangel an Demokratie. Illarion war der Mann, der das Kyoto-Abkommen eine Art "Auschwitz für die Russische Volkswirtschaft" genannt hatte, der aber andererseits von den Selbstregulierungskräften der freien Mafia-Wirtschaft überzeugt war. Kaum Zweifel bestehen, daß er wegen seiner liberalen Wirtschaftsvorstellungen und nicht wegen seiner Einstellungen zur Klimaideologie gehen mußte. Jedenfalls begründet er seinen Rücktritt oder Rausschmiß mit den gleichen Vorwürfen gegen Rußland, die in den letzten Monaten lauter und lauter in unseren Medien zu hören sind. Was ist ein "freies Land"? Etwa eines, in dem die Menschen aufgrund von Zahlungsverpflichtungen arbeiten müssen und nicht, um Versorgungsprobleme für sich und ihre Umwelt zu lösen?
Was haben die zu vielen Dollars auf dem Weltmarkt mit dem Rausschmiß von Illarionow und mit der wachsenden Arbeitslosigkeit und schrumpfenden Versorgung der Menschen zu tun? Dollars auf dem Weltmarkt außerhalb der USA sind Forderungen an die USA. Wenn man sie nicht mehr als "Währungsreserve" (wie in Folge des Bretton Woods Abkommens) und nicht mehr zur Bezahlung der Ölrechnungen (Wie 1974 von den "Ölscheichs" festgelegt, um den Westen für die Unterstützung Israels im Yom-Kippur-Krieg zu "bestrafen" (das sollten uns damals jedenfalls die Medien weismachen) benötigt, dann werden sie frei, um sich damit von Schulden zu befreien. Da die Terms of Trade auch auf dem Weltmarkt so geregelt worden waren, daß sich kein Land von seinen Schulden befreien konnte, ohne daß andere neue Schulden aufnahmen, muß sich an den Terms of Trade und damit an der wirtschaftlichen Zusammenarbeit von Ländern etwas ändern oder in einigen Fällen bereits geändert haben. Gab es nicht im letzten halben Jahr eine rege diplomatische Aktivität der Chinesen in Lateinamerika, aber auch in Rußland, China und im Iran? Sollte China versuchen, seine sich bei seinen Außenhandelsbanken ansammelnden Dollars wenigstens zu einem gewissen Teil zukunftssichernd einzusetzen? Vielleicht hat den Chinesen eine vorurteilsfreie Sichtung gewisser Episoden aus der Finanzgeschichte der USA bei unauffälligen Entscheidung (die wir nicht kennen) geholfen.
Die USA haben sich in Ihrer Geschichte schon öfters ihrer Schulden (Zahlungsverpflichtungen) durch entsprechende Dollarentwertungen entledigt. Dabei sollte man nicht so sehr auf die drastischen Geldentwertungen achten, mit denen sich die junge, hochverschuldeten USA ihrer meist europäischen Gläubiger entledigte, sondern auf die durch den Ersten Weltkrieg wohlhabend gewordene USA. Zwischen dem 12. Mai 1933 und 30 Januar 1974 wurde der Dollar auf 59,06% seines früheren Goldwertes abgewertet. Damals besaß die USA 40% des gesamten Währungsgoldes der Welt. Die Dollarabwertung bedeutete innenpolitisch eine drastische Agrarpreis-Steigerung, die hatte der Präsident den US-Farmern versprochen. Die Arbeiter lasteten die entsprechende Verteuerung ihrer Lebenshaltung nicht dem gewählten Präsidenten an, sondern den unverschämten Bauern. Die Geldentwertung bedeutete auch eine Entlastung vom Schuldendienst. Außerdem steigerte Roosevelt damit den Export ohne (bei hohen Schutzzöllen) durch entsprechend steigende Importe die US-Wirtschaft zu vergrämen. Denn er kaufte mit dem vereinnahmten Geld auf dem Weltmarkt Gold zu, das es der Federal Reservebank unter der damaligen Gesetzeslage erlaubte, den Geldumlauf zu steigern. 1942 war der Anteil der USA am Weltwährungsgold auf 80% angestiegen.
Roosevelt wurde zum Economic Hitman der Wallstreet. Unter seiner Regie wuchs die Bundesschuld gegenüber der Federal Reservebank, die bekanntlich den großen privaten Finanzhäusern gehörte, von 22 auf 257 Mrd. US$, das heißt um das Zwölffache. Gleichzeitig sank die Kaufkraft des Dollars von 100 im Jahr 1933 auf 34 im Jahr 1944. Mit dem Geld wurde der New Deal und, weil der zum Teil nicht richtig funktionierte und zum Teil von den Kapital- und Kreditgebern sabotiert wurde, vor allem der 2. Weltkrieg finanziert, der in den USA endlich für Vollbeschäftigung und höhere Löhne sorgte. Für den entsprechenden Schuldendienst hatte der US-Steuerzahler aufzukommen, wenn es nicht gelang, diese Schulden liquide zu machen und dem Ausland anzuhängen. Das gelang mit dem Bretton Woods Abkommen nach dem Krieg. Denn der Dollar wurde zum Weltzahlungsmittel, das alle Welt benötigte. Dollar aus den USA bekam man aber nicht ohne Gegenleistung an die USA und ihre Geldgeber.
Ist etwas Ähnliches wieder in Vorbereitung. Schützen sich gewisse Regierungen außerhalb des "freien Marktes" vor solchen Ereignissen, indem sie ihre Dollars noch kurz vor der Ab- oder Entwertung zukunftsträchtig einsetzen. Was aber ist diese Zukunft? Wird das Jahr 2006 uns eine Neue Finanzordnung bescheren, die uns wieder eine gewisse Zeitlang etwas wirtschaftliche Luft läßt, oder die es uns ermöglicht, unsere Arbeitskraft für die Bewältigung der realen Versorgungsprobleme (und nicht nur der monetären) einzusetzen, oder wird ein neuer Weltkrieg für Arbeitsplätze und neue Aufschuldungsmöglichkeiten sorgen.
Sie sehen, das Neue Jahr wird spannend werden und das gerade nicht wegen der Fußballweltmeisterschaft, sollender vielleicht sogar dann, wenn diese für Ablenkung sorgt.
Quelle: http://www.spatzseite.de/
Gruß
mvd