"Das ist hier die Norm": Was am schwierigsten Frontabschnitt bei Rabotino passiert
Das Dorf Rabotino im Gebiet Saporoschje ist eines der am heftigsten umkämpften Orte an der Front. Das ukrainische Militär warf hierhin die Hauptkräfte der Gegenoffensive. Die russische 810. Gardebrigade der Marineinfanterie verteidigt sich hier gemeinsam mit anderen Verbänden seit über zwei Monaten.
"Da fahren wir hin"
"An dieser Stelle warne ich normalerweise meine Leute: 'Ihr biegt jetzt auf die Heldenstraße ab'", sagt der stellvertretende Bataillonskommandeur mit dem Funknamen Mamont (zu Deutsch "Mammut"), als wir in Richtung Rabotino abbiegen. Die erste Linie der russischen Verteidigung liegt hinter uns. Vor uns das "Vorfeld".
Der Fahrer bringt seinen Wagen an die Grenze des Möglichen. Am Horizont steigen Rauchschwaden von den jüngsten Schlägen der ukrainischen Artillerie auf.
Der Beschuss erfolgt ununterbrochen, Russlands Artillerie erwidert ihn. "Ein solcher 'Regen' kommt hier jeden Tag. Zwischen 300 und 500 Schüssen pro Tag ist die Norm", erklärt der Offizier.
Er zeigt auf Splittereinschläge an einer "Buchanka" ("Brotlaib"), wie der Kleintransporter UAZ-452 im Volksmund genannt wird. Dieses Fahrzeug wird von den Medizinern zur Evakuierung Verwundeter genutzt. Einmal musste sie sogar selbst gerettet werden. Die Mediziner gerieten unter Beschuss und ein Reifen der "Buchanka" wurde beschädigt. Mamont eilte mit seinen Kameraden zur Hilfe:
"Wir ersetzten den Reifen unter feindlichem Feuer, doch das machte nichts, wir schafften es. Es war ein schnellerer Pitstop als bei der Formel-1. Wir retteten sowohl die Mediziner, als auch das Auto."
"Genauigkeit ist nich vonnöten"
An einem anderen Frontabschnitt bei Rabotino finden ständig Infanteriegefechte statt. Hier halten mobilisierte Soldaten die Stellung. Der Großteil von ihnen kommt von der Krim oder vom Kuban, deswegen ertragen sie die Hitze leichter. In Erwartung der Angriffe muss man Stunden unter sengender Sonne verbringen.
Zunächst versuchte das ukrainische Militär, mit Technik anzugreifen, berichten die Soldaten. Nun habe es seine Taktik geändert.
"Jetzt haben sie sogar die Evakuierungslinie um zwei bis drei Kilometer weiter weg vom Dorf, wo wir stehen, verlegt. Kaum jemand wagt es noch, mit Fahrzeugen näherzukommen – das Feuer ist zu dicht. Sie versuchen, sich uns über Waldstreifen zu nähern. Meist die Infanterie", sagt der Militärangehörige mit dem Funknamen Jakub.
Minenfallen helfen. Den ukrainischen Kämpfern gelingt es manchmal, sie zu finden und zu entschärfen, doch schon am nächsten Tag stellen die Russen neue.
Laut Jakub versucht das ukrainische Militär immer öfter, die russischen Truppen in Infanteriegefechte zu verwickeln, um Feuernester der Marineinfanteristen ausfindig zu machen und sie mit Artillerie zu beschießen.
"Sie sehen selbst, an Waffenzusätzen haben wir nur 'Dosen' (Mündungsfeuerdämpfer – Anm. der Redaktion)", sagt er und zeigt auf die alten Kalaschnikows seiner Kameraden. "Nicht weil wir sonst nichts haben, Kollimatoren zum Beispiel gibt es im Überfluss. Doch mit der Zeit verzichteten wir darauf."
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