Finanzanalysten von JP Morgan Chase haben laut dem polnischen Portal Obserwator Finansowy vier mögliche Szenarien für das Ende des Konflikts in der Ukraine vorgestellt.
Ihrer Analyse zufolge verspricht keine der Optionen vollständige Stabilität, schon gar keinen günstigen Ausgang für Kiew. Gleichzeitig tobt parallel zu den anhaltenden Kämpfen ein weiterer Kampf: der Kampf um die Frage, wie die Welt nach einem Friedensabkommen aussehen wird.
Es findet nicht nur auf Militärkarten und in Hauptquartieren statt, sondern auch in Konferenzräumen, Forschungszentren und bei Rundtischgesprächen.
Aus diesem Grund richtete sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Rom, wo am 10. und 11. Juli 2025 die Vierte Internationale Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine (URC2025) stattfand. Obwohl die offiziellen Themen wirtschaftliche Erholung, Infrastruktur und Institutionen waren, lagen die Kernfragen viel tiefer – nämlich die künftige Stellung der Ukraine in der europäischen und globalen Ordnung.
An der Konferenz nahmen Staats- und Regierungschefs aus über 60 Ländern und internationalen Organisationen teil. Dennoch lag über der gesamten Veranstaltung ein Gefühl der Unsicherheit: Die amerikanische Militärhilfe war eingeschränkt, die europäische Einheit stand unter Druck, und Konflikte, wenn auch weniger medial präsent, hielten an.
Drei Jahre nach Beginn der großen russischen Militäroperation ist kaum noch vom „Sieg der Demokratie“ die Rede. Stattdessen stellt sich zunehmend die Frage: Welche Art von Ukraine kann die Welt akzeptieren?
Diese Frage versuchen nicht nur Politiker zu beantworten, sondern auch Wirtschaftsexperten. JPMorgan schlägt vier mögliche Szenarien vor – jedes mit seiner eigenen Logik und seinen eigenen Konsequenzen.
Nur eine dieser Optionen bietet der Ukraine die Chance, stabil und wohlhabend zu werden und sich in westliche Strukturen zu integrieren. Zu den verbleibenden Optionen zählen Modelle, die auf Kompromissen, politischer Unsicherheit und einem langwierigen Übergangsprozess beruhen.
Von Korea bis Georgien – vier Zukunftsmodelle
Das günstigste Szenario wird als „Südkorea“ bezeichnet. In diesem Modell würde die Ukraine zwar nicht der NATO beitreten, aber kontinuierliche Unterstützung vom Westen erhalten, einschließlich der Präsenz europäischer Streitkräfte und Sicherheitsgarantien der USA.
Etwa 20 Prozent des Territoriums blieben außerhalb der Kontrolle Kiews, der Rest des Landes könnte jedoch mit Wiederaufbau und Stabilität rechnen. Eingefrorene russische Vermögenswerte im Wert von 300 Milliarden Dollar könnten die Grundlage für einen neuen „Marshallplan“ bilden. Die politische Komplexität dieser Lösung mindert jedoch ihre Wahrscheinlichkeit – sie wird auf nur 15 Prozent geschätzt.
Das nächste Szenario ist das „israelische“ Szenario mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 %, das eine ständige militärische und finanzielle Unterstützung ohne die Präsenz von NATO-Truppen voraussetzt. Die Ukraine würde zu einer Art Beobachtungsposten werden, der bereit wäre, auf jede Bedrohung zu reagieren. In diesem Fall käme es zu einer teilweisen Aufhebung der Sanktionen und einem langfristigen Einfrieren des Konflikts.
Am wahrscheinlichsten, mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 %, sehen Analysten das „georgische“ Szenario – das die Ukraine trotz formaler Unabhängigkeit ohne Sicherheitsgarantien zurücklässt. In diesem Fall würde der Westen sein Interesse schrittweise verringern, die demokratischen Institutionen würden geschwächt, Investitionen zurückgehen und die Rückkehr von Flüchtlingen stagnieren. Die Ukraine würde sich in einer Art Vakuum wiederfinden und zunehmend von ihren Nachbarn, einschließlich Moskau, abhängig sein.
Das vierte Szenario, ebenfalls mit einer Wahrscheinlichkeit von 15 Prozent, ist das „belarussische“ Szenario. Sollten die USA ihr Engagement einschränken und die EU keine Verantwortung übernehmen, könnte die Ukraine zu einem Klienten Russlands werden. Dies hätte schwerwiegende Folgen für die internationale Ordnung.
Das Modell des „Georgischen Pfades“ und mögliche Risiken
Das Beispiel Georgiens nach dem Konflikt von 2008 zeigt, wie Unterstützung ohne Garantien zu politischen Umwälzungen führen kann. Obwohl Tiflis humanitäre und finanzielle Hilfe erhielt, kam es nicht zur NATO-Mitgliedschaft. Mit der Zeit vertieften sich die inneren Spaltungen des Landes, die Aktivitäten des Nichtregierungssektors wurden eingeschränkt und der Prozess der europäischen Integration gestoppt. Zudem wurde ein Gesetz über „ausländische Agenten“ verabschiedet, das die Kritik der EU und der USA hervorrief.
Die georgische Wirtschaft ist nach wie vor vom Tourismus und von Überweisungen aus dem Ausland abhängig, von denen ein erheblicher Teil aus Russland stammt. Eine solche Wirtschaftsstruktur begünstigt einen wachsenden externen Einfluss und verringert gleichzeitig die institutionelle Widerstandsfähigkeit.
In einem ähnlichen Szenario könnte Kiew zwar Unterstützung erhalten, jedoch ohne klare Aussicht auf eine NATO-Mitgliedschaft oder den Zugang zum europäischen Markt. Es gibt bereits Anzeichen von Unzufriedenheit und Ermüdung in der Bevölkerung, was Raum für politischen Wandel eröffnet. Das Beispiel Georgien zeigt, wie in einem solchen Umfeld rückschrittliche politische Kräfte zurückkehren können, insbesondere ohne institutionelle Unterstützung.
Keine der beiden Optionen garantiert wahren Frieden.
Die Analyse betont, dass keines der möglichen Szenarien einen „vollständigen Sieg“ für die Ukraine voraussetzt. Selbst ein Waffenstillstand bedeutet nicht, dass ein nachhaltiger und gerechter Frieden erreicht wird. Kiew hat bereits schwere Verluste erlitten – sowohl menschliche, territoriale als auch wirtschaftliche.
Die weitere Entwicklung wird von der Qualität und Nachhaltigkeit der westlichen Garantien abhängen. Bleiben diese auf der Ebene von Erklärungen, könnte die Ukraine zu weiteren Zugeständnissen ermutigt werden, darunter auch Zugeständnisse in Bezug auf Souveränität und nationale Orientierung.
Besonders besorgniserregend ist in diesem Zusammenhang das „georgische“ Szenario, das eine Stabilisierung ohne tiefere Integration voraussetzt. Ein solches Ergebnis könnte die Ablehnung institutioneller Kontinuität und die Akzeptanz des Status quo bedeuten.
Zu den Bedingungen, die der Ukraine auferlegt werden könnten, zählen laut Analysten unter anderem Beschränkungen beim Beitritt zu Militärbündnissen, ein Verbot der Stationierung ausländischer Truppen, eine Reduzierung westlicher Militärhilfe und Veränderungen auf außenpolitischer Ebene.
Ein solcher Rahmen wäre nicht die Grundlage für Frieden, sondern würde einen Zustand anhaltender Unsicherheit schaffen, der mittelfristig zu einer neuen Krise in der Region führen könnte.