Der umstrittene, aber in den USA populäre Trendforscher Gerald Celente malt schwarz: Er warnt vor einer mehrjährigen Wirtschaftskrise und vor steigenden sozialen Spannungen. Celente rät Anlegern daher zu Gold und zu liquiden Anlagen in Dollar und Euro.von Jürgen Büttner
Das wirtschaftliche Umfeld ist nach wie vor von vielen Unsicherheiten geprägt. Zukunftsforscher versuchen Orientierungshilfen zu geben – einer mit den schrillsten Prognosen ist Gerald Celente, Gründer und Leiter des amerikanischen Trends Research Institute. Der 63-Jährige nimmt für sich in Anspruch, in der Vergangenheit mit Prognosen wie zum Aktiencrash 1987, zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 oder zur Asienkrise 1997 schon oft richtig gelegen zu haben. Auch auf einige der aktuellen Wirtschaftsprobleme hat er frühzeitig hingewiesen. Das macht ihn zu einem gefragten Gesprächspartner.
Herr Celente, Sie malen ein düsteres Szenario für 2012 …
Gerald Celente: 2012 wird es die grösste Depression aller Zeiten geben, und es gibt kein Entrinnen oder Verstecken. Es besteht sogar die Gefahr, dass wir den ersten grossen Krieg im 21. Jahrhundert erleben werden.
Es waren doch Stabilisierungsansätze zu beobachten. Lässt Sie das nicht zumindest ein wenig an Ihren Prognosen zweifeln?
Es handelt sich um keine echte Erholung. Es werden nur noch mehr Schulden angehäuft, bloss um den Eindruck zu erwecken, es gehe wieder aufwärts. Am Aktienmarkt mischen derzeit nur Zocker mit. Solange die Kurse von den anonymen «Dark Pools» und durch Hochfrequenzhandel manipuliert werden, gehe ich jedenfalls lieber nach Las Vegas. Der Kapitalismus an sich ist dabei übrigens nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr die Korruption. Und vieles hat sich zudem einfach in die falsche Richtung entwickelt. So gab es früher viel mehr kleine Einzelunternehmer. Doch heute prägen Grosskonzerne die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt – viele dieser Unternehmen sind jetzt zu gross, als dass man sie noch fallen lassen könnte.
Wie lauten Ihre Prognosen für 2010?
Es wird in den Nato-Ländern vermutlich Attacken von Terroristen geben. Besonders gefährdet sind dabei natürlich die USA, weil man in vielen anderen Ländern deren Aussenpolitik nicht mag und die Leute im Irak, in Afghanistan und in Pakistan nach Rache trachten. Vor der Explosion steht auch das Problem mit den illegalen Immigranten. Bei einer schwachen Konjunktur wird dieses Thema alle grossen Länder über Jahre hinweg beschäftigen.
Wie beurteilen Sie die Stabilität der Finanzbranche?
Ein Ansturm auf die Banken ist nach wie vor nicht ausgeschlossen. Insbesondere dann, wenn es zu den terroristischen Attacken kommen sollte. Der angebliche konjunkturelle Aufschwung dürfte in sich zusammenfallen, sobald die staatlichen Stimulierungsgelder versickert sind. Insgesamt steht der Wirtschaft das Schlimmste noch bevor.
Das klingt ziemlich hoffnungslos …
Aber es wird nicht alles schlecht sein. Bekanntlich ist die Not die Mutter aller Erfindungen. Technologische Verbesserungen wird es vor allem für die Armen geben, etwa Kühlschränke für unter 100 Dollar in Indien. Insgesamt rechne ich mit einer Welle von neuen Erfindungen, und über den Einsatz von grüner Energie könnte es einen Quantensprung nach vorn geben; dieser Bereich kann sich auch zu einer Jobmaschine entwickeln. Die Frage ist aber auch hier, wann genau das passieren wird. Das ganze System bedarf einer Rundumerneuerung. Die Leute müssen wieder dahin kommen, sich mehr selbst zu versorgen und weniger zu konsumieren.
In der Vergangenheit lagen Sie zwar oft richtig, 2009 sind aber nicht alle Ihrer Vorhersagen eingetroffen. So ist etwa der Sturm besorgter Kunden auf die Bankschalter ausgeblieben.
Zunächst einmal ist zu sagen, dass wir den wirtschaftlichen Zusammenbruch richtig prognostiziert haben. Unterschätzt haben wir allerdings den Willen, das System und die Grossunternehmen zu retten. Es wurde sehr viel Geld in das System gepumpt, und das hat unseren Zeitplan etwas durcheinandergebracht. Es handelt sich aber mehr um ein Problem des richtigen Timings, denn das ist das Schwierigste bei unseren Prognosen. Mit einem Run auf die Banken rechnen wir jedoch nach wie vor. Wann welche Joker gezogen werden, ist schwer vorherzusagen. 2010 könnte es passieren. Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden.
Welche Länder werden die Probleme am besten überstehen?
In einer noch vergleichsweise guten Lage befinden sich Länder mit einer geringeren Verschuldung. Mir fallen da Namen wie Australien, Neuseeland, Kanada, Chile und Norwegen ein. Ansonsten kann es allgemein erst wieder aufwärtsgehen, wenn die erwähnte Selbstreinigung erfolgt ist. Bis dahin kann es aber durchaus ein Jahrzehnt dauern, denn noch versuchen die Verantwortlichen zu verhindern, dass Firmen untergehen. Und bei allen Schwierigkeiten sollte man auch nicht vergessen, dass das Leben auch in einer Depression weitergeht.
Und was raten Sie Anlegern, die ein ähnliches Weltbild wie Sie haben?
Konkrete Anlageempfehlungen will und darf ich nicht geben. Ich selbst habe aber 80 Prozent meiner Mittel in Gold investiert, weil ich nach wie vor an einen Anstieg auf 2000 Dollar pro Feinunze glaube. Den Rest halte ich liquide in Euro und in Dollar.
Quelle: Stocks vom 5.-18. Februar 2010