Die Atomkatastrophe in Japan sorgt für schwere Schäden für die Weltwirtschaft. Doch es könnte alles noch viel schlimmer kommen.
Ökonomen warnen nach der Atomkatastrophe in Japan vor schweren Schäden für die Weltwirtschaft. „Wenn sich an den Finanzmärkten Panik ausbreitet, gerät die Finanzierung von Investitionsprojekten und Handel in Gefahr. Das trifft dann auch die Konjunktur“, sagte der Konjunkturexperte Gustav Horn "Welt Online". Die Konjunktur in Europa könnte dann deutlich schlechter ausfallen als bisher erwartet, fürchtet der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Auch andere Experten warnen, dass die zuletzt kräftig nach oben revidierten Prognosen für die Weltwirtschaft möglicherweise jetzt wieder herabgesetzt werden müssen.
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Auf der ganzen Welt waren nach dem Erdbeben in Japan die Aktienkurse abgestürzt. Der Dax verlor im Sog des knapp elfprozentigen Kurssturzes des Nikkei in der Spitze um 5,6 Prozent an Wert. Der Kursrutsch an den Finanzmärkten könnte auch die Europäische Zentralbank (EZB) zum Umdenken zwingen. Sie hatte auf ihrer Sitzung Anfang des Monats signalisiert, im kommenden Monat erstmals seit Juli 2008 die Zinsen wieder erhöhen zu wollen. „Wenn die nuklearen Probleme in Japan eskalieren und die Aktienmärkte nicht nur ein oder zwei Tage, sondern ein oder zwei Wochen fallen, dann dürfte die EZB ihre Leitzinserhöhung verschieben“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.
Wenn die Weltmärkte für ein oder zwei Tage auf Talfahrt gehen, ist dies für die Konjunktur keine Gefahr. Wenn die Finanz- und Vermögenswerte aber weiter dauerhaft fallen, müssten Unternehmen Abschreibungen vornehmen. „Und das träfe auf einen Bankensektor, der nicht gesund ist“, warnt Horn. Erinnerungen an den Beginn der Finanzkrise im Herbst 2008 könnten wach werden. Damals hatte die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers die Welt in eine Schockstarre versetzt.
Noch deuten Indikatoren, die die Angst auf den Finanzmärkten messen, nicht auf solch ein Horrorszenario hin. Aber solange nicht klar ist, wie stark sich die radioaktive Strahlung in Japan ausbreitet, ist es auch nicht auszuschließen. Die deutschen Immobilienfinanzierer prüfen bereits, was sie im Fall einer atomaren Katastrophe tun könnten. Insgesamt stecken laut Analystenschätzungen bis zu acht Mrd. Euro aus Deutschland in japanischen Immobilien, die von radioaktiver Verseuchung bedroht sind. „Wir haben jedoch keine Versicherung, es gibt auch keine Möglichkeit, die Gebäude gegen atomare Strahlung oder Schäden durch Kernenergie zu versichern“ sagt Matthias Danne, Immobilienvorstand der DekaBank, die allein 550 Mio. Euro in Japan investiert hat.
Japan-Beben erschüttert Finanzmärkte
Doch selbst wenn die Gebäude nutzbar bleiben: Im beengten Tokio macht der Grundstückswert rund 80 bis 90 Prozent des Immobilienwertes aus – und die Preise für Grundstücke dürften in einer verstrahlten Umgebung deutlich fallen. „Das Szenario, dass Tokio von nuklearem Fall-Out getroffen wird, hat bislang noch niemand zu denken gewagt. Hier gibt es keinerlei Erfahrungswerte“, sagte Claus-Jürgen Cohausz, Vorstand der Westdeutschen Immobilienbank. Ob und wann die Immobilienfinanzierer nun neu bewerten müssen, sei völlig offen, sagt Gernot Archner, Geschäftsführer beim Bundesverband der Immobilien-Investment-Sachverständigen.
immediate Fallout-Event with Heavy Metals:

(Quelle: Vollkommen erklärungsbedürftige und willkürliche Illustration von gutso)
Angesichts der kritischen Lage des Atomkraftwerks Fukushima spielen inzwischen auch einige Ökonomen einen Super-GAU durch. Das wirtschaftliche Leben im Großraum Tokio, wo 35 Millionen Menschen leben, könnte in diesem Katastrophen-Fall wochenlang stillstehen. „Große Teile der landesweiten Produktion kämen zum Erliegen“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Besonders bitter: Wettbewerber würden Japan Marktanteile abnehmen, glaubt der Ökonom. Die japanische Wirtschaft wäre dauerhaft geschwächt.
Ein GAU hätte auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Angesichts der hohen Arbeitsteilung zwischen den asiatischen Volkswirtschaften wäre die globale Produktion vorübergehend gestört. Insbesondere Südkorea und China treiben stark Handel mit Japan. Das Wachstum in den asiatischen Ländern würde gedämpft werden. Das träfe indirekt die deutsche Wirtschaft, die zuletzt auch dank der boomenden Exporte nach China so stark gewachsen ist. Vor allem aber dürfte ein Super-GAU Panik an den Finanzmärkten auslösen. Auch das hätte unmittelbare Folgen auf Europa: Die Eurokrise dürfte sich verschärfen, da Anleger nur noch in sichere Anlagen wie deutsche Staatsanleihen flüchten würden. Zudem würde sich der private Konsum abschwächen: „Ein dauerhafter Rückgang der Aktienkurse um zehn Prozent führt zu einer Verringerung des Konsums um 0,5 Prozent“, sagt Uni-Credit-Volkswirt Andreas Rees.
Noch gehen Experten aber nicht davon aus, dass dieses Horrorszenario eintritt. Sollte sich die radioaktive Strahlung in Grenzen halten, „ist der wirtschaftliche Schaden nicht so dramatisch“, sagt Edward Lincoln, Wirtschaftsprofessor und Japanexperte der New York University. Denn das Beben und der Tsunami haben vor allem ländliche Regionen zerstört, das industrielle Zentrum Japans ist noch intakt. Studien und die Erfahrung nach dem Erdbeben in Kobe 1995 zeigen, dass die Industrieproduktion nach Erdbeben zwar kurzzeitig einbricht. „Doch wenn der Wideraufbau einsetzt, wird sich das auch wieder positiv auf die Wirtschaft auswirken”, sagt Lincoln.