Über viele Jahre hinweg wurde oftmals die Geldmenge in Bezug auf den Goldpreis gesetzt, wobei halt 5 stellige Goldpreise ermittelt wurden, auch in diesem Faden und dem anderen Goldfaden! ![Freude :]](https://goldseiten-forum.com/wcf/images/smilies/pleased.gif)
Vielen Dank für die bisherigen Beiträge, die haben mir tatsächlich geholfen, einige Denkweisen hier im Forum besser zu verstehen. Gerade die Sorgen rund um Inflation, Liquiditätsausweitungen und die Rolle von Gold als Absicherung sind nachvollziehbar – insbesondere vor dem Hintergrund der Erfahrungen seit 2008 und 2020. Je länger ich mich allerdings mit den Zahlen, Strukturen und realen Handelsmechaniken beschäftige, desto mehr habe ich den Eindruck, dass manche Risiken überschätzt und andere systematisch unterschätzt werden.
Ein Punkt, der mir dabei immer wieder auffällt, ist die Annahme, Gold sei quasi der natürliche Gegenpol zum heutigen Geldsystem und müsse zwangsläufig explodieren, sobald Inflation oder geopolitische Spannungen zunehmen. Das klingt intuitiv richtig, hält aber einer nüchternen Betrachtung nur bedingt stand. Gold reagiert historisch nicht auf Geldmenge, sondern auf Vertrauensbrüche – und davon gibt es viele Formen, von denen nur ein Teil inflationär ist.
Gerade die häufig zitierte Hochrechnung historischer Goldpreise – etwa der Vergleich mit 1930 – verkennt, dass der Goldpreis damals kein Marktpreis war, sondern ein politisch festgelegter Zwangspreis. Der Preis von rund 20 Dollar pro Unze war Teil eines Systems, das letztlich selbst zum Weltwirtschaftsdesaster beigetragen hat, weil es Anpassungen verhinderte, Deflation exportierte und nationale Wirtschaftspolitik strangulierte. Diese Preise als „fairen Referenzpunkt“ zu nehmen und auf heutige Geldmengen hochzurechnen, ist keine Analyse, sondern eine Projektion eines gescheiterten Ordnungssystems in einer völlig anderen Welt.
Hinzu kommt, dass Wechselkurse generell keine neutralen Marktpreise sind, sondern Wirtschaftspolitik in Reinform. Die norwegische Krone ist ein Fiskalinstrument, der Schweizer Franken wird aktiv verteidigt oder geschwächt, der chinesische Renminbi existiert faktisch in zwei Versionen (onshore CNY und offshore CNH) und unterliegt massiven Kapitalverkehrskontrollen. Selbst der US‑Dollar ist kein freier Marktpreis mehr, sondern zunehmend Ergebnis geopolitischer Interessen, Sanktionen und institutioneller Macht. Wer Wechselkurse oder Goldpreise als „wahre“ Bewertungsmaßstäbe behandelt, ignoriert, dass Preise im Geldsystem fast immer politisch sind.
Vor diesem Hintergrund wirkt auch die verbreitete Angst, ohne Swift könne internationaler Handel kaum noch funktionieren, eher wie Augenwischerei. Swift ist ein Nachrichten‑ und Abwicklungssystem, kein Zahlungssystem im materiellen Sinn. Handel findet statt, weil Werte ausgetauscht werden – nicht weil ein bestimmtes Netzwerk existiert. Länder wie Russland, China und Indien verfügen über genügend Alternativen, um bilateral oder multilateral abzurechnen, selbst wenn das weniger elegant ist. Allein Russland und China fördern zusammen deutlich über 600 Tonnen Gold pro Jahr, dazu kommen erhebliche Silbermengen. Diese physischen Volumina würden – rein rechnerisch – ausreichen, um selbst große Teile ihrer bilateralen Handelsströme zu besichern, wenn man das denn wollte.
Dazu kommt ein oft übersehener Aspekt: Sowohl Russland als auch China stellen jeweils grob 10–15 % der globalen Bitcoin‑Hashrate. Das bedeutet nicht, dass Bitcoin morgen Weltreserve wird – aber es bedeutet sehr wohl, dass diese Länder technisch und infrastrukturell Zugang zu einem alternativen, nicht sanktionierbaren Settlement‑Layer haben. Wer behauptet, ohne Swift sei Handel praktisch unmöglich, unterschätzt massiv die Vielfalt an Clearing‑ und Abwicklungswegen, die bereits heute existieren oder bei Bedarf hochskaliert werden können.
Gerade deshalb halte ich die Vorstellung, die BRICS‑Staaten könnten oder wollten einen neuen Goldstandard einführen, für eher romantisch als realistisch. Kein einziger dieser Staaten vertraut seinen eigenen Bürgern vollständig freie Kapitalbewegungen zu. Alle BRICS‑Länder haben in unterschiedlicher Ausprägung Kapitalmarktkontrollen, administrative Eingriffe und politische Steuerung der Währungen. Unter diesen Voraussetzungen freiwillig ein starres, goldgedecktes System einzuführen, das fiskalische und geldpolitische Flexibilität massiv einschränkt, wäre ökonomischer Selbstmord. Ein Goldstandard diszipliniert nicht nur Regierungen – er entzieht ihnen Macht. Und genau darauf verzichtet kein Staat freiwillig.
Auch das oft zitierte chinesische CIPS‑System relativiert sich bei genauerem Hinsehen. Ja, das abgewickelte Volumen wächst, liegt inzwischen im Bereich mehrerer Billionen Dollar pro Jahr – aber ein Großteil davon entfällt auf Transaktionen zwischen Hongkong und dem chinesischen Festland. International bleibt die Nutzung überschaubar. Von einem Ersatz für Swift kann keine Rede sein, eher von einem parallelen System für ausgewählte Korridore. Das ist rational, aber weit entfernt von einer globalen Revolution.
All das führt für mich zu einer unbequemen, aber schwer zu ignorierenden Schlussfolgerung: Gold ist im heutigen System kein Gegenspieler, sondern ein Stoßdämpfer. Es darf steigen, es darf beruhigen, es darf Narrative bedienen – solange es nicht zur Recheneinheit wird. Genau deshalb existieren Papiergoldmärkte, Leasing, Derivate und Mehrfachverpfändungen. Nicht aus Bosheit, sondern weil ein vollständig physischer, unkontrollierter Goldmarkt das bestehende Finanzsystem destabilisieren würde.
Wer Gold hält, tut gut daran, es als Versicherung zu sehen – nicht als mathematisch zwingende Wette auf das Ende des Dollars oder einen historischen Reset. Und wer glaubt, die Lösung für komplexe geopolitische Handels‑ und Geldsysteme liege in einer simplen Rückkehr zu Goldpreisen vergangener Epochen, unterschätzt nicht Gold – sondern die Macht moderner Staaten, ihre Systeme länger am Leben zu halten, als viele Modelle es erlauben.
Ich bin gespannt auf die weiteren Gedanken dazu – gerade weil diese Perspektive vermutlich nicht überall auf Zustimmung stößt.