Goldpreis: Weiterer Anstieg erwartet
Von unserem Korrespondenten DIETER CLAASSEN (Die Presse) 29.11.2004
Nach den Spekulanten an den Terminmärkten beginnen jetzt auch Schmuckkäufer und Kleinanleger den Wert des gelben Metalls zunehmend zu schätzen.
London. Der World Gold Council, WGC, kann seine Genugtuung über die jüngsten Entwicklungen am Goldmarkt kaum verhehlen. Und dabei blickt die Lobby der Goldproduzenten nicht nur auf den Terminmarkt in New York und den Unzenpreis von über 451 Dollar am vergangenen Freitag in London nahe dem höchsten Stand seit 1988. Seit dem Sommer, als der Preis unter dem Druck von Gewinnmitnahmen nervös gewordener Anleger vorübergehend auf ein Jahrestief von 375 Dollar je Unze absackte, hat laut dem WGC auch die weltweite Nachfrage nach Goldschmuck und die der Kleinanleger wieder zugenommen.
Im dritten Quartal per Ende September stieg die Verbrauchernachfrage weltweit, sei es nach Schmuck, Barren oder Münzen um ansehnliche sechs Prozent gegenüber dem dritten Quartal des Vorjahres. In den ersten neun Monaten nahmen die Goldverkäufe dadurch um sogar acht Prozent zu. In Indien - dem weltweit größten Markt - gar um das Doppelte dessen. In Dollar gemessen gaben die Goldfans seit Jahresbeginn sogar um 23 Prozent mehr für das Edelmetall aus als 2003.
Michael Lewis von der Deutschen Bank in London spricht von "mächtigen, fundamentalen Marktfaktoren", die den Goldpreis noch für geraume Zeit hoch halten würden. Trotz der gestiegenen Preise halten sich die Notenbanken bisher mit ihren Verkäufen zurück.
Und selbst wenn der Preis noch kurz vor Jahresschluss unter den Druck von Gewinnmitnahmen der institutionellen Anleger kommen sollte, rät er erst recht zu weiteren Käufen. Denn die Dollarschwäche könnte sich gemessen an früheren Abwertungszyklen noch bis 2007 fortsetzen. Bei einem Eurokurs von 1,45 Dollar hält er einen Goldpreis von 480 bis 510 Dollar je Unze für möglich. Außerdem könnte Gold laut Lewis zunehmend von solchen Anlegern Zulauf erhalten, die von den Börsen-engagements der letzten Jahre enttäuscht worden seien. Die nach wie niedrigen weltweiten Zinssätze erleichtern überdies die Finanzierung eines Engagements in dem zinslosen Metall. Letztlich würden die wachsenden geopolitischen Risiken dem Goldpreis "zumindest noch am Rande" eine Stütze geben.
Am meisten scheinen sich die Japaner die geopolitsichen Risiken zu Herzen genommen zu haben. Dort finden derzeit die mit Goldbarren von bis zu zehn Kilogramm und Münzen bestückten "Senryobako" Schatzkästlein einen reißenden Absatz. Sie dürften maßgeblich zu den binnen Jahresfrist um 74 Prozent gestiegenen Goldkäufen für Anlagezwecke beigetragen haben.
Einen Teil der steigenden Goldnachfrage schreibt der Gold Council auch den eigenen Bemühungen um eine Förderung des Absatzes von Goldschmuck zu. In China hätten diese zu der Umkehr des seit Jahren rückläufigen Verkaufstrends beigetragen. 2004 dürften die Schmuckverkäufe dort um etwa zwölf Prozent zunehmen. Der hohe Ölpreis und der steigende Wohlstand haben auch in den Ländern des Nahen Osten das Schmuckgeschäft beflügelt.