LUNAR FINANCIAL TIMES – 08. Januar 2072
Ressourcen-Ticker: „Das Ende der Ära der Atome“
NEW YORK/MARE TRANQUILLITATIS – Es ist vollbracht. Die Stille im Auktionssaal von Sotheby’s war heute so dicht wie die Atmosphäre auf der Venus, als der virtuelle Hammer fiel. Um exakt 15:42 Uhr Erdenzeit endete nicht nur eine Versteigerung, sondern ein Kapitel der Menschheitsgeschichte.
Die letzten 12,5 Unzen physischen Silbers, die auf diesem Planeten (oder dem, was davon übrig ist) nachweislich existieren, haben den Besitzer gewechselt. Es handelt sich um ein museales Artefakt aus der „Früh-Digitalen Ära“: Eine komplette Originalrolle "Himmelsscheibe von Bebra" mit 25 Münzen der legendären 10-Euro-Gedenkmünzen aus der damaligen Bundesrepublik Deutschland.
Der Preis der absoluten Knappheit
Der finale Zuschlag erfolgte bei einer Summe, die selbst die kühnsten Analysten der Mars-Zentralbank (MZB) erblassen lässt: 2.400 Tonnen Feingold. Damit wurde der bisherige Allzeit-Rekord für Industriemetalle – die 1.989 Tonnen Gold, die im letzten Jahr für den finalen Kilobarren Kupfer gezahlt wurden – förmlich pulverisiert.
Dass Silber das neue Unobtainium ist, überrascht niemanden mehr. Seit nunmehr sechs Jahren hat kein Scan-Satellit und kein Tiefsee-Bohrer auch nur ein einziges Gramm frei verfügbares Silber auf der Erde lokalisiert. Die letzte bekannte Mine in Mexiko wurde bereits 2061 in ein Museum für „Verschwendete Ressourcen“ umgewandelt. Ohne Silber für die Quanten-Computing-Schnittstellen der 50er Jahre ist das Metall heute wertvoller als Leben selbst.
Ein Bieter aus der Nachbarschaft
Besonders brisant: Der Käufer blieb – wie in diesen Kreisen üblich – anonym. Das Gebot wurde über die Intergalaktische Clearing-Stelle auf dem Mond abgewickelt. Dank der neuen Hyper-Relais-Verbindung wissen wir jedoch: Das Signal stammte von einem diplomatischen Außenposten in der Andromeda-Galaxie.
Es scheint, als hätten unsere Nachbarn ein Auge auf unsere nostalgischen Relikte geworfen. Oder, wie böse Zungen in der VIP-Lounge flüsterten: Vielleicht brauchen sie das Silber einfach, um ihre alten Warpspulen zu flicken, für die unsere moderne KI-Technik viel zu fragil ist.
Ein Blick zurück mit Wehmut
Auktionator Maximilian von Wertfels III. zeigte sich sichtlich gerührt, als er die versiegelte Rolle mit weißen Samthandschuhen (aus echter Bio-Baumwolle!) präsentierte. „Wenn man bedenkt“, so von Wertfels, „dass die Menschen im frühen 21. Jahrhundert diese Münzen einfach in Schubladen liegen ließen oder sie gar als Zahlungsmittel für schnödes Brot und Wasser nutzten, grenzt das heute an sakrale Blasphemie.“
Die 2.400 Tonnen Gold werden nun in die globalen Klimarepair-Fonds fließen. Silber indes ist auf der Erde ab heute nur noch ein Wort in den Geschichtsbüchern. Wer heute noch einen Löffel aus echtem Silber besitzt, wird nicht mehr als wohlhabend bezeichnet – er ist ein Gott.
Wir schalten nun zurück zu den Wetterdaten: Für den Nachmittag werden auf der nördlichen Hemisphäre leichte Säureregen und Temperaturen um die 52 Grad erwartet.
>em class="GS Forum" jscontroller="Sirgey"" data-complete="true" data-processed>Archiv-Service der Sotheby’s Lunar Branch