Infiziert
01.03.2020 | Klaus Singer
Die Finanzmärkte zeigen Anzeichen von Panik. Der S&P 500 hat mit
den jüngsten sechs Verlusttagen in Folge die schärfste Korrektur in
seiner Geschichte hingelegt. Gleichzeitig notiert die Rendite der
zehnjährigen TNotes mit 1,3% so tief wie noch nie, das gilt auch für die
Rendite der 30-jährigen TBonds mit unter 1,8%. Und der Goldpreis kennt
kein Halten mehr.
Die Medien sind voll von Horror-Szenarien, die
mit dem "Corona"-Virus in Verbindung stehen. Während die Zahl neuer
Infektionen in der VR China zurückzugehen scheint, breitet sich der
Virus in anderen asiatischen Ländern aus und hat nun auch Europa
erreicht. Italien ist momentan am stärksten betroffen, aber auch in
Deutschland steigen die Fallzahlen deutlich an. Die USA scheinen
momentan noch wenig betroffen, was schwer nachvollziehbar ist angesichts
der großen asiatischen Gemeinden in Städten wie z.B. New York und San
Francisco.
Die Epidemie ist dabei, sich zu einer Pandemie zu
entwickeln. Die wirtschaftlichen Auswirkungen könnten verheerend sein.
Dabei werden immer wieder die eng verzahnten Lieferketten ins Gespräch
gebracht, die zu einem wesentlichen Teil in der VR China verankert sind.
So die Argumentation.
Die Zahl derjenigen Erkrankten, die die
Infektion nicht überlebt haben, ist verglichen mit einer Grippewelle
gering. Allein in Deutschland sterben pro Jahr einige zehntausend
Menschen an Grippe. Bisher sind weltweit wahrscheinlich nicht einmal
5.000 "Corona"-Tote zu beklagen. Mag sein, dass "Corona" besonders
leicht übertragbar ist und deswegen eine besondere Gefahr darstellt.
Trotzdem erscheint mir die Aufregung in den Medien übertrieben zu sein.
Die
Aktienmärkte haben den Ausbruch von "Corona" in der VR China einige
Wochen lang ignoriert. Der S&P 500 ist z.B. seit Mitte Dezember noch
um rund sieben Prozent gestiegen. Am Mittwoch, den 19. Februar,
markierte der Index bei 3386 ein Allzeithoch, dann begann der Kursrutsch
um zur Stunde 14%. Die Renditen begannen ihren Sinkflug schon früher,
die TBond-Kurse sind seit der zweiten Dezemberhälfte um 7,7% gestiegen.
Viele
sehen „Corona“ als den größten exogenen Schock in der Geschichte der
Finanzmärkte seit Ende des Bretton Woods Systems. Ich würde sagen, aus
der größten Aktien-Blase seit dieser Zeit wird gerade die Luft
abgelassen. Eine Korrektur stand ohnehin bevor, das Virus diente als
perfekter Katalysator. Insofern haben wir es hier nicht so sehr mit
einem Schock von außen zu tun, sondern mit „hausgemachten“ Ursachen. Das
Virus ist ein hinzukommender Faktor.
Was war das Umfeld, in dem
der S&P 500 vor zwei Wochen seine Korrektur einleitete? Am Tage des
jüngsten Allzeithochs wurde das Protokoll der jüngsten FOMC-Sitzung
veröffentlicht. Viele Akteure hatten sich davon Aufschluss erhofft, ob
die Fed ihr QE-Programm, das man nicht so nennen darf, über den März
hinaus fortsetzt (siehe hier!). Die Hoffnung war vergeblich, die
Kursreaktion am Folgetag war aber eher zu vernachlässigen. Am Freitag
derselben Woche wurde dann der Composite Flash-PMI der USA für Februar
veröffentlicht. Und der hatte es in sich - der Ausstoss kontrahierte zum
ersten Mal seit Oktober 2013, auch die Geschäftsaktivitäten im
Dienstleistungs-Sektor fielen auf ein 76-Monats-Tief.
Tempoverlust
bei den US-Makrodaten gibt es schon länger. Der Index der
Industrieproduktion dreht nach unten ab, der jährliche Zuwachs an
Arbeitsplätzen liegt nahe dem Tief in der Zeit seit Mitte 2011. Auch die
zweite Schätzung des US-BIP für das vierte Quartals 2019 ergab kein
grundsätzlich anderes Bild als hier bereits dargestellt. Weitere
Quartale mit schwachem Wachstum sind zu erwarten (und waren es eben auch
vor "Corona" schon).
Über die zurückliegenden vielen Monate ist
die Schere zwischen Wirtschaftsausblick und Aktienkursen immer weiter
aufgegangen. Die jährliche Veränderung der Gewinnrendite ist seit
Oktober, die der Dividendenrendite seit Dezember negativ.
Rekordverdächtige Kurs-Gewinn-Verhältnisse lassen sich da nicht lange
durchhalten.
Ein KGV der zehnjährigen TNotes von über 60 ist
demgegenüber auch nicht attraktiv, aber das ist gerade die Besonderheit
der aktuellen Situation. Wir befinden uns in einer "everything-Bubble",
wie es so schön heißt, über die zurückliegenden zehn Jahre von den
Zentralbanken herangezüchtet. Und das erklärt auch zum Teil die
besondere Heftigkeit der Kursbewegungen. Der Spielraum der Zentralbanken
ist nach der immerwährenden Geldflut gering. Dementsprechend gibt es
Zweifel, dass diese Institutionen es schon richten werden, mit den
Konsequenzen einer möglichen Pandemie fertig zu werden.
Die neu
geschaffene Zentralbank-Liquidität fließt im Rekordtempo weiter in
Anleihen. Dadurch werden die Spreads gering gehalten - zumindest so
lange die Zuflüsse nicht abreißen. Das macht angesichts einer
Ausbreitung von "Corona" zu erwartenden Pleiten im Transportgewerbe, bei
Energieunternehmen, im Tourismus und anderswo zwar keinen fundamentalen
Sinn, zeigt aber, wie sehr die durch die Geldflut der zurückliegenden
Jahre manipulierte Zinslandschaft ihre Aussagekraft verloren hat.
Nicht
unwahrscheinlich, dass die TBond-Renditen nun auf Sicht von vielleicht
zwei Jahren die Marke von einem Prozent ins Visier nehmen und die
Rendite der zehnjährigen TNotes dann bei 0,5% liegt.
Es gibt noch
ein Argument, warum die aktuellen Turbulenzen vorprogrammiert waren und
nur am Rande mit "Corona" zu haben. Im Mai 2019 gab es Phasen einer
Inversion bei der Zinsstruktur. Üblicherweise dauert es 15 Monate, bis
sich eine invertierte Zinsstruktur in den Unternehmensgewinnen bemerkbar
macht. Dies hat Tom McClellan hier sehr schön gezeigt.
Die
Firmenprofite sind nun einmal die hauptsächliche Triebkraft für die
Aktienkurse. Wenn hier nachhaltige Schwäche aufzieht, folgen die Kurse
über kurz oder lang. Im S&P 500 haben wir im dritten Quartal 2018
mit mehr als 25% das Topp des jährlichen Gewinnzuwachses im laufenden
Konjunkturzyklus gesehen. Im vierten Quartal folgte ein Kurseinbruch.
Dann stieg der S&P 500 nochmals um fast 45%, dabei kommen wir
aktuell nur noch auf ein Gewinnwachstum von rund 2,5% pro Jahr.
Nach
der Beobachtung von Tom McClellan wäre in normalen Zeiten irgendwann im
dritten Quartal mit dem Beginn einer Gewinnrezession zu rechnen
gewesen. Der Anteil der Gewinne am BIP bewegt sich aber bereits seit
Anfang 2012 abwärts. Auch das zeigt, wie fragil die Entwicklung der
Unternehmen nach der Finanzkrise tatsächlich war und ist.
Dementsprechend heftig muss dann irgendwann die Reaktion ausfallen
(Chartquelle).
[Blockierte Grafik: https://www.goldseiten.de/bilder/upload/gs5e5bc60475c86.gif]
Quelle: https://fred.stlouisfed.org/graph/?graph_id=694652&rn=63
Was
glauben Sie, was angesichts dieser Situation jetzt fundamental
angemessen ist? Vielleicht ein Stand im S&P 500 bei 2700 -
vorausgesetzt, es ist sonst alles, wie es war. Ich habe mich hier mit
der aktuellen Chart-Lage im S&P 500 beschäftigt.
Und hier
spielt wieder "Corona" hinein, wenn auch hauptsächlich als Trigger für
anderweitige Probleme. Die internationale Arbeitsteilung ist
mittlerweile so stark ausgeprägt und die Pufferlager sind so weit
minimiert, dass schon kleine Erschütterungen in den Lieferketten zu
großen Problemen führen. Da die Notenbanken nur noch wenig Manövrierraum
haben, wäre die Politik gefragt. Abgesehen davon, dass die
Rettungsringe für marode Banken den Staaten nach 2008 auch einen
Großteil ihrer Möglichkeiten genommen haben - angesichts der politischen
Verwerfungen in und zwischen den großen Industrienationen fällt es
schwer, hier effektive Maßnahmen zu erwarten (so denn welche nötig wären
bei einer wirklich katastrophalen Entwicklung bei "Corona").
Man
kann auch ganz bösartig argumentieren: "Corona" kommt wie gerufen. Das
Virus gibt den Anlass für die großen liquiditätssüchtigen Akteure an den
Finanzmärkten, Gewinne vom Tisch zu nehmen. Und setzt die
Zentralbanken, insbesondere die Fed, unter massiven Druck, mit ihrer
Geldflut über März hinaus fortzufahren. Je tiefer die Kurse, je größer
der Druck. Es ist wie im wirklichen Leben: Ein Süchtiger schreckt vor
nichts zurück, um an "Stoff" zu kommen.
Fazit
Die
Ausbreitung von "Corona" lieferte den (willkommenen) Anlass, Gewinne
mitzunehmen. Dass beim Platzen einer Preisblase schon mal die Kontrolle
abhanden kommt, ist klar - sich selbst befeuernde Abwärtsbewegungen sind
die Folge. Die negativen Folgen von "Corona" auf die Weltwirtschaft
werden beim gegenwärtigen Grad der Ausbreitung medial gewaltig
übertrieben - Kurse machen Nachrichten. Wichtig ist, dass die
Aktionsspielräume von Zentralbanken und Staaten nach 2008 erheblich
abgenommen haben, auf Schocks zu reagieren. Das schafft Unsicherheit.
"Corona" dient zugleich als Anlass, die Zentralbanken, insbesondere die
Fed, unter Druck zu setzen, weitere Liquidität in die Finanzmärkte zu
pumpen.
Ergänzung:
Was die
Fed-Politik anbetrifft, so passt folgender brandaktueller Artikel „Fed
Pulling Back from Repos at The Wrong Time“ sehr gut zum obigen Thema,
insbesondere zu weiteren Vorgehen der Fed im Repo-Markt.
Ich zitiere: "For
current market historians, the important point about the Fed’s
intervention in the repo market is that it was beneficial for stock
prices to have the Fed adding liquidity in this way. And the Fed’s
gradual departure since early January has meant a withdrawal of
liquidity from the banking system, and from investment accounts, which
has put downward pressure on stock prices. The novel coronavirus has
only amplified that downward pressure."
… Das "Corona"-Virus hat lediglich den Abwärtsdruck verstärkt. …