Als der Hurrikan Katrina Ende August 2005 über New Orleans hinwegfegte, die Deiche brachen und die Stadt überschwemmt wurde, wußten die Einwohner nicht, vor wem sie sich mehr fürchten sollten, vor der Gewalt der Natur oder der des Staates. Es hatte sich gezeigt, daß für die exekutiven Kräfte, angefangen von der Stadtverwaltung New Orleans' über die Staatsregierung Louisianas bis zum fernen Washington, stets dieselbe Sorge Priorität besaß, nämlich die Sorge um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Dieser wurden alle anderen Ziele, beispielsweise so nebensächliche Dinge wie die Rettung von Menschenleben oder die Achtung des Eigentumsrechts der ärmeren Bevölkerungsgruppen, nachgeordnet. So geschah es, daß Einwohner erschossen wurden, weil sie ihre eigene Habe in Sicherheit bringen wollten, Bettlägrige und an den Rollstuhl gefesselte im Stich gelassen wurden und Flüchtlinge tagelang auf ihren Hausdächern ausharren mußten, bis Hilfe kam.
Schließlich wurden jene Menschen, die kein eigenes Auto besaßen und sich nicht rechtzeitig vor dem Herannahen des Wirbelsturms in Sicherheit gebracht hatten, im Footballstadion von New Orleans, dem Superdome, zusammengetrieben wie Vieh, nur unzureichend mit Nahrung und dem Nötigsten versorgt und erst mehrere Tage später in teils weit entfernte Landesregionen verbracht. Einige Flüchtlinge waren mit Waffengewalt daran gehindert worden, New Orleans zu verlassen, anderen streckten sich die Gewehrmündungen der Sicherheitskräfte entgegen, als sie sich dringend benötigte Nahrung im Convention Center, einem weiteren Sammelpunkt, beschaffen wollten.
Dem noch nicht genug, hat das Heimatschutzministerium dem Roten Kreuz verboten, den Flüchtlingen zu helfen, weil das angeblich den Ablauf der Evakuierung gestört hätte. Und die Medien hatten nichts Eiligeres zu tun, als das Gerücht zu verbreiten, daß sich "die schwarzen Unterschichtler" im Footballstadion wie Tiere benehmen und übereinander herfallen. Nahezu alle Behauptungen über Morde und Vergewaltigungen erwiesen sich als Phantasieprodukte ihrer Urheber. Nicht, daß es keine Morde gegeben hätte, aber die wurden vorwiegend von weißen Bürgerwehren an vermeintlichen Plünderern begangen.
Der diskriminierende Umgang mit den ärmeren, meist afroamerikanischen Einwohnern von New Orleans während der Katrina-Katastrophe liefert eine Vielzahl von äußerst erhellenden Erkenntnissen über die Art und Weise, wie die verschiedenen administrativen Ebenen in den Vereinigten Staaten von Amerika ihre Verfügungsgewalt rücksichtslos gegen die Bevölkerung ausspielen.