Edelmetall-Hausse
Vom Gold- zum Silberrausch
Silber ist so teuer wie seit Platzen der großen Blase 1980 nicht mehr. 
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Am Montag hielt sich Silber auf einem 31-Jahreshoch und wurde mit bis zu 36,75 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) gehandelt. In den kommenden Monaten könnte es weiter aufwärts gehen. Laut einer Umfrage des Webportals Silberinfo.de glauben mehr als 60 Prozent der Anleger, dass der Silberpreis am Ende des Jahres sogar bei über 45 Dollar stehen wird. Damit wäre das Rekordhoch von 50 Dollar aus dem Jahr 1980 in Reichweite.
Dabei profitiert das Edelmetall nicht bloß von den Folgen der Finanzkrise. Für Nachfrage sorgen auch sogenannte Silber-ETFs, börsengehandelte Indexfonds, mit denen Investoren auf die Preisentwicklung des Rohstoffs wetten können. Im April 2006 legte der Anbieter iShares den ersten Silberfonds überhaupt auf, ein Jahr später hatte sich der Kurs auf 20,4 Dollar verdoppelt.
Die Folge: Das Interesse wuchs. "Anleger hatten plötzlich die Möglichkeit, in physisches Silber zu investieren, das war etwas völlig Neues", sagt Wolfgang Wrzesniok-Rossbach vom Edelmetallspezialisten Heraeus. Bis Oktober 2008 fiel der iShares-ETF zwar auf einen Tiefstand von 9 Dollar, er erholte sich jedoch schnell und kletterte Ende 2010 auf fast 30 Dollar.
Anders als Gold ist Silber aber nicht nur als Kriseninvestment begehrt. Als Industriemetall profitiert es momentan auch von der globalen Erholung, sagt Eugen Weinberg, leitender Rohstoffanalyst der Commerzbank. Die Nachfrage nach Silber steige daher ebenso wie die nach Platin oder Palladium. Nach Angaben des Londoner Analysehauses GFMS landen derzeit bis zu 60 Prozent des Edelmetalls in der Industrie, etwa in Elektromotoren, Fernsehern oder Fotovoltaikzellen.
"Dank der optimistischen Grundstimmung und einer insgesamt hohen Neigung zum Risiko setzen die Anleger derzeit bewusst auf Rohstoffe, die von einer Konjunkturerholung besonders profitieren können", schreibt Analyst Weinberg in einer aktuellen Studie. Insgesamt rund 1000 Tonnen physisches Silber haben deutsche Anleger 2010 gekauft - in Prägestätten, Banken, Filialen unabhängiger Edelmetallhändler, Onlineshops und Verkaufsstellen in Kaufhäusern.
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"Bestände schon vor Jahren erhöht"
An diesem Ansturm will Oliver Berking verdienen. Und damit jene Verluste ausgleichen, die die steigenden Preise im Stammgeschäft verursachen könnten. Stolz führt der Firmenchef durch die Fabrikhalle des 1872 gegründeten Unternehmens, in die Ohren dringt das Geschrei der Schleifmaschinen, unter den Füßen vibriert der Boden im Rhythmus der stampfenden Pressen. Tätowierte, schnurrbärtige Männer erschaffen hier kleine Kunstwerke.
An ihren dicken Pranken kleben Maschinenöl und Silberstaub, und trotzdem gravieren die Männer die Bestecke, die Namen wie Sphinx oder Dante tragen, mit höchster Präzision. Jede Perle, jede Linie, jedes Wappen sitzt perfekt. Ein Esslöffel aus 925er-Sterling kostet 158 Euro, seit 2008 hat Robbe & Berking den Preis nicht mehr erhöht.
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Andere in der Branche mussten längst ihre Preise dem Rohstoffmarkt anpassen. Die Bremer Silbermanufaktur Koch & Bergfeld beispielsweise macht nur noch "tagesaktuelle Angebote" für Kunden, so Geschäftsführer Klaus Neubauer. Erst im vergangenen August hatte das Unternehmen eine neue Liste mit höheren Preisen für Silberbesteck veröffentlicht. "Wir können als Kleinmanufaktur aber nicht wochenlang warten und tun, als wäre nichts passiert", sagt Neubauer.
Oliver Berking hingegen hat sich drüben in seiner Schatzkammer einen Puffer geschaffen. "Ich habe den Preisanstieg befürchtet und deshalb unsere Bestände schon vor Jahren erhöht", sagt er - auch wenn er sich inzwischen wünscht, er hätte sogar noch mehr Vorräte angehäuft. "Wenn der Silberkurs nicht deutlich fällt, dann werden wir in den nächsten Monaten die Preise anheben müssen." Er hat Angst, die Kunden könnten abspringen, das Unternehmen, der Stolz seiner Familie, leiden. Darum der Traditionsbruch.
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Vorsichtig öffnet Oliver Berking im Stockwerk über der Schatzkammer einen Panzerschrank und holt einen eingeschweißten Silberbarren heraus. Der Klopper wiegt ein Kilogramm und kostet derzeit rund 1120 Dollar. "Mit unseren nun zwei Geschäftsbereichen können wir auf zwei unterschiedliche Zyklen reagieren", sagt Berking. Bei fallendem Silberpreis könne die Firma mehr Bestecke verkaufen, bei steigendem Preis mehr Barren und Münzen. Schon jetzt generieren beide Geschäftsfelder ungefähr die Hälfte des Gesamtumsatzes. In den kommenden Jahren dürfte sich das Gewicht dank des geplanten Onlineshops noch weiter verschieben, jedenfalls wenn der Rausch im Silbermarkt anhält.
Teil 4: Spekulation "ein gefährliches Geschäft"
Was das bedeuten kann, weiß Berking genau. In den 1970er- und 80er-Jahren ging es schon einmal hoch her am Silbermarkt. Damals versuchten die Milliardärsbrüder Nelson Bunker und Herbert William Hunt, das gesamte globale Angebot an sich zu reißen. Der Vietnamkrieg hatte die Inflation hochgetrieben, und das damalige Zaubermittel gegen die Geldentwertung hieß Silber - auch weil der spekulative Handel mit Gold Privatleuten in den USA bis 1974 verboten war. So kauften die Brüder ab 1970 schrittweise den Silbermarkt leer. In nur zehn Jahren sauste der Kurs am New York Commodities Exchange von unter 2 Dollar auf über 50 Dollar pro Feinunze. Auf dem Höhepunkt der Kauforgie 1979 besaßen die Hunts Schätzungen zufolge vier Fünftel der Silberminenproduktion: 280.000 Silberbarren zu je 1000 Unzen.
Die Blase platzte am 21. Januar 1980. Die Börse hatte kurzfristig beschlossen, ihre Regeln zu ändern, und weitere Silberverkäufe verboten. Innerhalb von zwei Handelstagen verlor die Feinunze Silber 16 Dollar an Wert.
Die Hunt-Geschichte liegt so weit in der Vergangenheit, dass sich Großinvestoren wie Warren Buffett, George Soros und oder Bill Gates trotzdem nicht abschrecken lassen haben, gelegentlich Silber in großen Mengen zu bunkern.
Gemessen am Wert ist der Markt relativ klein und damit leicht zu knacken. 2010 wurden laut dem Hanauer Handelshaus Heraeus rund 23.000 Tonnen Silber durch Minen gefördert. Bei einem Durchschnittspreis von 21 Dollar pro Unze kommt man auf einen Gesamtwert von rund 17 Mrd. Dollar. Der Goldmarkt hingegen war mit einer Fördermenge von 2600 Tonnen und einem Preis von 1240 Dollar pro Unze grob geschätzt gut 100 Mrd. Dollar schwer. Demnach wird zwar mehr Silber gefördert, dieses ist jedoch sehr viel günstiger als Gold - ein Motiv für Spekulanten, den Markt in kürzester Zeit leer zu kaufen. "Der Silbermarkt ist dafür sehr anfällig", sagt Silberexperte Wrzesniok-Rossbach.
Die Gefahr sieht auch Oliver Berking, dessen Vater während Hunt-Blase zeitweise fast gar kein Silber mehr ordern konnte. "Der Markt ist so klein, dass große Investoren ihn problemlos beeinflussen könnten", sagt er. Wrzesniok-Rossbach meint, es gebe "möglicherweise sogar schon eine Spekulationsblase". Und wenn die platzen würde? "Dann ist das schön für das Unternehmen, selbst wenn das Geschäft mit Barren und Münzen darunter leiden würde", sagt Berking.
Bis dahin sichert Berking sein Unternehmen lieber ab, indem er Silber an die Kleinanleger bringt. Mit Spekulation will er aber nichts zu tun haben. Nein, sagt er, Spekulation sei "ein gefährliches Geschäft". Er legt die beiden Barren zurück in den Panzerschrank. Die Türen fallen zu. Jetzt glänzt in Berkings Silbermanufaktur nur noch das Besteck.