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08.10.2012 08:22
Wolfgang Wrzesniok-Rossbach, CEO von Degussa Goldhandel, äussert sich im cash-Interview zum Schweizer Markteintritt, zur Eigentümerfamilie von Finck, zur Geschichte des Goldhandels und zu Tipps beim Edelmetall-Kauf.
Ist der Goldmarkt Schweiz ein Entwicklungsland?
Überhaupt nicht. Es gibt in der westlichen Welt vier Länder, in denen es relativ einfach ist, als Privatanleger physisches Gold kaufen zu können. Das sind die drei deutschsprachigen Länder und Luxemburg. Alle anderen Länder haben ein System mit Banken, die in der Regel kein Gold verkaufen.
Warum ist das so?
Das hat sicherlich historische Gründe. In Österreich, Deutschland und in der Schweiz hatte Gold als Portfoliobeimischung schon immer einen hohen Stellenwert. Und in der Schweiz lebt das Goldgeschäft auch ein Stück weit von ausländischen Kunden. Die Schweizer Bankenszene ist seit vielen Jahren im Goldhandel verankert, und die Schweiz hat mit der Uhren- und Schmuckindustrie sowie mit der Heimat von vielen Scheideanstalten eine starke Verwurzelung im Goldgeschäft. In den USA beispielsweise wird Gold hingegen vor allem über Futures oder ETF investiert.
Wie sehen die Expansionspläne von Degussa Goldhandel in Europa aus?
Der Fokus liegt schwerpunktmässig auf Deutschland und der Schweiz, wobei wir in Deutschland noch lange nicht am Ziel sind. Im letzten November haben wir München eröffnet, wir sind jetzt in Frankfurt bereit, und im nächsten Monat eröffnen wir das Ladengeschäft in Stuttgart. Letzte Woche ging eine Repräsentanz in Köln auf. In Kürze kommen Berlin, Hamburg und andere Städte dazu. Ob wir in anderen Ländern weitere Schritte unternehmen, ist theoretisch möglich. Wir betreiben bereits Partnerschaften zum Beispiel in Polen oder Tschechien.
Die in der Schweiz wohnhafte Milliardärsfamilie von Fink hatte die Marke Degussa ja 2010 gekauft. Stecken da auch Marketinggründe dahinter?
Degussa ist eine starke Marke. Sie hat eine weit über hundertjährige Geschichte und ist eng gebunden an das Edelmetallgeschäft. Ausgeschrieben heisst dies ja 'Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt'. Insofern bauen wir schon auf die Attraktivität dieses Namens.
Viele Leute kaufen Gold als beständige Wertanlage, die sie dann horten. Ist der Goldhandel nicht ein Einweggeschäft, das kaum grossen Umsatz bringt?
Da haben sie nur insofern Recht, als dass es grosse Zyklen gibt, die dann schwerpunktmässig in eine Richtung zeigen. In den 70er und Anfang der 80er Jahre hatten wir einen Kaufzyklus, in den 90er Jahren und bis 2001 einen Verkaufszyklus. Seit 2006 und insbesondere seit Ausbruch der Finanzkrise verzeichnen wir wieder eine grosse Nachfrage nach Investment-Gold. Das ist der grosse Umsatzbringer derzeit, und er wird es angesichts der Entwicklung in Europa auch bleiben. Wir bewegen uns in einem sehr langfristigen Geschäft. Daneben muss man andere Standbeine und Geschäftsfelder aufbauen, zum Beispiel den Kauf und Verkauf von Altgold, Schmuck, Silberbestecken, Münzsammlungen oder alten Industriemetallen wie Tiegel aus Platin.
Die Leute kaufen meistens Gold in Krisenzeiten oder wenn eine Krise absehbar ist. Ist das Goldgeschäft ein Geschäft mit der Angst?
Das glaube ich nicht. Die Banken haben schon immer argumentiert, dass man einen gewissen Anteil des Portfolios in Gold investieren soll. Das wurde aber lange Zeit ignoriert, als Aktien boomten und die Festverzinslichen noch Zinsen zahlten. Gold behält seit 5000 Jahren seine Anerkennung und es war immer eine Art Versicherung, obwohl es seinen Wert nicht immer halten konnte. Diesen Umstand haben sich die Anleger in den letzten Jahren wieder mehr ins Bewusstsein gerufen. Die Leute schauen heute wieder mehr auf Sachwerte wie Edelmetalle und kaufen sich krisensichere Währungen oder Immobilien.
Aber Gold ist eine Art Fluchtinvestition.
Erst wenn die Leute bei uns Schlange stehen, kann man von Flucht oder Panik sprechen. Viele Leute haben derzeit einfach ein Aufholbedürfnis, um auf den durchschnittlich etwa 10-Prozent-Portfolio-Bestand bei Gold zu kommen, den viele Investoren halten.
Der Goldpreis ist seit dem Einsetzen der grossen Nachfrage 2008 volatiler geworden. In diesem Jahr stürzte der Preis von einem Rekordhoch etwa 25 Prozent in die Tiefe…
Hohe prozentuale Schwankungen beim Goldpreis hat es schon immer gegeben, in absoluten Zahlen war es früher allerdings viel weniger. Als der Goldpreis einmal bei 250 Dollar pro Feinunze lag, stieg er innerhalb weniger Wochen um 30 Prozent an und fiel dann wieder. Etwas ganz typisches heute ist auch, dass wir beim physischen Gold keine Spekulanten sehen. Diese operieren über Optionen oder via Exchange Traded Funds.
Der Silberpreis ist einiges volatiler als der Goldpreis. Spielt da vor allem die Industriekomponente mit?
Das spielt zum Teil eine Rolle. Ein Beispiel: Als der Silberpreis nach unten ging, hing das auch damit zusammen, weil einer der wichtigsten Märkte für Silber, nämlich die Fotografie, als Markt quasi wegbrach. Denn früher wurde Silber für die Filme und das Fotopapier verwendet. Heute fotografieren alle digital. Silber ist auch eher ein Metall für spekulativ orientierte Anleger. In solchen Märkten kommt es typischerweise zu Herdenverhalten. Der Silbermarkt ist ein kleiner Markt, mit relativ wenig Einsatz kann man den Kurs in die gewünschte Richtung dirigieren. Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für Hedgefonds.
Dann würden sie die Portfoliobeimischung mit Edelmetallen eher mit Gold empfehlen?
Ja, aber Silber sollte man nicht aus den Augen verlieren. Silber hat ja gegenüber Gold auch den Nachteil, dass beim Kauf Mehrwertsteuer belastet wird, wie übrigens alle anderen Edelmetalle auch. Gold dagegen ist praktisch europaweit davon befreit.
Wieso das?
Das liegt wohl daran, dass Gold als Investment schon immer sehr währungsnah war. Bei Devisengeschäften zahlen Sie ja auch keine Mehrwertsteuer. Auf der anderen Seite sind Silber, Platin und Palladium auch Industriemetalle, da belasten die Unternehmen beim Handel gegenseitig Mehrwertsteuer.
Wohin geht die Reise beim Goldpreis? Es gibt ja wilde Prognosen von 3000, 5000 oder gar 10000 Dollar pro Feinunze.
Die halte ich für übertrieben. Man muss sehen: Die Märkte finden auch immer wieder Verkäufer, die Gewinne mitnehmen. Die weltweite Schuldenlage und die Finanzpolitik in Europa spricht aber dafür, dass immer mehr Geld gedruckt wird und knappe Güter wie Gold und andere Edelmetalle auf der anderen Seite nicht einfach mir nichts Dir nichts vermehrt werden können und teurer werden. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten zwei bis fünf Jahren fortsetzen. Zumal wir auch anhaltend hohe Nachfrage sehen.
Aber 3000 Dollar sind bei den derzeitigen Notierungen von fast 2000 Dollar doch nicht unrealistisch.
Etwas Geduld ist erforderlich. Jetzt muss erst einmal die Marke von 2000 Dollar genommen werden, und das ist dann sicher nicht das Ende der Fahnenstange. Aber die Marke von 3000 Dollar ist derzeit noch zu weit weg.
Was sagen Sie allgemein zu Goldpreisprognosen?
Ich sage immer, dass kurzfristig die Notierungen nicht in den Himmel wachsen können. Es kann ja zum Beispiel die Schmucknachfrage einbrechen, oder beim Silber die industrielle Nachfrage. Die Schmuckindustrie hat beim Gold einmal 80 Prozent der Nachfrage ausgemacht, heute sind es noch etwa 50 Prozent. Bei steigenden Preisen sinkt auch die physische Nachfrage, weil sich die Leute bei gleich bleibenden Löhnen die Unzen nicht mehr leisten können. So etwa in Indien, wo das Gold noch viel mehr als Zahlungsmittel eingesetzt wird. Bei stark steigenden Preisen steigt auch der Anteil von Recycling-Gold auf den Märkten, was auch wieder dämpfend auf die Kurse wirkt.