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In der Euro am Sonntag steht heute folgender Artilkel...
Russland: Profis wittern Morgenluft
06.06.2004 10:59:00
Die russische Börse leidet massiv unter den andauernden Querelen um den Ölkonzern Yukos. Fondsmanager sehen jetzt dennoch wieder Chancen.
von Peter Gewalt
Börse paradox in Moskau: Weltweit erklimmt der Ölpreis immer neue Rekordmarken, nur die russischen Ölfirmen wie Lukoil oder Yukos verlieren ständig weiter an Wert. Und der energie- und rohstofflastige Börsenindex RTX ist seit seinem Höchststand Mitte April um rund 30 Prozent gefallen. Die Ursache der russischen Börsen-Baisse ist hausgemacht. Speziell der eskalierende Machtkampf um den Erdölkonzern Yukos schockt internationale Investoren. "Die Leute sind verschreckt", erklärt Nicolas Mokhoff, leitender Händler bei Brunswick UBS in Moskau. "Es gibt keine Verschnaufpause in der Yukos-Geschichte."
Seit über einem Jahr zerstört nun die Auseinandersetzung zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und dem ehemaligen Yukos-Chef Michail Chodorkowskij die mühsam aufgebaute Reputation des russischen Finanzmarkts. Festnahmen, Klagen und Firmendurchsuchungen gehören seither zum Alltag bei Yukos.
Chodorkowskij sitzt seit über sieben Monaten im Gefängnis. Ab Dienstag muss sich der Milliardär wegen Betrugs vor Gericht verantworten. Klar ist Beobachtern, dass der reichste Mann Russlands für seine allzu großen politischen Ambitionen bestraft werden soll. Ebenso sei die geplante Öffnung von Yukos für ausländische Wettbewerber den Kreml-Herren übel aufgestoßen, heißt es. Der bisher angerichtete Schaden ist immens: Während viele Anleger der russischen Börse den Rücken kehren, ist von Chodorkowskijs hochfliegenden Plänen für Yukos kaum etwas übrig. Die Fusion mit dem Ölkonzern Sibneft etwa musste rückgängig gemacht werden. Und statt wie geplant in der Weltliga der Ölmultis ganz weit vorn mitzuspielen, ist der Börsenwert des einstmals größten russischen Ölkonzerns seit Ende Oktober 2003 von rund 30 Milliarden US-Dollar auf heute 18 Milliarden runtergerauscht.
Weitere Nackenschläge für die Yukos-Aktionäre gab es in den vergangenen Tagen und Wochen: So wurde der Konzern zur Steuerrückzahlung allein für das Jahr 2000 in Höhe von drei Milliarden Dollar verdonnert. Die Investmentbank Morgan Stanley hat die gesamten Steuerschulden flugs auf zehn Milliarden hochgerechnet. Nach eigenen Angaben droht Yukos daher nun sogar der Bankrott. Doch damit nicht genug: Ein Gericht erklärte zudem die Kapitalerhöhung, die zur Übernahme von Sibneft geführt hat, vergangene Woche für nichtig. Damit verliert das Unternehmen weitere Milliarden. Dennoch wird das von Yukos in den Raum gestellte Untergangsszenario nicht von allen geteilt.
"Die Gefahr ist gering, dass Yukos Pleite gehen wird, da das Unternehmen in der Vergangenheit sehr gut verdient hat", sagt Stefan Böttcher, Fondsmanager des Magna Eastern Europe und Magna Russia. Aber auch eine völlige Verstaatlichung des Ölunternehmens, wie von Aktionären befürchtet, hält Böttcher für wenig wahrscheinlich.
Ungeschoren wird Yukos aber auf keinen Fall davonkommen. "Die russische Regierung will offenbar aus praktischen und politischen Gründen die Kontrolle über ein großes Stück der Ölindustrie haben", erklärt Chris Weaver, Chefstratege bei der russischen Alfa Bank. Eine Möglichkeit dazu ist, dass Yukos in Kürze aufgeteilt wird. Dann könnten einzelne Firmenbereiche in die Hand heimischer Unternehmen übergehen. Als großer Interessent gilt etwa der Öl- und Gaskonzern Gazprom, an dem der russische Staat rund 40 Prozent hält. Ausländische Wettbewerber würden so, wie von Moskau beabsichtigt, bei Yukos nicht zum Zuge kommen.
Bis es zu einer Lösung kommt, werde die russische Börse aber weiter sehr volatil bleiben, meinen Experten. Investoren hoffen daher, dass in ein bis zwei Monaten mehr Klarheit herrscht. Denn "Russland bietet eine sehr gute langfristige Investmentperspektive", erklärt Bill Wilby, Direktor für globale Aktienanlage bei der US-Fondsgesellschaft Oppenheimer. Fundamental gesehen geht es der russischen Volkswirtschaft ohnehin prächtig. Die Verschuldung des Staates sinkt, die Wirtschaft boomt. Sollte das Wachstum von derzeit acht Prozent tatsächlich anhalten, könnte auch Putins ehrgeiziger Plan aufgehen, das Bruttosozialprodukt des Landes bis 2010 zu verdoppeln.
Auch Fondsmanager Böttcher sieht angesichts der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gute Investmentchancen. Stock-Picker wie er sind derzeit im Vorteil: Böttcher kann sich unabhängig vom Index unter vielen wieder recht günstigen Aktien die interessantesten heraussuchen. Bei einigen Werten erwartet Böttcher bis Jahresende ein Plus von bis zu 20 Prozent. Beim Rohstoffproduzenten Norilsk Nickel etwa, der vergangene Woche sein Jahresergebnis präsentierte. Der größte Nickel- und Palladiumanbieter der Welt steigerte 2003 seinen Gewinn um 47 Prozent auf über 700 Millionen Euro. Auch VSMPO steht auf Böttchers Favoritenliste weit oben. Die Auftragsbücher des russischen Titanproduzenten sind dank zahlreicher Orders von Boeing und Airbus sehr gut gefüllt. Und im Gegensatz zu Lukoil oder Yukos hat VSMPO in den vergangenen Wochen an der russischen Börse auch nicht an Wert verloren.
Quelle: http://www.finanzen.net/news/news_detail.asp?NewsNr=191625