Kleiner Exkurs zur sozialen Ungerechtigkeit:
Studiengebühren
Studiengebühren sind unsozial ??!
In Deutschland ist die Hochschulbildung »frei«; damit ist gemeint, daß nicht die Nutznießer selber, sondern Dritte dafür zahlen. Das hat schon Karl Marx sehr klar erkannt: »Wenn in einigen Staaten (...) auch 'höhere' Unterrichtsanstalten unentgeltlich sind«, schreibt er in seiner »Kritik des Gothaer Programms« über »kostenlose« öffentliche Bildung in den USA, »so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel [zu] bestreiten.«
Und so verhält sich das auch heute: Die »höheren Klassen« bestreiten ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel. Im Jahr 1994 kamen über 420.000 Studenten und Studentinnen an bundesdeutschen Universitäten aus Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen über 6.000 Mark. Nur 250.000 kamen aus Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 3.000 Mark; in manchen »teuren« Studiengängen wie etwa der Medizin sitzen fast nur Kinder reicher Eltern auf den Hörsaalbänken.
Bezahlen aber müssen alle, insbesondere auch die Familien, die überhaupt keine Kinder auf die Universitäten schicken. Diese sind die mit Abstand größten Opfer unserer sogenannten »freien« Hochschulbildung, die die Allgemeinheit jährlich rund 30 Milliarden DM kostet (ohne BAföG, Studentenkindergeld und öffentliche Zuschüsse zu Wohnheimen usw.), rund die Hälfte davon aus der Kasse von Haushalten, die nicht den geringsten direkten Nutzen davon haben, hatten oder haben werden.
Ungerecht ist auch die Verteilung der Nutzen und Lasten auf die verschiedenen Einkommensklassen. Denn die höheren Steuern, welche die Besserverdienenden bezahlen bzw. bezahlen sollten, gleichen den höheren Studentenanteil unter ihren Kindern nicht ganz aus. Oder anders ausgedrückt: Die Armen zahlen zwar weniger Steuern, schicken aber auch weniger, und zwar überproportional weniger Kinder auf die Universitäten, so daß sie netto die Erziehung der Söhne und Töchter der Reichen finanzieren. So zahlten etwa die Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 2.000 Mark im Jahr 1994 insgesamt 670 Millionen Mark in die allgemeine Bildungskasse (das ist der Anteil der von diesen Haushalten gezahlten Einkommens-, Umsatz-, Kfz- und Branntweinsteuer usw., der in die Hochschulbildungsfinanzierung fließt), bekamen aber weniger als 600 Millionen Mark in Form von »freier« Bildung für ihre Kinder daraus zurück. Die restlichen 70 Millionen Mark flossen als Subventionen an die Besserverdienenden und deren Kinder. Für jedes Kind, das sie auf die Universität schickten, bezahlten die Haushalte mit einem Monats-Nettoeinkommen von 2.000 Mark und weniger mehr als 12.000 Mark pro Jahr an Steuern, verglichen mit 9.100 Mark pro Kind für die Einkommensklasse von 2.000-3.000 Mark, 9.300 Mark pro Kind für die Einkommensklasse von 3.000-4.000 Mark und 11.000 Mark pro Kind und Jahr für die Einkommensklasse von 4.000-5.000 Mark. (Erst die Haushalte in der Klasse 5.000 Mark und höher zahlen als ganze mehr für einen Studienplatz als die allerärmsten.)
Davon abgesehen verdienen Akademiker über das Leben gerechnet rund 50% mehr als unstudierte Bürger, zahlen aber weniger als die Hälfte ihrer Studienkosten über höhere Steuern an die Solidargemeinschaft zurück. Wie man den Ruf nach mehr Gerechtigkeit in diesen Dingen als Sozialabbau bezeichnen kann, wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben.
Lit.: W.L. Hansen und B. Weisbrod: »The distribution of costs and benefits of public higher education: the case of California«, Journal of Human Resources 4, 1969, S. 176-191; Christof Helberger: Auswirkungen öffentlicher Bildungsausgaben in der Bundesrepublik Deutschland auf die Einkommensverteilung der Ausbildungsgeneration, Stuttgart 1982; Karl-Dieter Grüske: »Verteilungseffekte der öffentlichen Hochschulfinanzierung in der Bundesrepublik Deutschland«, in: R. Lüdeke (Hrsg.): Bildung, Bildungsfinanzierung und Einkommensverteilung, Berlin 1994; H.-D. Holtzmann: Öffentliche Finanzierung der Hochschulausgaben in der Bundesrepublik Deutschland, Nürnberg 1994; »Studiengebühren: Sozialverträgliche Steuerung«, Informationsdienst der Deutschen Wirtschaft 30/1996; »Bildung braucht Markt«, Focus 36/1996; Kurt Reumann: »Nutzen ohne zu zahlen?«, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.1.1997; Cecilia Garcia-Penalosa und Klaus Wälde: »Efficiency and equity of subsidies to higher education«, Discussion Paper 15/1997, Nuffield College, Oxford; Jens-Holger Thiel: »Statistische Erfassung ausgewählter Zahlungsströme im deutschen Bildungswesen«, Diplomarbeit, Fachbereich Statistik, Universität Dortmund, Juli 1997; Wolfram Richter und Wolfgang Wiegard: »Studiengebühren sind keine Strafe«, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.2.1998.
P.S Alles Taschenspielertricks wie auch beim Arbeitgeberbeitrag und dem Gesundheitssystem... 