Russlands Ölindustrie steigert Produktion
Unternehmen wie Lukoil können Rückgang der Ölförderung durch Yukos-Krise mehr als ausgleichen
HANDELSBLATT, 6.9.2004 mbr MOSKAU. Russlands größter Ölkonzern Lukoil macht sich schön für die Privatisierung des letzten Staatsanteils: Das Unternehmen konnte im ersten Halbjahr 2004 seine Rohölförderung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8,9 Prozent auf 42,31 Millionen Tonnen erhöhen. Auch die Erdölexporte legten um 21 Prozent zu - Lukoil führt inzwischen gut die Hälfte seiner Fördermenge aus. Da die Ölpreise auf dem Binnenmarkt deutlich unter den Weltmarktpreisen liegen, bringt das dem Konzern Geld in die Kassen, obwohl der Staat in Form von Ausfuhrabgaben immer mehr Exporterlöse abschöpft.
Ölförderer wie Lukoil und das russisch-britische Joint Venture TNK-BP müssen mit ihrer Produktion auch die Lücke füllen, die sich durch die immer größer werdende Krise beim schwer angeschlagenen Rivalen Yukos öffnet. Denn der russische Präsident Wladimir Putin hat den Europäern versprochen, dass sein Land künftig deutlich mehr Öl produziert, um die hohen Weltmarktpreise zu drücken.
Yukos - der zweitgrößte Ölkonzern des Landes - kann aber in diesem Jahr nach eigenen Angaben nicht einmal die versprochenen 90 Millionen Tonnen Erdöl fördern. Die Produktion sinke auf 86 Millionen Tonne, kündigte das Unternehmen an. Als Grund nennt das Management die stetig größer werdenden Beschränkungen durch den Staat, der Steuernachzahlungen in Milliardenhöhe fordert.
Yukos hätte bis zum Sonnabend zusätzlich zu den umgerechnet 2,8 Mrd. Euro Nachforderungen für 2000 noch 3,4 Mrd. Euro für 2001 zahlen müssen. Schon den ersten Betrag hatte das Unternehmen nur zur Hälfte begleichen können. Daraufhin hatten die Behörden in der vergangenen Woche auch alle Gelder der Fördertöchter von Yukos eingefroren, nachdem sie zuvor schon die Konten der Holding gesperrt und den Verkauf von Vermögenswerten untersagt hatten.
"Die Produktion ist paralysiert", hieß es nun in einer Erklärung des Konzerns. "Alle Konten unserer Töchter sind blockiert. Sie können ihre Rechnungen nicht mehr begleichen, haben weder Geld für Löhne noch für Steuern oder die Aufrechterhaltung der laufenden Tätigkeit." Für die Yukos-Tochter Yugankneftegaz ermittelt die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein derzeit einen Preis, zu dem die Regierung die mit 60 Prozent der Produktion größte Fördertochter des Konzerns zum Verkauf anbieten will.
Während die Probleme bei Yukos Putin die Erfüllung seines Versprechens erschweren, kommt von anderer Seite Entwarnung: So konnte sich TNK-BP Ende der Woche einen Kredit über 500 Mill. Dollar sichern. Damit kann TNK-BP alte Verbindlichkeiten zu günstigeren Konditionen ablösen und seine Produktionspläne weiter verfolgen.
Auch die Zahlen des russischen Marktführers Lukoil belegen, dass ein nachhaltiges Produktionswachstums möglich ist. Der Konzern konnte seine förderbaren Reserven in den ersten sechs Monaten dieses Jahres weiter steigern. Lukoil hat die zweithöchsten Ölreserven weltweit nach dem US-Multi Exxon Mobil. Deshalb ist der Moskauer Konzern so interessant für ausländische Mineralölunternehmen: Die Nummer drei der USA, Conoco Phillips, will Ende September die noch in russischen Staatshänden verbliebenen 7,6 Prozent der Lukoil-Anteile ersteigern. Conoco-Chef James Mulva hatte nach einem Treffen mit Putin und dem Lukoil-Chef Wagit Alekperow gesagt: "Wir wollen ein großer Spieler in Russland werden." Der staatlich festgesetzte Startpreis liegt bei knapp zwei Mrd. Dollar.
Analysten in Moskau erwarten, dass Conoco über den Staatsanteil hinaus seine Lukoil-Beteiligung aufstocken wird - wenigstens auf eine Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie. "Acht Prozent Anteil sind in Russland soviel wert wie null - sie bringen keinerlei Einfluss auf die Unternehmenspolitik und den Cash-Flow", begründet ein westlicher Ölmanager in Moskau.