Seit dem Beginn des Krieges hat die ukrainische Armee kein Territorium durch Kampf erobert.
Das ist so. Abgesehen von einigen marginalen Bewegungen von wenigen Kilometern hin und her, haben sie nichts erobert, die grösseren Gebiete haben sie kampflos zurückbekommen, der Feind war schon weg, als sie vorrückten.
In meinem Buch «Operation Z», das vor dem russischen Abzug aus Charkow und Cherson veröffentlicht wurde, habe ich eine im Juli 2022 gezeichnete Karte, aus der hervorgeht, dass die russische Truppendichte in den Sektoren Charkow und Cherson bei einem Bataillon pro 20 km lag. Im Donbas lag die Truppendichte bei einem Bataillon pro 1 bis 3 km. Mit anderen Worten: Schon lange vor den sogenannten ukrainischen Offensiven im September und Oktober waren diese Gebiete für die Russen eine dritte Priorität. In den Zonen, die die Russen den Ukrainern überliessen, waren sozusagen keine Truppen vorhanden, was erkennen lässt, dass die Russen kein Interesse an diesem Gebiet hatten.
Bei Charkow stimmt das nicht ganz genau.
Etwas detaillierter....die 3 grossen Territoriumsgewinne der Ukrainer hatten folgende Ursachen:
1. Kiew: Die erste Strategie der Russen hatte nicht funktioniert. Die Ukrainer hatten sich durch den gewaltigen Aufmarsch vor der Hauptstadt nicht einschüchtern lassen, sie haben den Braten gerochen, dass nämlich Putin NICHT in die Hauptstadt einmarschieren würde, weil dies eine Zerstörung und ein Blutbad gegeben hätte, das weit über allem liegen würde als das, was seither passiert ist. Um Faktor 10 vielleicht. Die ukr. Regierung hat nicht kapituliert, ist nicht zurückgetreten und hätte Kiew bis aufs Blut verteidigen lassen. Also strategischer Rückzug aus der ganzen Region, zentausende Soldaten mit ihrer ganzen Ausrüstung wurden kurzerhand mit dem Zug durch Russland in den Osten der Ukraine gefahren für die Phase 2, die somit auch "Plan B" genannt werden könnte.
2. Charkow: Es ist nicht so, dass die Russen kein Interesse an der Region Charkow gehabt hätten. Sie hatten schlicht zu wenig Truppen vor Ort. Hauptgrund war, dass sehr viele der Soldaten ihren 6-monatigen Einsatz hinter sich hatten und wieder zu ihren Familien nach Hause durften. Jeder hatte natürlich die Möglichkeit, für eine weitere Aktivdienst-Zeit zu unterschreiben, aber das haben nur wenige getan. Das lag nicht an mangelndem Patiotismus oder an Feigheit, sondern daran, dass die jungen Männer lieber leben als sterben wollten, sie hatten sich erbitterte Kämpfe geliefert und wussten, was das bedeutet. Es ist ganz anders als so ein beschämendes Özdemir-Plausch-Pfadfinderwochenende bei der Buntenwehr, denn die Kameraden werden links und rechts von einem zerfetzt.
Die Russen waren bei Charkow unter Druck und es war klug, die Region zu räumen und damit die eingenen Truppen so zu schonen, anstatt darauf zu warten, dass die Ukrainer tatsächlich das Gebiet erobern. Leider mit furchtbaren, unaussprechlichen Folgen für die dortige Zivilbevölkerung, wie hier berichtet wurde.
3. Cherson: Die Russen haben sich aus der Stadt und dem Umland am rechten Ufer in kürzester Zeit zurückgezogen, weil sie das Halten des Brückenkopfes zu viel gekostet hätte und weil sie ja nicht vorhatten, westwärts zu marschieren, sondern bis heute in einem Abnützungskrieg weitermachen, der ihnen offenbar strategische Vorteile bringt.
Also, Nummer 1 und 3 aus strategischen Gründen, Nummer 2 jedoch unter erheblichem Druck, dem sie aber rechtzeitig ausgewichen sind. Es wurden aber alle drei Gebietsgewinne der Ukros von unseren Medien hochgejubelt, als hätten die Ukrainer die Gebiete tatsächlich im Kampf erobert und als wären sie dem Endsieg nahe.
Jaques Baud ist klug, sachlich und gut informiert, ein Kenner. Er kennt die Ukraine und deren Armee aus eigener Erfahrung, er hat sogar bei der Entwicklung der Armee mitgearbeitet. Auch über die Russen weiss er sehr gut Bescheid. Es ist UNTER ALLER SAU, dass wir hier in der Schweiz einen solch hochkarätigen Experten haben und sich aber kein Politiker oder Journalist beraten lassen oder ihm auch nur zuhören möchte!!
PS: So einer wie Baud sollte unser Verteidigungsminister sein: Moderat, eloquent, mit ausgezeichneten Kenntnissen über Militär, Geheimdienste und Diplomatie. Statt dessen sitzt dort eine Dame, die für mich meist so rüberkommt, als spiele sie die Kindergärtnerin für uns und natürlich war sie nie im Militär und hat kaum Ahnung.