Wer (wie ich) um 19:15 Uhr keine Zeit hat, kann eventuell im DLF-Archiv nachhören oder elektronisch aufnehmen.
Hier zum Nachhören und zum Nachlesen. Danke für den Tip. Interessant ist, dass Thomas Mayer 2012 noch nicht solche prononcierten Ansichten vertreten hat, 2x im Gespräch, bes. hier 1min ab 1:49:15.
Nachtrag:
Das DLF-Feature reißt einige der hier im Faden besprochenen Fragen an. Ausgangspunkt ist hier die Einsicht, dass die Geldschöpfung der Banken durch Kreditgewährung aus dem Nichts heraus erfolgt. Banken sind also keine Intermediäre, die Geld zw. Sparern und Investoren vermitteln. Der Beitrag hangelt sich an den Folgefragen entlang: warum ist das öffentlich nicht bekannt? Wodurch wird die Geldschöpfung begrenzt? Was birgt die Kreditgeldschöpfung für Risiken (Bsp. Lehman Brothers 2008)? Was ist Vollgeld, was spricht dafür und dagegen?
Die Rolle des Zinses wird in zweierlei Hinsicht thematisiert: einmal als Regulativ der Zentralbank(en), um als Leitzins in Verbindung mit dem Mindestreservesatz die Geldschöpfung der Geschäftsbanken in die gewünschte Richtung zu lenken (monetaristischer Ansatz: über die Lenkung der Geldmenge die Wirtschaftsaktivitäten stimulieren); ein andermal als Zins der Geschäftsbanken, um über die Zinshöhe des Kredits die Ausweitung von Unternehmensaktivitäten zu ermöglichen wie auch zu begrenzen (Versorgung von Unternehmen mit Geld, allerdings müssen diese profitable und machbare Ideen haben, um kreditwürdig zu sein).
So weit die Theorie. Thomas Mayer darf darlegen, dass im herrschenden Geldsystem die Geschäftsbanken keine "Auszahlstellen/Filialen" der Zentralbanken sind, mithin die Geldschöpfung durch die Zentralbanken im Grunde nicht gesteuert werden kann; Mayer stellt die wichtige Frage, wer die Höhe des "richtigen" Zinses kennt (ganz sicher keine Zentralgewalt mit angemaßtem Herrschaftswissen, was aber die Monetaristen in den Zentralbanken glauben zu besitzen) und skizziert, dass ein zu niedriger Zins zu "boom"- und ein danach erhöhter Zins zu "bust"-Zyklen in der Wirtschaft führt, mithin die Wirtschaftszyklen massiv durch Kreditgeldzyklen überlagert werden (meine Deutung). Es knarzt also im System gewaltig.
Was mich interessiert und was ich im Geiste nicht zusammenbekomme, ist die Rolle des Zinses (Post 45).
Einerseits sehe ich das Problem wie @Nebelparder: der Zins (und Zinseszins) im Prozeß der Geldschöpfung führt zu einem dem Kreditgeldsystem inhärenten Aufschuldungszwang, einer "Schuldsklaverei" in verschiedener Form und einer zwingenden Entwertung der Kaufkraft der Papierwährungen; die Geldmengenausweitung wiederum erfolgt auch nicht neutral, sd. stellt eine Umverteilung von Letztempfängern zu Erstempfängern des inflationierten Geldes dar (Cantillon-Effekt).
Andererseits sehe ich das Problem, das Leute wie Markus Blaschzok und Thorsten Polleit (in ihren regelmäßigen Kolumnen auf der GS-Startseite) beschreiben: künstlich unter das Marktniveau abgesenkte Zinsen erzeugen zwangsläufig die extrem ausgeprägten boom- und bust-Zyklen in der Wirtschaft, verzerren und verstärken normale Wirtschaftszyklen, da auch unrentable Unternehmen mit Kapital versorgt werden, nicht nachfrageinduzierte Überkapazitäten aufgebaut werden usf. Spätestens mit einer Zinserhöhung auf Vorkrisenverhältnisse gehen diese unrentablen Segmente der Wirtschaft pleite, mit entsprechenden sozialpolitischen Folgen (Arbeitslosigkeit etc.). Markus Krall fügt noch hinzu, wie zumal die Niedrigzinspolitik seit 2008 in der Euro-Region die Bilanzen der Banken "verseucht", weil die "faulen" Kredite in ihren Bilanzen anwachsen und gleichzeitig deren Ertragsmodell erodiert. Fazit: der Zins ist als Steuerungsinstrument für die Bewertung des Risikos für Kreditvergabe innerhalb einer Marktwirtschaft/kapitalistisches Wirtschaftssystem unverzichtbar, ansonsten herrscht Zentral-/Planwirtschaft (wie derzeit in der und durch die Geldpolitik
).
Ich frage mich nun: einerseits scheint es einen Zins zu brauchen, der über die Bildung im Markt Verzerrungen in der Volkswirtschaft verhindert (Stichwort Zombie-Kredite/Zombie-Unternehmen, Polleit spricht von mind. positivem "Urzins"), ich glaube da bin ich nah bei @ghost_god - andererseits ist der Zins(eszins) in Kombination mit einem ungedeckten, Geld durch Kredit produzierenden, staatlichen Zwangsgeldsystem ein Herrschaftsinstrument, das eine eigene Geschichte zu haben scheint (Frühphase - Mittelphase - Spätphase, in der dann die Schuldentragfähigkeit eine notwendige Neuverschuldung zunehmend erschwert), in regelmäßigen Abständen kollabiert und zu einer ultimativen Enteignung der FIAT-Halter führt.
Würde man mich fragen, ob ich den Zins abschaffen würde, ich könnte weder klar ja noch entschieden nein sagen. Ist das ein Problem der Vermischung verschiedener Theorieansätze (Blaschzok und Polleit sind Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomie, (Zentral)Banker sind meist Anhänger von Keynes oder Milton Friedman)? Ist es eine Frage der Perspektive - Kredite aus betriebs- und volkswirtschaftlicher Sicht sind anders zu bewerten? Liegt es an der unterschiedlichen Wirkung je nach zugrundeliegender Geldart (Warengeld, ungedecktes Papiergeld, Giralgeld)? Eigentlich suche ich auch eine Brücke für die von @Nebelparder benannte Kluft in der Analyse des Geldsystems zw. der Betrachtung ad intra und ad extra, obwohl mir die Prinzipien für die Kluft einleuchten 