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Fährt die Welt schon auf Reserve?
Ölpreisschock: Krisen in Nahost, Wirtschaftsboom in Fernost - erstmals befürchten Experten eine echte und anhaltende Knappheit beim Rohöl. Und neue Felder zu erschließen wird immer teurer . . .
Von Volker Mester
Hamburg - Es war ein Spätsommernachmittag des Jahres 1859, als Edwin Drake endlich ins Schwarze traf. Zwei Jahre lang hatte der ehemalige Eisenbahnschaffner in dem Städtchen Titusville (US-Bundesstaat Pennsylvania) vergeblich den Untergrund nach verborgenen Ölquellen abgesucht. Fast wollte er schon aufgeben, weil das gepumpte Geld zur Neige ging. Doch dann, an jenem 27. August 1859, geschah es: Drakes Bohrer drang 21 Meter tief ins Erdreich - und heraus quoll eine schwarze klebrige Masse. Endlich Rohöl! Es war der Beginn der industriellen Förderung eines Stoffes, der bald die ganze Welt in Bewegung bringen sollte. Und es war zugleich der Anfang vom Ende dieses Stoffes.
Zwar weiß auch knapp 150 Jahre später niemand genau, wann die Ölreserven der Welt erschöpft sein werden. Sicher ist aber: Mit jeder Fahrt zur Tankstelle kommt der Mensch diesem Zeitpunkt näher. Jahrzehntelang hat sich über diesen Zusammenhang kaum jemand Gedanken gemacht - die Benzinrechnung tat nicht wirklich weh, die Warnungen des Club of Rome vor den "Grenzen des Wachstums" sind weitgehend in Vergessenheit geraten. Die reichliche Versorgung mit dem Lebenssaft aller Industriegesellschaften zu akzeptablen Preisen schien gesichert.
Doch die ruhigen Zeiten sind vorbei. Rohöl- und Benzinpreise klettern fast täglich auf neue Rekordmarken. Zwar hat es seit 1973 mehrere Ölpreisschocks gegeben. Nur ist diesmal offenbar etwas anders: Die früheren Krisen hatten vor allem politische Ursachen - das Ölembargo der arabischen Förderländer, die Revolution im Iran, der erste Irak-Krieg. Und Angst vor Unruhen im Nahen Osten spielt auch diesmal eine Rolle. Doch erstmals kommt die Sorge vor einer echten, anhaltenden Knappheit hinzu.
"Befindet sich die Menschheit in einem kritischen historischen Moment - nämlich im Übergang zur zweiten Hälfte des Ölzeitalters, in der Angebot und Nachfrage nicht mehr zueinander passen?", fragt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Auf einem Kongress, den sie in Berlin veranstaltet, beraten seit gestern internationale Experten über die weit reichenden ökonomischen, politischen und sozialen Folgen einer solchen Verknappung. Der britische Ölfachmann Colin Campbell, einer der Hauptredner des Kongresses, gibt darauf eine beunruhigende Antwort: Die weltweite Ölproduktion wird schon im nächsten Jahr ihren Höhepunkt überschreiten.
Andere, weniger pessimistische Experten erwarten den Scheitelpunkt eher zwischen 2010 und 2020. Doch auch wenn sie sich über den genauen Termin streiten - in einem Punkt sind sich praktisch alle einig: Wenn sich die Förderung nicht mehr spürbar steigern lässt, dann muss das "schwarze Gold" aus der Tiefe immer teurer werden.
Nicht nur die Rechnungen für Benzin oder Heizöl wären dann noch höher als heute. Die Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft wären gravierend, denn trotz der früheren Ölkrisen ist dieser Rohstoff noch immer der wichtigste Energieträger. Erdöl ist aber auch das Ausgangsmaterial für die allgegenwärtigen Kunststoffe. So werden für eine Tonne der in Europa meistproduzierten Sorte Polyethylen 18,7 Tonnen Rohöl benötigt. Rechnet man die zur Herstellung erforderliche Energie hinzu, dann stecken in einer Zahnbürste 38 Gramm Erdöl, in einem Handy 360 Gramm. Ein Computer mit Monitor benötigt schon 54 Kilo und die Produktion eines Mittelklasseautos mehr als eine Tonne. Ein deutlich steigender Ölpreis würde in der Folge all diese Güter verteuern.
Dass der Preis hoch bleibt, glaubt nicht nur der in der Branche als Skeptiker bekannte Colin Campbell. "So richtig billig wird es nicht mehr", sagte Klaus Matthies, Ölexperte beim Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA), dem Abendblatt. "Wir werden uns darauf einrichten müssen, dass der Preis eher bei 30 oder 35 Dollar je Barrel (159 Liter) liegt" - weit über dem üblichen Niveau der vergangenen Jahre.
Denn wie andere Marktkenner ist auch Matthies sicher, dass die weltweite Ölnachfrage weiter deutlich zunimmt. Bei stagnierendem oder sinkendem Angebot wären hohe Preise damit unausweichlich. Nach einer Prognose des Branchenriesen ExxonMobil wird der Energiebedarf im Jahr 2020 um etwa 40 Prozent größer sein als heute.
Der weitaus größte Anteil des Nachfrageanstiegs geht auf das Konto von Schwellenländern wie China und Indien. Noch verbraucht jeder der 1,3 Milliarden Chinesen im Schnitt 1,8 Barrel Rohöl pro Jahr, ein Amerikaner dagegen 26 Barrel. Aber China holt mit Riesenschritten auf. So ist 2003 der Automarkt um mehr als 70 Prozent gewachsen. Allerdings hat heute erst einer von 100 Chinesen ein Auto. Wäre es jeder Zehnte, dann führen in China 130 Millionen Autos, fast dreimal so viele wie in Deutschland.
Das Beispiel zweier anderer asiatischer Länder zeigt, wohin das führen kann: Als Japan in den Jahren zwischen 1950 und 1975 und Südkorea zwischen 1965 und 1990 zu den führenden Industrienationen aufstiegen, erhöhte sich in den beiden Ländern der Verbrauch pro Kopf von einem auf 17 Barrel. Nur: "Wenn China landesweit auf das Niveau wollte, das wir in Europa haben, dann würde das Öl einfach nicht mehr reichen", sagt HWWA-Experte Matthies. "Dann gibt es ein Problem."
Denn dass die Produktion einem derartigen Nachfrageanstieg nicht folgen könnte, scheint sicher. Seit Jahren wurden nur noch kleinere oder schwer abbaubare Vorkommen entdeckt. Alle sehr großen Erdölfelder - im Branchenjargon "super giant fields" genannt - wie etwa Ghawar in Saudi-Arabien werden schon seit Jahrzehnten ausgebeutet.
In Zeiten relativ niedriger Ölpreise scheuten die Ölmultis die hohen Kosten, weitere Lagerstätten aufzuspüren, sagt Matthies: "Es hat sich für sie einfach nicht gelohnt. Aber selbst jetzt zögern sie noch." Kein Wunder: ExxonMobil zum Beispiel konnte 2003 den Gewinn auf 21,5 Milliarden Dollar verdoppeln - kein anderes Unternehmen auf der Welt verdiente mehr. Das Dilemma: Weil der finanzielle Aufwand immer größer wird, neue Vorkommen - wie etwa die stark schwefelhaltigen Ölfelder im Kaspischen Meer oder die Ölsandflächen Kanadas - zu erschließen, rechnet sich dies nur bei einem sehr hohen Ölpreis.
Mindestens ebenso viel Zeit wie bei der Suche nach neuen Ölquellen hat man aber auch bei der Umstellung auf Alternativen zum Öl wie etwa Erdgas oder Wasserstoff vertan, meint Matthies. "Die großen Durchbrüche kommen erst, wenn es richtig kneift", befürchtet er. Doch dann ist nicht nur der Zeitdruck hoch, sondern auch die technologische Herausforderung. Der Flug zum Mond dürfte dagegen ein Kinderspiel gewesen sein.
erschienen am 26. Mai 2004 in Wirtschaft
Quelle: http://www.abendblatt.de