Die Europäische Zentralbank hat überraschend die Zinsen gesenkt. Die
Währungshüter nahmen den geldpolitischen Schlüsselsatz um 25 Basispunkte
auf das neue Allzeittief von 0,25 Prozent herunter. Der Satz für das
Übernachtgeld wurde ebenfalls um 25 Basispunkte auf 0,75 Prozent
gesenkt, während der Einlagenzins bei 0 Prozent blieb. Damit wird es für
Banken günstiger, sich Geld zu besorgen, was wiederum die Kreditvergabe
an die Unternehmen beleben soll.
Zwar hatte nur eine kleine Minderheit der EZB-Kenner mit einer Senkung
gerechnet, trotzdem hielt sich im Vorfeld eine hartnäckige
Restunsicherheit, ob EZB-Präsident Mario Draghi die Märkte nicht doch
überraschen würde.
In den europäischen Sorgenländern waren die Rufe nach niedrigeren
Zinsen wieder lauter geworden. Am Dienstagabend hatte der italienische
Wirtschafts- und Finanzminister Fabrizio Saccomanni von den Notenbankern
verlangt, mehr im Kampf für Wachstum und gegen die extreme
Jugendarbeitslosigkeit zu tun. Der französische Industrieminister Arnaud
Montebourg will den zuletzt stark aufwertenden Euro schwächen, wofür
ein Zinsschritt eine Möglichkeit wäre. Ein niedrigerer Eurokurs würde
den Exporteuren das Leben leichter machen.
Hauptgrund für die Entscheidung des EZB-Rats dürfte die lahme
Inflation sein. Sie war im Oktober auf 0,7 Prozent gefallen und liegt
damit deutlich unter dem von der EZB angepeilten Zielbereich von knapp 2
Prozent. Im Hintergrund dräute schon das japanische Szenario von Jahren
mit blutleerem Wachstum und sinkenden Preisen.
Bei der um 14.30 Uhr beginnenden Pressekonferenz wird Mario Draghi den
heutigen Beschluss genau begründen. Weitere Themen sind der mögliche
dritte Abschuss der "Dicken Bertha", also eine Neuauflage eines
langfristigen Refinanzierungsgeschäfts für die Banken. Außerdem werden
die Journalisten nach dem Fortgang der Bankenunion fragen.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat laut Handelsblatt dazu einen
neuen Vorschlag vorbereitet.
Der Euro fiel nach der Zinsentscheidung knapp von über 1,35 auf 1,3380
US-Dollar. Der DAX steigt kräftig an und notiert bei 9.140 Punkten nach
9.070 Punkten vor der Zinssenkung.
Der Bund-Future (10 Jahre) steigt nach der Zinssenkung um 39
Basispunkte auf 141,70 Prozent. Vor der Zinsentscheidung hat er bei
141,31 Prozent gehandelt.