Von Jochen Stanzl, Rohstoff-Report.de
http://data.boerse-go.de/portf…PortfolioJournal_0912.pdf
Mario Draghi sagte am 6. September auf der Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank, dass die unternommenen außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen einem doppelten Ziel dienten. Einerseits sollen sie das Umfeld am Geldmarkt stabilisieren,
andererseits sollen sie die Transmission der gewöhnlichen Geldpolitik verbessern. Die EZB, führte Draghi fort, habe aber trotzdem
jederzeit die Möglichkeit, die unternommenen außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen rückgängig zu machen, um die
Preisstabilität zu sichern.
ch möchte dieser Aussage in aller Höflichkeit widersprechen. Schauen wir uns hierzu
das große Bild an. Die Zentralbanken der
Welt haben ihre Bilanzen in den drei Jahren
seit dem Tief der Rezession im Jahr 2009 in
nie dagewesenem Ausmaß vergrößert. Das
Fed injizierte seither 1,8 Billionen USD in den
Markt, die EZB 1,4 Billionen USD. Die Schweizer Nationalbank vergrößerte ihre Bilanz auf
68% des BIPs.
Im September verkündete die EZB ein zeitlich
und in ihrer absoluten Höhe unbegrenztes
geldpolitisches Aufkaufprogramm für Staatsanleihen, während sich das Fed auf ein zeitlich unbegrenztes, aber in seiner absoluten
Höhe auf monatlich 40 Milliarden USD begrenztes Aufkaufprogramm für Hypothekenpapiere entschied. Die Zentralbanken gingen
also „all in“, wie ein Pokerspieler, der sich seiner Karten sicher ist. Oder blufft der Spieler?
Und was passiert, wenn die andere Seite,
die Spekulanten, die Märkte, den Bluff nicht
kaufen? Die Erholung der OECD-Wirtschaftsleistung kann dreieinhalb Jahre seit der Pleite
von Lehman Brothers bestenfalls als blutarm
und schwächlich bezeichnet werden. Im
angelsächsischen Raum ist schon von der
Triple-B-Erholung die Rede (bumpy, belowpar, brittle), was soviel bedeutet wie: holprig, unterdurchschnittlich, brüchig. Wie die
Privatbankiers von Lombard Odier berechnet
haben, erholte sich die US-Wirtschaft in den
drei Jahren seit Ende der Großen Rezession
lediglich um annualisiert 2,2%. Das sei der
niedrigste Wert seit 60 Jahren. Die Spanne
vergangener Erholungen drei Jahre nach
dem Tiefpunkt einer Rezession betrug 2,6%
bis 5,4%, wobei der Mittelwert bei 4,1% lag.
Das zeigt, wie abhängig die US-Wirtschaft -
und ähnliches ließe sich sicherlich auch für
die europäische Konjunktur sagen - von den
Liquiditätsspritzen der Notenbanken geworden ist.
Sollte die Inflation tatsächlich anziehen, so
haben die Zentralbanken in einem solchen
Umfeld eben NICHT die Möglichkeit, die
außergewöhnlichen geldpolitischen Maß-
nahmen rückgängig zu machen und die
Leitzinsen zu erhöhen, ohne die schwache
Konjunktur wieder abzuwürgen. Die Zentralbanken im Westen werden sich aber frü-
her oder später für einen Pfad entscheiden
müssen: Entweder sorgen sie für künstliches
Wachstum und riskieren eine höhere Inflation, oder sie kontrollieren die Inflation und
riskieren niedrigeres Wachstum.
Die People‘s Bank of China, die Zentralbank
der Volksrepublik, und die indische Zentralbank haben sich im Jahr 2011 - überraschend für alle westlichen Beobachter - für
letzteren Kurs entschieden. Sie kontrollieren
seither die Inflation und nehmen in Kauf,
dass das Wachstum ständig weiter fällt. Die
chinesische und indische Zentralbank war
also bereits an dem Zeitpunkt angelangt, an
dem diese große Entscheidung zu treffen
war. Im Winter könnten sie wieder davon
abrücken, denn sie müssen nach den OMTs
der EZB und nach QE3 des Fed nachziehen,
sonst riskieren sie einen Anstieg ihrer Währungen, des Renminbi
und der Rupie, was die Exportwirtschaft der Länder und damit fast
die gesamte Konjunktur lähmen würde.
Die westlichen Zentralbanken haben mit ihrer lockeren Geldpolitik
bislang nicht die Inflationsraten angeheizt. Der Zeitpunkt wird aber
kommen. Angesichts des schwachen Wachstums der Konjunktur
haben die westlichen Zentralbanken aber kaum den Luxus, frei
zwischen Wachstum und Inflation zu entscheiden. Sie werden
sich vermutlich für die Inflationierung entscheiden, um die Konjunktur nicht abzuwürgen. Die Inflation ist der Weg des geringsten
Widerstandes für die westlichen Zentralbanken. Dass das Fed Mitte September QE3 unternahm, obwohl die Inflation sich über der
Obergrenze befindet, die für solche Maßnahmen noch vor wenigen Monaten gegolten hatte, zeigt, dass zumindest in den USA
dieser „Point Of No Return“ bereits erreicht ist. Auch die EZB weiß,
dass jetzt die Inflation anziehen wird und nimmt das in Kauf.
Silber befindet sich in einer Situation, in der das weltweite Angebot höher ist, als die Nachfrage. Daher fallen die Preise, während
Rallyversuche immer wieder in sich zusammenfallen. Anleger
sollten bei dem eng mit dem Goldpreis korrelierten Silber aber
das große Bild nicht außer Acht lassen: Wer sich also heute darüber sorgt, ob Silber bei 37 USD/Unze oder 21,50 USD/Unze
fair bewertet ist, sollte wissen, dass es wahrscheinlich zu starken
Anstiegen kommen wird, sobald die Märkte beginnen zu antizipieren, dass die westlichen Zentralbanken sich für den einen oder
anderen Kurs entscheiden werden.
Wann dieser Zeitpunkt kommt, ist schwer zu sagen. Sind es Monate? Jahre? Oder war der Zeitpunkt bereits im September 2012
gekommen? Die Märkte werden aber frühzeitig antizipieren und
reagieren. Am Silbermarkt ist ein Angebotsüberschuss von 5000
Tonnen (erwarteter Wert 2012) schnell durch eine steigende Investmentnachfrage aufgebraucht und wenn das Silberangebot
sich verknappt springen die Preise schnell zu den Widerständen
bei 50 USD/Unze. Wenn der technische Widerstand dort durchstoßen wird, landen wir schnell bei 84 USD/Unze oder sogar im
dreistelligen Bereich.
Gewiss ist: Wer dann nicht investiert ist, wird vermutlich dann
auch keinen Einstieg mehr finden. Wer sich der in diesem Artikel (dessen Redaktionsschluss der 14. September 2012 ist, Silber
notiert zur Stunde bei 34,52 USD) geschilderten These anschließt
und erwartet, dass sich die westlichen Zentralbanken irgendwann
entscheiden müssen, anstatt - wie bisher - durch LTRO oder QE
einfach nur Zeit zu gewinnen, wird Silber (und andere Sachwerte
und Rohstoffe) unter anderen Gesichtspunkten betrachten.