Vor 50 Jahren überrumpelte Richard Nixon die Welt. Ob der «Nixon-Schock» die Welt stabiler machte, ist bis heute umstritten
Am 15. August 1971 brachen die USA einseitig ihr Versprechen, den Dollar jederzeit in Gold umzutauschen. Das Ereignis wirkt bis heute nach. So ist die Vermehrung des Geldes seither an keine natürlichen Grenzen mehr gekoppelt.
Weder die Ehefrauen noch der Nationale Sicherheitsrat der USA waren eingeweiht. Niemand durfte an jenem Wochenende im August 1971 erfahren, warum Richard Nixon sein Wirtschaftsteam auf den Landsitz in Camp David beordert hatte. Der amerikanische Präsident verlangte von den Anwesenden absolutes Stillschweigen, wie Jeffrey Garten in seinem kürzlich erschienenen Buch «Three Days at Camp David» nachzeichnet. Die Geheimniskrämerei hatte ihren Grund: Diskutiert und beschlossen wurde nämlich eine radikale Neuordnung des weltweiten Währungssystems. Das Resultat des dreitägigen Treffens ging denn auch als «Nixon-Schock» in die Geschichte ein.
Fehlendes Vertrauen in das Bretton-Woods-System
So klandestin das Krisentreffen organisiert wurde, so offenkundig waren damals die Wirtschaftsprobleme der USA. So zeigte sich ab den 1960er Jahren immer deutlicher, dass die monetäre Nachkriegsordnung mit inneren Widersprüchen kämpfte und auf einem wackligen Fundament ruhte. Diese Ordnung, 1944 im amerikanischen Bretton Woods beschlossen, sah für das internationale Währungssystem eine abgeschwächte Version des Goldstandards vor. Dabei agierte der Dollar als globale Ankerwährung, deren Wert ans Gold gebunden war. Konkret bestand das Bretton-Woods-System aus zwei Elementen:
Erstens verpflichtete sich die US-Notenbank gegenüber den anderen Währungsbehörden und Regierungen, den Dollar jederzeit zu einem fixen Kurs von 35 $ pro Feinunze in Gold umzutauschen. Mit diesem Versprechen – auch als Goldfenster bezeichnet – sollte dem Weltwährungssystem die notwendige Stabilität und Disziplin verliehen werden, zumal die amerikanischen Goldreserven in Fort Knox ja begrenzt waren. Zweitens versprachen die Notenbanken der übrigen Teilnehmerstaaten, ihre Währungen mittels Interventionen am Devisenmarkt wertstabil gegenüber dem Dollar zu halten; innerhalb enger Bandbreiten herrschten fixe Wechselkurse.
Die Währungen aller Länder ausser den USA waren somit nicht direkt an das Gold gebunden, sondern nur an den Dollar. Weil aber der Dollar gegen aussen als Goldwährung auftrat, blieben die nationalen Währungen zumindest indirekt durch das Edelmetall gedeckt. Anpassungen der Wechselkurse waren in diesem Gold-Devisen-Standard nur für den Fall fundamentaler Zahlungsbilanzungleichgewichte erlaubt. Das sollte dem Währungssystem eine gewisse Flexibilität verleihen, jedoch einen ruinösen Abwertungswettlauf, wie er in den 1930er Jahren stattfand, verhindern.
Doch als Nixon sein Wirtschaftsteam in Camp David um sich scharte, glaubte kaum noch jemand an das Funktionieren dieses Systems. So kursierten bereits weit mehr Dollar, als die USA in Gold hätten umtauschen können. Denn die rasch wachsende Weltwirtschaft – Europa und Japan erlebten einen Nachkriegsboom – benötigte viel Liquidität, weshalb immer mehr Dollar gedruckt wurden. Zudem betrieben die USA zur Finanzierung des Vietnamkriegs oder von Sozialprogrammen wie der «Great Society» eine inflationäre Politik. Immer mehr Länder wollten daher 1971 einen Teil ihrer Dollarbestände in Gold umtauschen. Dies auch deshalb, weil eine Feinunze Gold auf dem Markt weit mehr Wert hatte als der fixe Umtauschkurs von 35 $.
Das Goldfenster wird geschlossen
Was tun? Das Team des Präsidenten war sich uneinig. Erschwerend kam hinzu, dass Nixon aus seinem Desinteresse an Fragen der Wirtschaftspolitik nie ein Geheimnis machte; ihn faszinierten aussenpolitische Themen weit mehr. Auch warf die Präsidentschaftswahl vom November 1972 ihren Schatten voraus. Gesucht war daher eine Entscheidung, die Nixons Wiederwahlchancen stärkte und den aussenpolitischen Prioritäten nicht in die Quere kam. Ausserdem liebte Nixon die grosse Geste: Er wollte ein starkes Signal aussenden und den heimischen Wählern klarmachen, dass er die ökonomischen Probleme furchtlos anging, etwa die wachsenden Spekulationen gegen den Dollar, die schwindenden Goldreserven und das steigende Leistungsbilanzdefizit.
Auch Finanzminister John Connally – kein Mann der leisen Töne und neben Nixon der einflussreichste Akteur in Camp David – hatte primär das nationale Wohl im Auge und stellte weltwirtschaftliche oder ordnungspolitische Gedanken hintan. Anders lagen die Dinge bei George Shultz, dem Chef des Büros für den Staatshaushalt, und beim nachmaligen Notenbankchef Paul Volcker, der damals noch im Finanzministerium tätig war. Die beiden Ökonomen hatten klare Überzeugungen. Doch während Shultz – intellektuell geprägt durch die Chicagoer Schule möglichst freier Märkte – ein Freund flexibler Wechselkurse war, machte sich Volcker für Fixkurse und die Grundprinzipien des Bretton-Woods-Systems stark. Notenbankchef Arthur Burns wiederum wollte vor allem an der Umtauschpflicht der USA festhalten.
Miteinander vereinbar waren diese Ansichten nicht. Doch die Würfel waren schon vor Beginn des Treffens gefallen: Das Goldfenster der USA sollte geschlossen werden. Dieser Entscheid Nixons wurde den Anwesenden bereits zu Beginn des Treffens mitgeteilt. Was die übrige Welt davon halten würde, spielte eine marginale Rolle. Wie Volcker in seinen Memoiren («Keeping at it», 2018) schreibt, informierte man weder die grossen Handelspartner noch den Internationalen Währungsfonds, der eigentlich zur Überwachung des Bretton-Woods-Systems gegründet worden war. Niemand sollte etwas wissen, ehe Nixon am Sonntagabend des 15. August 1971 mit einer
Es blieb nicht bei der einseitigen Aufhebung des amerikanischen Versprechens, den Dollar in Gold umzutauschen. Hinzu kam ein Bündel weiterer Massnahmen. Im Kampf gegen die steigende Inflation kündigte Nixon etwa ein 90-tägiges Einfrieren von Löhnen und Preisen an, was die amerikanische Öffentlichkeit in der Folge weit mehr interessierte als das Ende des Dollar-Gold-Umtausches. Viel interventionistischen Geist atmete auch die Bekanntgabe eines 10% hohen Importzolls. Mit dieser Massnahme wollte Nixon die heimischen Exporteure schützen und die ausländischen Staaten zu einer Aufwertung ihrer Währungen zwingen, zumal er den Dollar als stark überbewertet betrachtete, namentlich gegenüber dem Yen und der D-Mark.