Süddeutsche Zeitung: Herr Professor James, viele Menschen haben Angst, dass sich die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre wiederholt. Wie groß ist die Gefahr wirklich?
Harold James: Wir haben die schlimmste Finanzkrise seit der Großen Depression. Das bedeutet aber nicht, dass wir dieselben Phänomene bekommen werden wie damals. Das Risiko von Arbeitslosenquoten von 25 Prozent ist sehr gering. Es wird eine Rezession geben, aber nicht mehr.
SZ: Wo liegen die Parallelen zwischen 1929/1931 und heute?
James: Die Ähnlichkeit liegt in der Kernschmelze im Finanzsektor. Der Unterschied besteht zum Beispiel darin, dass wir keine festen Wechselkurse mehr haben und keinen Goldstandard. Deshalb sind die Währungsbehörden flexibler als damals.
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SZ: Im Moment liegt der Herd der Krise in Amerika. Sind die Rettungsversuche von Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke richtig?
James: Die amerikanische Regierung versucht ist, die Psychologie der Märkte dadurch zu drehen, dass sie einen Preis für Wertpapiere definiert, die zuvor nicht mehr handelbar waren. Ich denke, sie hat an der richtigen Stelle angesetzt. Aber es ist gut möglich, dass dies nicht ausreicht. Es ist wie in der holländischen Geschichte von dem kleinen Jungen, der versucht, einen Deichbruch zu verhindern, indem er Finger in die Löcher steckt. Man fragt sich, ob der Junge genug Finger hat.
SZ: War es ein Fehler, die Investmentbank Lehman Brothers nicht zu retten?
James: Ja, aus heutiger Sicht bin ich fest davon überzeugt, dass dies eine große Fehlentscheidung war. Alle haben die Pleite von Lehman kommen sehen, vielleicht mit Ausnahme der KfW in Deutschland. Paulson wollte die Botschaft vermitteln: Das amerikanische Finanzsystem ist widerstandsfähig genug, um den Zusammenbruch einer großen Investmentbank auszuhalten. Das war offensichtlich eine Fehlkalkulation. Es hätte Alternativen gegeben. Lehman hätte schon im Sommer an einen chinesischen Staatsfonds verkauft werden können, und der Markt hätte sich stabilisiert.
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