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Goldhandel
All die Tradition muß verblassen
14. Mai 2004 Die kleinen Flaggen mit dem „Union Jack“ sind weggeräumt, und der eichenholzgetäfelte Raum mit Gemälden europäischer Könige
und einer Wanduhr von 1692 steht leer. Seit der vergangenen Woche wird der Londoner Goldpreis - eine Richtgrößte für Goldgeschäfte in der ganzen Welt - täglich nur noch am Telefon fixiert. Vom Sommer an wird auch das Internet benutzt. Damit ist der Londoner Goldhandel in der Neuzeit angekommen.
Was wie eine weitere Modernisierung in der gnadenlos schnellen Finanzwelt aussieht, ist freilich nur eine Rückkehr zu den Wurzeln. Bevor eine kleine Gruppe von Goldhändlern 1919 anfing, am Sitz des Bankhauses Rothschild in der Londoner St. Swithin Lane täglich zum Fixing zusammenkommen, hatte man den Prozeß am Telefon versucht. Allerdings merkte man schnell, daß die körperliche Präsenz bessere Ergebnisse brachte. Und so begann vor 83 Jahren eine Tradition, die erst in diesen Tagen ihr Ende fand: Eine Handvoll Goldhändler saß einmal am Vor- und am Nachmittag bei Rothschild zusammen, um telefonisch Angebote und Nachfrage auszuloten. Wenn beides sich im Gleichgewicht befand, senkten die Fixing-Teilnehmer ihre britischen Flaggen, und der Goldpreis des Tages konnte fixiert werden.
Von Geschichte durchdrungen
Wir haben lange mit uns gerungen, den Prozeß aufzugeben, schließlich ist er von Geschichte durchdrungen, und er war ziemlich effizient. Doch wir hatten das Gefühl, daß wir in der Zeit zurückfallen könnten“, sagt Rick McIntire, Direktor der Deutschen Bank in London. Auslöser war die Entscheidung von NM Rothschild, sich aus dem Goldhandel zurückzuziehen. Damit fehlte dem exklusiven Fixing-Kreis nicht nur der Gastgeber, sondern auch der Vorsitzende, denn diese Funktion hatte Rothschild von Anfang an inne.
Die verbliebenen Häuser, darunter neben der Deutschen Bank, HSBC, Société Général sowie das Handelshaus Scotia-Mocatta wollen den Vorsitz nun jährlich rotieren lassen. Scotia-Mocatta ist als erster dran, und damit trifft es auch keinen Neuling des Goldgeschäftes: 1671 segelte der junge Moses Mocatta von Amsterdam nach London und fing dort an, mit Diamanten und Gold zu handeln. Das war noch viel früher, als Rothschild ins Goldgeschäft einstieg. Nathan Mayer Rothschild hatte erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts Goldmünzen über den Ärmelkanal geschmuggelt, um dem Duke of Wellington im Krieg gegen Napoleon zu helfen.
„Neue Ideen, neue Begeisterung, besseres Marketing“
Doch all die Tradition muß auch im geschichtsverliebten England verblassen, wenn es darum geht, in der Großstadt London zweimal täglich fünf Finanzvertreter aus verschiedenen Richtungen zusammenkommen zu lassen. „Die Gründe waren auch logistischer Natur. Einige sitzen inzwischen draußen in Canary Wharf“, der Bürostadt im Osten des traditionellen Finanzdistrikts, sagt Simon Weeks, Direktor bei Scotia-Mocatta. Im Sommer wollen die fixierenden Banken außerdem per Internet Marktkommentare in alle Welt versenden. Wie viele Käufer und Verkäufer die Finanzhäuser mit welchen Aufträgen an der Hand haben, verbreitet sich während des Fixings heute noch über eine lange Telefonkette: Aus der Telefonkonferenz des Fixings über die Händlertische bis zu den Kunden, die über verschiedene Handelsstufen bis zu einem Juwelier in Indien reichen können. „Durch die Modernisierung erhoffen wir uns auch neue Ideen, eine neue Begeisterung und besseres Marketing“, sagt McIntire.
So rettet sich nur ein Überbleibsel der täglichen Zusammenkünfte in die Neuzeit: Wenn ein Händler das Fixing hinauszögern will, muß er am Telefon nun „Flagge“ rufen.
Text: chs., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Mai 2004
Bildmaterial: Historisches Institut der Deutschen Bank
Quelle:http://www.faz.net