Hungern trotz einer Handtasche voller Gold
Selbstversuch in München: Wer mit Edelmetall bezahlen will, bekommt ein Auto, eine Küche, vielleicht auch ein Haus - aber nichts zu essen.
Von Simone Boehringer
Goldmünzen und Goldbarren, dpa
vergrößern Ein Kilo Gold ist derzeit etwa 20.000 Euro wert - doch was kann man sich damit in Geschäften kaufen?
Foto: dpa
Die Kundenberaterin einer Münchner Kunstgalerie schluckt, ihre Hand zittert ein wenig. Gerade hat sie einen blitzenden Goldbarren in die Hand gedrückt und die Frage gestellt bekommen: "Was kriege ich bei Ihnen für ein Kilo?" Die Frau dreht den in Plastik eingeschweißten Barren mit Prägestempel und Inschrift der Goldgießerei Umicore hilflos hin und her. Sie räuspert sich, dann meint sie: "Das kriegen wir schon hin, zur Not lösen wir das gute Stück eben bei unserer Bank ein." Gerade zückt sie verschiedene Kataloge.
Die Goldbesitzer aber wollen es sich noch einmal in Ruhe zu Hause überlegen, in was sie das edle Stück investieren. Ein Kilo Gold ist derzeit etwa 20.000 Euro wert.
Einkaufen gehen in München mit Gold und Silber - so der Selbstversuch vor dem Hintergrund der aktuellen Gold-Euphorie, verursacht durch die Kreditkrise und das wachsende Misstrauen vieler Menschen gegenüber Banken und Barem. Was also ist Gold heute im Alltag noch wert? Über Jahrtausende war es in vielen Kulturen gleich Geld, bis Ende des Ersten Weltkrieges moderne Finanzsysteme mit Papierwährungen in weiten Teilen der Welt Einzug hielten und das Edelmetall als offizielles Zahlungsmittel ablösten.
Dennoch sollte die Shoppingtour ein mühsames Unterfangen werden. Am Anfang des Tages ein Besuch beim Goldhändler: Er versorgt einen mit gängigen Goldmünzen und -barren, sogar mit Silberlingen als Kleingeld. Gleichzeitig prophezeit er, dass mit den edlen Metallen, die einen Gesamtwert von 30.000 Euro haben, "wohl wenig zu holen" sei.
"Nein, danke, geben Sie mir Bargeld oder EC-Karte"
Der Bäcker um die Ecke bestätigt die Prognose gleich. Ein silberner American Eagle, Marktwert etwa 15 Euro, für ein Croissant und eine Flasche Wasser? "Nein, danke, geben Sie mir Bargeld oder EC-Karte, ich nehme nur offizielle Zahlungsmittel", sagt die Verkäuferin freundlich, aber bestimmt. "Warum, wo Sie doch ein gutes Geschäft dabei machen könnten?" "Nein, ich will keine Scherereien haben, wenn die Kasse nicht stimmt wegen so einem Kram."
Der nächste und übernächste Versuch bringen auch keinen Erfolg. "Ich habe keine Erfahrung mit Gold, deshalb nehme ich das Metall nicht an", sagt der Chef eines schicken Blumenladens in der Nähe des Prinzregentenplatzes. Ein Bouquet für eine nahe Hochzeit für 600 Euro hätte es sein sollen, gezahlt mit einer südafrikanischen Krügerrand-Münze, eine Unze schwer und die wohl bekannteste Goldmünze der Welt. An den Edelmetallbörsen ist sie derzeit rund 650 Euro wert. In einem kleinen Möbelhaus, eigentlich eine Luxusboutique für Großkunden, bietet die Beraterin zunächst an, teure Einzelstücke auch direkt mitzunehmen, wenn sie auf Lager sind. Bei der Bitte um Bezahlung in Gold verweist die Dame dann allerdings schnell auf ihre besondere Rolle. "Wir dürfen im Prinzip gar nicht an Sie direkt verkaufen, wenden Sie sich an den Fachhandel, den wir beliefern", lautet die Ausrede.
In einem Diskussionsforum im Internet hatte jemand behauptet, für einen silbernen Maple Leaf, das kanadische Silbermünzen-Pendant zum American Eagle, vollgetankt zu haben - Gegenwert 70 Euro. Doch der Tankwart beim Selbstversuch will von Silber nichts wissen, auch von Goldmünzen nicht. Er besteht auf Bezahlung per Karte oder Bargeld. "Ich nehme die Mastercard Gold, aber kein Gold", sagt er, beißt aber doch mal in eine Münze hinein, um die Echtheit zu prüfen, und findet sich lustig dabei.
Autohändler will "Klumpen" nicht akzeptieren
Der dynamische Limousinenverkäufer im Porsche-Zentrum München zeigt sich von einem Kilobarren auf seinem Tisch wenig beeindruckt: "Wir handeln mit Autos, nicht mit Edelmetallen", erklärt er. Nicht einmal als Anzahlung will er "den Klumpen", wie er ihn nennt, akzeptieren.
Es ist wohl Zeit, die Einkaufsstrrategie umzustellen, zumal es Mittag wird, also Zeit zum Essen. Am besten gleich in ein indisches Lokal. Sind doch die Inder seit Jahren die Nation mit der höchsten Nachfrage nach Gold. Für Bräute etwa sind Halsketten aus Gold das schönste Geschenk, denn sie sind in Indien nicht nur Schmuck, sondern in erster Linie Absicherung fürs Alter oder Notlagen. Aber der indisch-stämmige Restaurantchef schiebt die Goldgäste sanft zur Tür. Er wolle "nur Leute, die ordentlich bezahlen". Der Anblick eines Zehn-Gramm-Goldbarrens, gut 200 Euro wert, macht den Mann noch ungehaltener.
Es bleibt der türkische Feinkostladen. In der Türkei gilt Gold ebenfalls als traditionelles Wertaufbewahrungsmittel. Die diversen Silber- und Goldmünzen interessieren die Kassiererin aber nicht. "Wir halten uns an Recht und Gesetz in Deutschland", sagt sie.
Gibt es wenigstens einen Kredit für Gold? Nicht mal das! Beim aggressiv werbenden Verbraucherkreditanbieter Easycredit heißt es: "Sie müssen für ein Privatdarlehen arbeiten, wir benötigen Ihre beiden letzten Gehaltszettel. Wertgegenstände dürfen wir nicht annehmen." Die Dresdner Bank bietet an, die Edelmetalle anzukaufen, sie zu beleihen sei aber selbst bei Kilobarren Gold nicht möglich. "Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles", wusste doch schon Fausts Gretchen, oder? "Bei uns gilt die Geschäftsordnung und nicht Goethe", erwidert der Mann am Schalter den literarischen Versuch, ins Gespräch zu kommen.
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Deutlich zugänglicher für Prosa zeigt sich ein Küchenhändler im Südosten der Stadt. Für einen Kilobarren will er eine komplett ausstaffierte Markenküche liefern. "Sie müssten nur mit mir zur Bank gehen, um die Echtheit des Goldes überprüfen zu lassen", sagt er, voller Verständnis dafür, "dass man Zeiten der Bankenkrise zu ungewöhnlichen Zahlungsmitteln greift".
Ermutigt von diesem Erfolg, geht es weiter zu einem Gebrauchtwagenhändler. Der Mittfünfziger jongliert mit dem Kilobarren in seinem Container-Büro und redet ohne Unterlass: "Warum nicht, lassen Sie mich den Gegenwert schnell bei einem Freund und meiner Bank nachprüfen, dann kommen wir ins Geschäft", sagt der Mann, dem nach eigener Aussage so etwas in seinen 35 Jahren im Job nicht nicht vorgekommen ist. Am Ende der Verhandlungen steht der Deal: Es gibt eine neuwertige Geländelimousine der Marke Hyundai gegen einen Goldbarren.
Der letzte Einkaufsversuch des Tages: Eine Immobilie soll es sein, ein großes Haus mit Garten im südlichen Speckgürtel der Stadt. Die Beraterin eines Maklers in Bogenhausen verliert die Fassung auch dann nicht, als sie die offene Handtasche voller Münzen und Barren sieht. "Wie Sie Ihre Immobilie finanzieren, ist uns letztlich egal, aber wir sollten Ihnen vielleicht zunächst einen Vermögensberater vermitteln", meint sie und wiegt neugierig den Kilobarren mit der Hand auf. Auf den Hinweis, aus dem ungewöhnlichen Erbe von insgesamt 18 solcher Kilobarren Gold bereits ein Auto und eine Küche erworben zu haben, zückt sie einen Prospekt. "Sehen Sie sich mal infrage kommende Objekte an, ich nehme Ihre Wünsche in unsere Datei auf, und den Rest klären wir später."
http://www.sueddeutsche.de/fin…el/47/157626/article.html