Experten-Kolumne
Die nächste Rohstoffwelle rollt an
Trevor Greetham
Asset Allocation Director bei Fidelity
26. November 2009
Seit mehreren Wochen treten die Aktienmärkte im Westen auf der Stelle. Da drängt sich schnell der Eindruck auf, dass der größte Kursanstieg zumindest vorerst hinter uns liegt. Doch nach wie vor haben Aktien Potenzial für einen weiteren Anstieg. Wenn einer Anlageklasse die Luft ausgeht, nimmt zudem quasi immer eine andere an Fahrt auf und macht verlorenen Boden gut. Aus meiner Sicht befinden wir uns am Beginn eines kräftigen Anstiegs der globalen Industrieproduktion, mit dem auch die Rohstoffpreise nach oben schnellen dürften.
Eine ausgeprägte Wirtschaftserholung ist in Sicht
Unterdessen bessert sich das Geschäftsklima zusehends, Volkswirte erhöhen ihre Prognosen und die OECD-Länder lassen nach und nach die Rezession hinter sich. Steil nach oben weisen die globalen Leitindikatoren zum Wachstum. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der BIP-Einbruch zur Jahreswende vor allem durch die Panik im Anschluss an den Zusammenbruch von Lehman Brothers angeheizt worden war. Inzwischen ist die Finanzkrise vorbei und eine Erholung ähnlichen Ausmaßes ist nicht ausgeschlossen. Schon fahren die Unternehmen ihre Produktion hoch. Bald werden sie wieder einstellen, wieder investieren und ihre Lager wieder auffüllen. Zugegeben, auch mich beschleicht mitunter das Gefühl, dass all das in Zeitlupe abläuft. Das heißt jedoch nicht, dass die Erholung verhalten ausfällt. Denn noch halten die Zentralbanken mangels starker Wachstumssignale an ihrer extrem lockeren Geldpolitik fest.
Rundum glänzende Aussichten für Rohstoffe
Gutes verheißt das für Rohstoffe, die der Rally an den Aktienmärkten bislang meilenweit hinterherhinken. Vom Tief am 3. März diesen Jahres haben sich der MSCI Europe Index und der DAX in der Zwischenzeit um mehr als 50 Prozent erholt. Aktien aus Schwellenländern sind in diesem Zeitraum sogar um rund 75 Prozent nach oben geschnellt. Der Dow Jones Commodities Index hingegen, ein breiter Mix aus neunzehn verschiedenen Rohstoffwerten, bringt es seither gerade mal auf ein Plus von 8 Prozent.*
In der Vergangenheit war eine markante Aufwärtsbewegung der globalen Leitindikatoren zum Wachstum meist Vorbote eines steilen Anstiegs der Rohstoffpreise. Bislang erhielten Rohstoffe Unterstützung seitens Chinas, das sich in Erwartung eines massiven Ausbaus seiner Infrastruktur mit Rohstoffen eingedeckt hat. China ist aber kein Einzelfall, denn ganz allgemein ist von Seiten der Schwellenländer mit anhaltend starker Nachfrage zu rechnen. Und auch in den Industrieländern könnte ein gewaltiges Wiederaufstocken der Bestände in der Industrie bevorstehen. Das wird Rohstoffen vermutlich zusätzlichen Auftrieb geben und ihren Anstieg zum Jahreswechsel befeuern.
Vor allem Staatsanleihen sind von steigender Inflation betroffen
Staatsanleihen aber könnte damit Ungemach drohen. So rechne ich für Anfang des neuen Jahres mit einer Mini-Inflationspanik, wenn die vom Ölpreis ausgehenden Effekte statt wie in den letzten Monaten stark deflationär dann stark preistreibend wirken. Noch im Juli lag der Ölpreis bei der Hälfte des Vorjahreshochs von 145 US-Dollar je Barrel. Bis Dezember dürften sich die Ölpreise ausgehend von der Talsohle im Dezember 2008 von knapp 30 US-Dollar je Barrel wieder mehr als verdoppelt haben. Diese Kehrtwende wird nicht ohne Folgen für die Verbraucherpreise bleiben. Für die US-Verbraucherpreisinflation geht man deshalb mehrheitlich dies- und jenseits des Atlantiks von einem Zurückschwingen des Inflationspendels von -2 Prozent auf +2 Prozent im ersten Quartal 2010 aus.
Volkswirte verweisen indes auf die in der Wirtschaft vorhandenen Reservekapazitäten als Grund dafür, dass die Inflation niedrig bleiben dürfte. Aber wie schnell diese Reserven aufgebraucht werden, hängt vom Tempo der Erholung ab. 1982 gab es deutlich mehr Reservekapazitäten als heute, die jedoch innerhalb von weniger als einem Jahr abgeschmolzen waren.
Mehrere Länder haben inzwischen die Leitzinsen von ihrem außerordentlichen Rekordtief wieder angezogen, darunter Norwegen und Australien, denen solide Rohstoffexporte zur Hilfe kamen. In den USA wird ein solcher Schritt noch Monate auf sich warten lassen. Mit steigendem Wachstum und zunehmender Inflation dürfte gleichzeitig aber der Druck auf die Zentralbanken wachsen, den Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik einzuläuten. Staatsanleihen werden das zu spüren bekommen, indem die Zentralbanken ihre Staatsanleihekäufe im Rahmen ihrer quantitativen Lockerungspolitik einschränken werden. Eine nachlassende Nachfrage nach Staatsanleihen aber wird die Verzinsung steigen lassen - auf Kosten fallender Kurse.
http://berater.fidelity.de/mae…ne_greetham_20091126.html