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In den angelsächsischen Volkswirtschaften spielt das Finanzsystem eine herausragende Rolle. Die Finanzkrise ist deshalb eine ganz besondere Herausforderung für die Wirtschaftspolitik. Jedoch lautet eine der wesentlichen Fragen, die man stellen sollte: Inwieweit hat die amerikanische Wirtschaftspolitik diese Krise überhaupt erst verursacht?
Die wesentlichen Merkmale, durch die sich die angelsächsische Wirtschaftspolitik von unserer unterscheidet, ist die Priorität des Wachstums gegenüber Geldwertstabilität und außenwirtschaftlicher Stabilität. Natürlich ist Preisstabilität auch in den USA ein Ziel der Geldpolitik, aber eher ein untergeordnetes. Man akzeptiert sie zwar, aber wenn es kurzfristig zu Konflikten kommt, dann haben Wachstum und Vollbeschäftigung Vorrang.
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Was die strukturellen Aspekte der Wirtschaftspolitik angeht, sind die USA in der Regulierung von Güter- und Arbeitsmärkten liberaler. Im Finanzmarkt dagegen herrscht zwar oberflächlich ebenfalls ein freier Wettbewerb - aber nur nach außen. Die Notenbank Federal Reserve und die Regierung stehen als Retter in der Not jederzeit Gewehr bei Fuß. Hypotheken werden durch die semistaatlichen Hypothekenkolosse Fannie Mae und Freddie Mac gedeckt. Zyniker sprechen dabei von Sozialismus für Reiche.
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Hinter der Praxis der amerikanischen Geldpolitik steht eine Theorie, eine aus dem Angelsächsischen stammende Lehre, die sich New Keynesianism nennt. Es handelt sich hier nicht um den in Deutschland bekannten Neo-Keynesianismus, sondern um eine relative moderne Theorie, deren technisches Modell mittlerweile bei Zentralbanken in aller Welt verbreitet ist. Es ist derart konzipiert, dass Geld und Finanzmärkte keine Rolle spielen. In diesem Modell existiert nur die reale Wirtschaft. Es ist somit auch kein Wunder, dass die auf das Modell fixierten Notenbanken die Subprime-Krise überhaupt nicht gesehen haben.
Schluss mit dem Superprivileg
Diese vorwiegend in den USA entwickelte Theorie ist heute ähnlich dominant wie der Monetarismus in den 70er-Jahren. Zu den Exponenten dieser Theorie gehört Federal-Reserve-Chef Ben Bernanke. Auch der scheidende Fed-Gouverneur Frederic Mishkin ist ein bekannter Vertreter dieser Denkschule. Das wirtschaftspolitische Establishment in den USA wird nicht ohne Weiteres eine Theorie fallen lassen, die es zum Teil selbst entwickelt hat. Aber auch diese Theorie wird irgendwann fallen, wenn sie von den Fakten nicht mehr gedeckt ist.
Darüber hinaus erwarte ich, dass die globalen Ungleichgewichte sich langfristig nicht aufrechterhalten lassen. Mit negativen Sparquoten werden die USA langfristig nicht überleben. Die USA sind gerade dabei, ein Gut zu verlieren, für das es im Deutschen keinen wirklichen Namen gibt: das "Exorbitant Privilege", das Privileg, für immer und ewig über seine Verhältnisse zu leben, wohingegen dem Rest der Welt die Rolle bleibt, dieses Privileg zu finanzieren.
Dieses Privileg hat auch das volkswirtschaftliche Denken in den USA beeinflusst. Nur wer ein solches Privileg genießt, kommt schneller zu dem Schluss, dass Defizite aller Art unwichtig sind oder dass man sich über Blasen keine Sorgen machen sollte. Die US-Wirtschaftspolitik und deren Vordenker werden jetzt mit einer Welt endlicher Ressourcen konfrontiert, in der man seinen Dollar nicht zweimal ausgeben kann. In dieser Welt ist der Dollar nicht mehr so übermächtig, dass die USA ungestraft tun und lassen können, was sie wollen. Mit anderen Worten: Was die Wirtschaftspolitik angeht, wird Amerika zusehends deutscher.