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Ölreserven:
Elend der Energieprognosen
VON JOSEF URSCHITZ (Die Presse) 13.05.2004
Das Öl-Zeitalter wird sicher nicht wegen Ölmangels zu Ende gehen: Seit 40 Jahren reichen die Erdölreserven Jahr für Jahr für gerade 40 Jahre.
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WIEN. 1972 war es, da erlebte die Welt - bevor noch die arabischen Länder dem Westen den Ölhahn zudrehten - ihren ersten Ölschock: Der renommierte Club of Rome veröffentlichte seinen legendären Bericht über die "Grenzen des Wachstums". Einer der Kernpunkte: Die Ölreserven der Welt betragen 456 Milliarden Barrel (ein Barrel sind 159 Liter), das reicht statistisch für 31 Jahre. Wenn der Verbrauchstrend der frühen siebziger Jahre anhält, werde das "schwarze Gold" aber schon nach 20 Jahren verbraucht sein. Fazit: Der Ölpreis werde dramatisch hochschießen (die US-Regierung ging von 250 Dollar je Barrel im Jahr 2000 aus), die Folge werde ein völliger Zusammenbruch der Weltwirtschaft sein. Die Grenzen jeglichen Wachstums seien erreicht.
Wir wissen heute, wie es gekommen ist. Dazwischen lagen noch ein paar düstere Prognosen (etwa der "Global 2000 Bericht" der US-Regierung aus dem Jahr 1980). Heute geht man davon aus, dass "gesicherte Reserven" von mehr als 1000 Milliarden Barrel im Boden liegen. "Gesichert" sind Ölreserven, die vergleichsweise leicht (zu derzeitigen Kosten und mit heutigen Technologien) gehoben werden können. Die tatsächlichen Reserven betragen ein Vielfaches.
Natürlich sind die Vorräte von fossilen Ölträgern wie Kohle, Erdöl oder Erdgas endlich, aber aus heutiger Sicht ist der Expertenkalauer, dass Öl noch reichlich vorhanden sein werde, wenn es niemand mehr benötigt (weil die Menschheit längst auf andere Energieträger umgestiegen sei), realitätsnaher als die Angst vor einem Versiegen der Energiequellen. Nach Ansicht der Internationalen Energieagentur lässt sich die Ölproduktion aus heutiger Sicht bis 2020 noch um gut 40 Prozent steigern, ohne dass es zu ernsthaften Problemen kommt.
Woher kommen dann die Katastrophenszenarien? Zumeist aus einer Missinterpretation des Begriffs "sichere Reserven". Die reichen derzeit für 40 Jahre - und sie tun dies bereits seit den achtziger Jahren. Eigentlich hätte sich die Reichweite also schon halbieren müssen.
40 Jahre Reichweite heißt, dass die Ölreserven für 40 Jahre reichen, wenn ab heute jegliche Suche nach neuen Reserven eingestellt würde. Das ist aber ein nicht sehr realistisches Bild. Im Gegenteil: Es wird mit immer verfeinerteren Methoden nach neuen Lagerstätten gesucht, und auch die Fördertechnologie macht Riesen-Fortschritte. Ergebnis: In den vergangenen Jahren sind die bekannten (und leicht förderbaren) Reserven sogar schneller gestiegen als der Verbrauch, die Reichweite hat also leicht zugenommen, obwohl neue Wirtschaftsmächte wie etwa China als zusätzliche Großverbraucher auftreten.
Wie es läuft, zeigt am besten die Geschichte des Nordseeöls: Als der Club of Rome sein Horrorszenario veröffentlichte, war die Nordsee bohrturmfrei. Ölförderung auf Plattformen abseits der Küste wäre viel zu teuer gewesen. Als der Ölpreis in den beiden Ölschocks der siebziger Jahre vervielfacht wurde, war die Förderung dort plötzlich kommerziell interessant. Die Folge: Mit Großbritannien und Norwegen entstanden neue Öl-Großmächte, die durch die zusätzlich auf den Markt drängenden Ölmengen sogar eine preisstabilisierende Wirkung ausübten.
Die nächste "Nordsee" dürfte vor Westafrika liegen. Dort wird derzeit im Atlantik in großen Meerestiefen gebohrt. Ein Vorhaben, das bis vor kurzem technisch noch unmöglich gewesen wäre.
Jetzt gehen Experten davon aus, dass die Welt selbst bei den erwarteten Verbrauchssteigerungen noch 250 bis 300 Jahre von den derzeit bekannten Vorräten zehren könnte. Diese Vorräte sind zwar nicht "sicher", weil sie zum größeren Teil zu derzeitigen Kosten und mit derzeitigen Technologien nicht hebbar sind, aber sie sind da.
Die Frage ist, ob das so lange Sinn macht. Denn die Gefahr, die von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ausgeht, besteht für lange Zeit noch nicht in deren Versiegen, sondern in den Umweltschäden, die die Verbrennung von fossilen Energieträgern zweifelsfrei anrichtet. Es ist also anzunehmen, dass der Druck auf die beschleunigte Entwicklung von Alternativen in nächster Zeit eher von der Umweltseite ausgeht als von Verknappungserscheinungen.
Quelle:http://www.diepresse.com