Die deutschen Goldreserven - ein partielles Staatsgeheimnis.
posted: 17. Aug. 2007
Die offiziellen deutschen Goldreserven, knapp 3500 Tonnen im Gegenwert
von gut 35 Milliarden Euro, sind ein Schatz mit vielen Attributen: Lohn
und Symbol des Wirtschaftswunders unter Ludwig Erhard; eiserne Reserve
Deutschlands für den Fall, daß der Euro scheitert; Objekt der Begierde
für sozialistische Politiker; möglicher Schlüsselfaktor für den
Goldmarkt nach 2004; und nicht zuletzt ein partielles Staatsgeheimnis,
das von Bundesregierung und Bundesbank gleichermaßen hartnäckig
verteidigt wird.
Letzteres mußte auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann
erfahren, als er im August 2002 eine Reihe von Fragen an die
Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium, Dr.
Barbara Hendricks, richtete. Am 1. Oktober 2002 antwortete die
Staatssekretärin, sagte aber nur das, was ohnehin öffentlich bekannt
war. Den heiklen Fragen wich sie aus, oder sie gab irreführende
Antworten. Dabei müßte Berlin eigentlich genau wissen, was in Frankfurt
vor sich geht, denn das Grundkapital der Deutschen Bundesbank gehört
allein dem Bund.
Korrekt war die Auskunft, daß sich der physische Goldbestand der
Notenbank Ende Juli 2002 auf 110,8 Millionen Unzen Feingold oder 3446
Tonnen belief. Ende 1998 waren es noch 3701 Tonnen gewesen, wovon 232
Tonnen in der ersten Januarwoche 1999 an die Europäische Zentralbank
übertragen wurden. (Diese 232 Tonnen stehen seitdem als Forderung in
den Büchern der Bundesbank, seltsamerweise aber als Forderung in Euro.)
Außerdem flossen bis 2002 kleinere Mengen ab, die zur Prägung von DM-
und Euro-Goldmünzen verwendet wurden.
Soweit geht alles mit rechten Dingen zu. Was hingegen im dunkeln
bleibt, ist 1) wieviel genau vom deutschen Gold verliehen ist und 2) wo
die Reserven liegen.
Zu Punkt 1 antwortete Dr. Hendricks am 22. August 2002: "Von diesem
Gesamtbestand (von 3446 Tonnen) wird ein sehr geringer Teil im
einstelligen Prozentbereich im Goldleihegeschäft eingesetzt. Das genaue
Volumen kann von der Deutschen Bundesbank aus geschäftspolitischen
Gründen nicht veröffentlicht werden."
Eine seltsame Begründung. Warum sollte es der Geschäftspolitik der
Bundesbank schaden, wenn sie diese Angaben macht? Nicht nur das: würde
die Bundesbank ebenso sorgfältig bilanzieren wie jede normale
Aktiengesellschaft, dann müßte se selbstverständlich zwischen Gold als
Eigentum und Goldforderungen unterscheiden und dies auch korrekt
publizieren.
Was mir meinen, zeigt ein Vergleich älterer und neuerer
Bundesbankbilanzen. Noch zum 31. Dezember 1998 stand an erster Stelle
der Aktiva der Posten mit der Bezeichnung "Gold" mit einem Gegenwert
von 17,1 Milliarden Mark. Das waren die bereits erwähnten 3701 Tonnen,
die damals noch zu den Anschaffungskosten von ca. 144 DM pro Feinunze
bewertet wurden. Dieses Gold war der einzige nennenswerte Posten in der
Bilanz, der keine Forderungen an Dritte darstellte und somit auch nicht
notleidend werden konnte. Gold kann bekanntlich nie pleite gehen.
Ganz anders die letzte uns vorliegende Bilanz, die zum 31. Dezember
2001. Jetzt nennt sich der erste Posten auf der Aktivseite nicht mehr
"Gold", sondern "Gold und Goldforderungen". Hier werden zwei
Positionen, die nicht im geringsten identisch sind, miteinander
vermengt. Keine Aktiengesellschaft würde mit diesem Trick durchkommen.
Denn Goldforderungen haben eine ganz andere Qualität als Goldeigentum.
Manchmal sogar bekommt man das verliehene Gold nicht zurück. Genau dies
wiederfuhr vor vielen Jahren den Notenbanken Portugals und Polens, als
deren Vertragspartner, das US-Haus Drexel, in Konkurs ging.
Der Verdacht liegt nahe, daß die Bundesbank mit dieser seltsamen
Bilanzierungs-methode etwas verbergen will. Aber was? Erstens die Höhe
der Ausleihungen, zweitens den Zeitpunkt. Wenn man beides wüßte, könnte
man Rückschlüsse darauf ziehen, ob sich die Bundesbank an einem
amerikanischen Komplott beteiligt hat: an dem Komplott, den Goldpreis
tief zu halten, indem der Markt jahrelang mit Leihgold überschwemmt
wurde.
Entsprechende Gerüchte kursieren seit langem in den USA. Es wurde auch
der Verdacht geäußert, Washington hätte auf deutsches Gold
zurückgegriffen, um damit am Markt zu intervenieren. Tatsächlich gibt
es gravierende Ungereimt-heiten in den offiziellen amerikanischen
Goldstatistiken. Die Bundesbank selbst hat mit ihrer Geheimniskrämerei
die Gerüchteküche angeheizt.
Die Auskunft der Staatssekretärin, wonach im einstelligen Bereich
verliehen wurde (also zwischen 1% und 9%), ist jedenfalls extrem vage.
Frankfurter Goldhändler, mit denen G&M sprach, tippen seit langem
auf etwa 10%. Mit dieser Menge kann man am Goldmarkt schon etwas
bewegen. Völlig ins Schwimmen geriet Dr. Hendricks aber erst, als
Hohmann wissen wollte, wo die deutschen Goldreserven genau liegen.
Berlin verheimlicht, wo die Reserven liegen
Als der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann von der
Bundesregierung wissen wollte, wo sich das Gold der Bundesbank
befindet, erhielt er am 22. August 2002 folgende Antwort:
"Die Deutsche Bundesbank hält einen großen Teil ihrer Goldbestände in
eigenen Tresoren im Inland. Sie läßt allerdings auch Goldbestände an
wichtigen Gold-handelsplätzen wie z.B. London von den dort ansässigen
Zentralbanken, z.B. die Bank of England, verwahren. Dies hat sich
historisch und marktbedingt so ergeben, weil die Deutsche Bundesbank
das Gold an diesen Handelsplätzen übertragen bekam. Es macht aber auch
aus betriebswirtschaftlichen Gründen Sinn, solange die Lagerung dort
kostengünstiger ist als der Transport nach Deutschland und der Bau
zusätzlicher Tresoranlagen."
Eine Antwort, von der im wesentlichen nichts stimmt. Alle Insider, mit
denen G&M sprach, haben keinen Zweifel daran, daß der allergrößte
Teil der deutschen Goldreserven in den USA liegt. Und zwar nicht in
Fort Knox, wie oft kolportiert wird, sondern im Keller der Federal
Reserve Bank in New York, also unter dem Straßenpflaster von Manhattan.
Wenn wirklich ein "großer Teil" des deutschen Goldes in inländischen
Tresoren läge, wie Dr. Hendricks behauptet, dann wäre dies eine, bisher
unbemerkte, Sensation.
Offiziell hat die Bundesbank zur Lagerung des Goldes nie Angaben
gemacht. Sie hat freilich einmal aus dem Nähkästchen geplaudert, und
zwar gegenüber David Marsh, der von 1986 bis 1991 die einflußreichste
Wirtschaftszeitung Europas, die Financial Times, in Deutschland als
Korrespondent vertrat. Daß Marsh immer eine Vorzugsbehandlung genoß,
erklärt sich daraus, daß die Bundesbank bei der Pflege ihres Mythos auf
niemanden mehr angewiesen war als auf ausländische Blätter vom Kaliber
der Financial Times.
1992 veröffentlichte Marsh sein Buch "Die Bundesbank - Geschäfte mit
der Macht", bis heute ein Standardwerk. Auf Seite 82 erfahren wir
folgendes über die damaligen 3701 Tonnen bzw. knapp 300 000 Barren à
12,5 kg: "Unter den führenden Zentralbanken mit Goldbesitz ist die
Bundesbank die einzige, die nur einen kleinen Teil ihrer Goldbarren auf
eigenem Gelände aufbewahrt. In den Tresorräumen in Frankfurt liegen nur
etwa 80 Tonnen, d.h. knapp über 2% des Gesamtgoldes. Der Rest ist auf
die Tresore anderer Zentralbanken, der Federal Reserve Bank in New
York, der Bank of England und zu einem kleineren Teil auch der Banque
de France verteilt."