Ölpreis steuert auf 50-Dollar-Marke zu
Auch die Analysten der Citigroup passen ihre Prognosen nach oben an - Energiesektor wird zur Wachstumsbranche
von Holger Zschäpitz
Berlin - Langsam dämmert wohl auch den letzten Experten, dass es sich bei den steigenden Ölpreisen nicht um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Obwohl die US-Regierung angekündigt hat, die Nationale Ölreserve freizugeben, bewegten sich die Notierungen zu Wochenschluss nahe von Rekordständen. Vorübergehend kletterten die Kosten für ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte WTI auf 49 Dollar, bröckelten im Handelsverlauf nur leicht ab. Energiehändler rechnen nun damit, dass die historische Grenze von 50 Dollar in der kommenden Woche geknackt wird. Als Grund werden die niedrigen Lagerbestände genannt, die sich auf dem niedrigsten Stand seit 29 Jahren befinden. "Es sieht so aus, als kämen wir jetzt in eine Phase unglaublich hoher Ölpreise", sagt Chuck Hackett, Analyst bei der Handelsfirma Access Futures.
Die normative Kraft des Faktischen ereilte am Freitag auch die Analysten der Citigroup. Als eine der letzten Profis erhöhten sie ihre Prognosen. Für dieses Jahr erwarten die Citibanker einen Barrelpreis von 41 statt bisher 36 Dollar, für 2005 schraubten sie ihre Vorhersage für das Fass gleich von 26 auf 33 Dollar nach oben. Noch wichtiger: Auf lange Sicht rechnen sie nun mit einem Ölpreis von 26 statt 22,50 Dollar.
Damit nähern sich sämtliche Experten immer stärker den Niveaus an, die der Terminmarkt signalisiert. Dort spekulieren die Händler, dass das Schwarze Gold bis 2010 nicht mehr unter die 30-Dollar-Marke fällt - eine Meinung, die inzwischen auch die Investmentbank Goldman Sachs teilt.
Die Gründe für die Neujustierung am Rohstoffmarkt sind vielfältig. Da ist zum einen die hohe Risikoprämie, die fest in den Vorhersagen verankert ist. Kein Experte rechnet mit einer schnellen Lösung der politischen Konflikte im Nahen Osten. Doch auch fundamentale Gründe spielen eine Rolle. So haben die Analysten der Dresdner Kleinwort Wasserstein herausgefunden, dass die Förderkosten in den vergangenen Jahren massiv geklettert sind. So lohne es sich für die Konzerne erst gar nicht mehr, unter einem Ölpreisniveau von 27 Dollar neue Reserven zu erschließen. Damit seien 27 Dollar langfristig die absolute Untergrenze. Für die kommenden drei Jahre sei mit wesentlich höheren Notierungen zu rechnen. Denn zuletzt habe sich gezeigt, dass die Nachfrage trotz der hohen Energiekosten - anders als in früheren Jahren - nicht zurückgegangen sei. "Der Ölmarkt hat die Zeiten von 20 Dollar pro Barrel weit hinter sich gelassen", resümiert Dresdner-Analyst Mehdi Varzi.
Die Citigroup-Banker führen ein weiteres Argument ins Feld. Ihrer Ansicht nach wird die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) schon bald die selbst gesteckte Preisspanne von derzeit 22 bis 28 Dollar auf 26 bis 32 Dollar erhöhen. Seit März 2000 habe die Organisation das Preisband nun schon erfolgreich verteidigt. "Die Opec beherbergt 78 Prozent der weltweiten Ölreserven", unterstreicht Citigroup-Analyst Jonathan Wright die Macht des Kartells.
Während der Chefvolkswirt von Morgan Stanley, Stephen Roach, vor einer globalen Rezession im kommenden Jahr warnt, sollten die Ölpreise weitere drei Monate auf dem jetzigen Niveau verharren, wird wenigstens der bisher eher stabile Ölsektor zu einer Wachstumsbranche. Hauptnutznießer sind die russischen Konzerne. Wright hat die Gewinnerwartungen für Lukoil, Sibneft, Surgutneftegaz, Tatneft und Yukos für dieses Jahr noch einmal um 24 Prozent, im kommenden um weitere 32 Prozent und 2006 um 27 Prozent angehoben. Aber auch die westlichen Ölriesen profitieren. Im Schnitt rechnet Wright bei den Großen der Branche in diesem Jahr mit zehn Prozent höheren Erträgen, in 2005 sogar mit Zuwächsen um 17 Prozent.
Artikel erschienen am Sa, 25. September 2004
Die Welt