«Ich bin einem israelischen PR-Konzert ausgesetzt»
http://www.bazonline.ch/auslan…ausgesetzt/story/17261231
Was Propaganda angeht, hat der Krieg im Gazastreifen neue Dimensionen erreicht, sagt André Marty, Fernseh-Korrespondent im Nahen Osten. Derartige Beeinflussungsversuche habe er noch nie erlebt
Der Blog von Andre Marty ist übrigens auch zu empfehlen. Interessante Artikel. Z.b:
Stell dir vor es ist Krieg - und einer geht hin
Freitag, 02. Januar 2009
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Siebter Tag der israelischen Krieges gegen den Gaza-Streifen. Sieben Nächte und Tage lang Luft- und Seeangriffe auf einen der dichtest besiedelten Orte der Welt. 426 tote Palästinenser, 2 000 Verletzte, vier tote Israeli und dutzende Schockierte in Spitälern. Das der Stand der Todesliste Freitag Mittag, Tendenz asymetrisch rasch steigend.
Auch die Horde der Kriegsreporter ist eingeflogen; Schmeissfliegen, auf der Suche nach „some good pictures.“ Ein Amerikaner fragt mich, wo denn die Toten seien – wir stehen ein paar Meter neben israelischen Panzern an der Grenze zum Gaza-Streifen. „Funny stuff“, meint ein Fotograf und schaut den Appaché-Helikoptern nach, die über Gaza kreisen, auf ihre nächsten Ziele wartend. Wie im Film, bloss echt.
Ein amerikanischer Journalist, offensichtlich noch nicht so richtig mit den Begebenheiten eines Krieges vertraut, hat sich einen bewaffneten Leibwächter mitgebracht. Dass just dann ein Alarm losgeht – theoretisch bleiben dir dann 15 Sekunden, um in einen Bunker zu rennen – als der Gorilla seine Jacke auszieht und seine sieben Telephone und Ohrstöpsel ordnet, beunruhigt den Ami so sehr, dass er sich laut schreiend kurzerhand unter ein Auto verkriechen will, das direkt neben einem Bunker steht... Immer noch lautstark protestierend, wird der Gute dann erst mal in irgend ein Hotel gekarrt, damit er sich neu anziehen kann; journalism at his best.
Kurz vor einer Live-Schaltung muss es allerdings auch bei mir schnell gehen: runter in den Dreck – und zwar ohne lange zu überlegen. Es kracht laut, ich finde mich wieder neben dem Kollegen von Al Jazeera liegend, es kracht noch einmal. Glück gehabt. Wir schauen uns an, stehen auf und erzählen unseren „lieben Zuschauerinnen und Zuschauern“ was von einem abgelehnten Waffenstillstands-Angebot. Als ob nichts geschehen wäre.
Radio DRS3 ruft an, will ein Interview „von der Front“, da ich am vorabend während einer Live-Schaltung zusammengezuckt sei, offenbar war Bombenlärm zu hören. Just während des Interviews fliegt wieder eine Qassam über unsere Köpfe: „Herr Marty, was sehen Sie gerade, beschreiben Sie’s.“
Israels oberstes Gericht zwingt die israelische Regierung, endlich die Grenzen zum Gaza-Streifen für Journalisten zu öffnen. Die Regierung der Herren Olmert, Barak und Dame Livni sehen das ganz anders: Trotz Richterspruch sind ausländische Journalisten immer noch aus dem Gaza-Streifen ausgesperrt – „berichtet lieber über die armen Kinder in den Bunkern im Süden Israels“, meint der Chef des israelischen Government Press Office. Das also die offizielle Begründung für die israelische Medienzensur. Eine Zensur, die als nächster Schritt des israelischen Propaganda-Krieges noch zu schreiben geben wird; keine Sorge.
Derweil kommt aus der Redaktion in der fernen Schweiz die dringende Bitte, doch auf ein Halstuch zu verzichten, mache mich irgendwie zum Palästinenser, einer meint gar zum Taliban... – Feedback vom Feinsten.
Stell’ dir vor es ist Krieg – und einer geht hin.