Genug diskutiert!
VON MARK SCHIERITZ | © DIE ZEIT, 13.03.2008 Nr. 12
Die Finanzkrise tritt in die bislang gefährlichste Phase ein. Es helfen nur noch unkonventionelle Maßnahmen
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Doch was sich derzeit an den Märkten abspielt, gleicht eher einer Katastrophe als einer Korrektur. Es geht längst nicht mehr nur um Subprime, also jene mit Ramschhypotheken besicherten Wertpapiere, deren Absturz im vergangenen Jahr die Turbulenzen auslösten. Die Krise greift zunehmend auf Teile des Finanzsystems über, die eigentlich als gesund gelten. Den Banken drohen immer neue Abschreibungen. Die Schätzungen reichen von 400 bis 1.000 Milliarden Dollar alleine durch neue Zahlungsausfälle bei US-Immobilienkrediten.
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Es geht für die Banken nicht mehr nur um Liquiditätsengpässe. Bei vielen Häusern wird die Kapitaldecke knapp. Einige haben sogar Probleme mit ihrer Solvenz. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das erste US-Institut in die Schieflage gerät. Die Probleme der deutschen IKB dürften sich im Vergleich dazu wie Peanuts ausnehmen. Deutlich wird hier auch ein Grundproblem im Finanzsystem: Es ist ja durchaus für jede einzelne Bank vernünftig, in dieser angespannten Lage Risiken im Portfolio zu reduzieren und nur noch mit größter Vorsicht Geld zu verleihen. Doch weil das alle machen, verschärft sich die Krise noch.
Die Schwierigkeiten der Geldinstitute entziehen der Weltwirtschaft ihre Lebensgrundlage, den Kredit. Das gilt inzwischen auch für Kreditnehmer mit guter Bonität. Die Banken sind nicht einmal mehr bereit, sich gegenseitig zu günstigen Konditionen Geld zu verleihen.
Derzeit müssen sogar Staaten wie Italien erhebliche Aufschläge bezahlen, wenn sie den Kapitalmarkt anzapfen. Das zeigt, wie groß die Panik ist, denn niemand geht ernsthaft davon aus, dass ein Mitgliedsland der Währungsunion bankrott geht.
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Aber die Geldpolitik kann die Krise nicht allein meistern. Erstmals seit Jahrzehnten besteht die Gefahr einer Kernschmelze im Finanzsystem.
Womöglich werden schon bald Maßnahmen nötig, die gegen alle ordnungspolitischen Prinzipien verstoßen, wie die vorübergehende Nationalisierung von US-Banken. Oder Gesetze, die die Institute dazu zwingen, ihren Kunden Kreditschulden zu erlassen. Oder eine staatliche Gesellschaft, die Immobilien erwirbt, um den Markt zu stützen. Die Fed hat bereits einen Schritt in diese Richtung getan. Sie akzeptiert bei ihren Geschäften mit den Banken neuerdings genau jene Hypothekenkredite als Sicherheiten, die sonst keiner mehr haben will.
Eines macht dennoch Hoffnung: dass die Krise in den USA ausgebrochen ist. Die Amerikaner sind für ihre Marktgläubigkeit bekannt, haben aber auch gezeigt, dass sie zu schnellen und unkonventionellen staatlichen Eingriffen bereit sind, wenn es geboten ist. In Europa war man da oft noch dabei, über Grundsätzliches zu diskutieren.
http://www.zeit.de/2008/12/Argument-Aktien?page=all
GB: Wahre Worte von der ZEIT (Josef Joffe, Publisher-Editor, Die Zeit (Germany); Matthias Nass, Deputy Editor, Die Zeit (Germany) - beide anwesend auf der Bilderberg Konfrenz 2007 in Istanbul!).
Die Krise wird jetzt öffentlich durchbrechen!