Herr Professor Hülsmann, zunächst möchten wir unserer Freude
Ausdruck verleihen, dass das Interview, das wir vor einem Jahr mit Ihnen
geführt haben, sich in Ihrem neuen Buch “Krise der Inflationskultur”
wiederfindet. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Situation in der
Eurozone seitdem? Die Investoren werden schon wieder risikofreudiger und
Stimmen aus der Politik zufolge ist das Schlimmste ja überstanden.
Die Lage in der Eurozone hat sich deutlich verschlechtert. Italien
und die Niederlande sind in einer Rezession, ebenso steht es in
Frankreich, und auch in Deutschland könnte die Konjunktur noch in diesem
Jahr einbrechen. Schlimmer noch sind die institutionellen Veränderungen
seit unserem letzten Gespräch, insbesondere die Einführung des
sogenannten Europäischen Stabilitätsmechanismus. Diese Neuerung belastet
die Marktwirtschaft, da die finanzielle Verantwortung der Regierungen
noch weiter untergraben wird. Aber früher oder später belastet sie auch
die bürgerlichen Freiheiten in allen EU-Ländern. Diejenigen Stimmen, die
nun Entwarnung rufen, gehören fast ausnahmslos den Berufsoptimisten in
der Politik und in der Finanzwirtschaft. Die gegenwärtige Hausse ist das
ausschließliche Produkt der lockeren Geldpolitik und steht daher auf
sehr wackeligen Beinen.
Die Sparanstrengungen der Regierungen lassen schon wieder
nach. Dabei bezeichnen Sie die eingeleiteten Maßnahmen zur Bekämpfung
der Krise ohnehin nur als “fadenscheinige und kosmetische Reparaturen an
den Symptomen”. Wie groß ist die Angst der Politik vor einer
deflationären Bereinigung des zurückliegenden Kreditgeldbooms und wie
hätte man sich diese Bereinigung vorzustellen?
Eine deflationäre Bereinigung würde nicht nur zu massenhaften
Konkursen von überschuldeten Firmen und Haushalten führen; sie würde
nicht nur die Arbeitslosigkeit zumindest zeitweilig auf momentan
unvorstellbare Höhen emporschnellen lassen; sondern sie würde auch die
Finanzierungsmöglichkeiten des Staates mit einem Hieb dramatisch
einschränken. Dadurch aber wäre der Wohlfahrtsstaat und unser gesamtes
politisches und gesellschaftliches System in Frage gestellt. Das wäre
ein psychologischer Schock, auf den heute nur wenige Leute vorbereitet
sind. Es käme sehr wahrscheinlich zu revolutionären Ausbrüchen, auch im
behäbigen Deutschland.
Das erklärt, warum von parteipolitischer Seite alles getan werden
wird, um eine solche Bereinigung zu verhindern. Kurz- und mittelfristig
ist das weiterhin möglich. In unserem gegenwärtigen Währungssystem haben
die Zentralbanken die Mittel, einen Einbruch der Geldmenge und auch
einen Einbruch des Preisniveaus zu verhindern. Zuweilen müssen zu diesem
Zweck neue rechtliche Wege beschritten werden — wie zuletzt mit der
Einführung der endgültigen Offenmarktgeschäfte (Outright Monetary
Transactions) — aber grundsätzlich bereitet die Bekämpfung der Deflation
keine Schwierigkeiten.
Das eigentliche Problem aus Sicht der Politik sind die zahlreichen
und z.T. enormen Fehlinvestitionen, die unter dem Einfluss der
inflationären Kredithausse erfolgt sind. Normalerweise müssten diese
Investitionen abgeschrieben werden, aber das würde in der gegenwärtigen
Lage zum sofortigen Zusammenbruch praktisch aller Banken und
Versicherungen führen. Also müssen die permanenten Verluste immer wieder
gegenfinanziert werden, und das erfolgt heute zunehmend durch die
Notenpresse. Dieser Vorgang kann jedoch außer Kontrolle geraten. Wenn
die Geldpreise zu stark steigen, kommt es früher oder später zu einer
Flucht aus dem Geld und aus allen festverzinslichen Anlagen. Dann ist
die Finanzierung des Staates bedroht und letztlich auch Stellung der
Zentralbanken.
Das staatliche Geldsystem scheint also an seine Grenzen zu
gelangen. Wenn wir nach vorne blicken – wie könnte denn ein Übergang zu
“gutem Geld” aussehen? Ist es vorstellbar, die von Ihnen beschriebenen
Szenarien zu vermeiden oder abzumildern?
Grundsätzlich ist es unmöglich, aus unserer gegenwärtigen Lage
schmerzfrei herauszukommen. Eine Reform der Währungsordnung, so
notwendig sie auch auf lange Sicht ist, führt unweigerlich zu harten
Änderungen und zumindest kurzfristig auch zu einer starken Verringerung
des Lebensstandards. Psychologisch ist ein solcher Übergang für die
meisten Menschen nur dann hinnehmbar, wenn sie die langfristige
Notwendigkeit erkennen. Aber selbst das reicht nicht immer. Thorsten
Polleit hat sehr richtig auf die “kollektive Korruption” hingewiesen,
die durch das heutige Währungssystem entsteht. Auch wenn dieses System
aus gesamtwirtschaftlicher Sicht eindeutig schädlich ist, hoffen doch
die meisten Haushalte und Betriebe, dass ihnen selber durch Kredite per
Geldschöpfung einzelwirtschaftliche Vorteile entstehen könnten. Von
dieser trügerischen Hoffnung getrieben führen sie ein Leben als willige
Teilzeitknechte der Finanzindustrie und des Staates. Auch diesen, aus
christlicher Sicht sehr traurigen Sachverhalt habe ich in meinem Buch
beleuchtet.
Sie widmen in Ihrem Buch ein ganzes Kapitel dem „Sparen“. Was
entgegnen Sie einem Politiker, der wieder einmal den Konsum ankurbeln
will?
Dass er wieder einmal dabei ist, an einem kalten Wintertag die Möbel zu verheizen.
Gute und präzise Antwort, er wird aber nicht wissen, was Sie meinen. Jetzt wirklich, bitte klären Sie ihn auf.
Solche Politiker meinen, sie würden im Interesse des Gemeinwohls
handeln, wenn sie Konsumausgaben subventionieren oder steuerlich
fördern. Aber mit dieser Auffassung liegen sie vollkommen falsch, auch
wenn die keynesianisch inspirierten Ökonomen ihnen beipflichten.
Der Grundirrtum liegt darin, in den Konsumausgaben so eine Art Motor
der Investitionen zu erblicken. Wenn die Konsumausgaben steigen, so die
Überlegung, dann steigen somit die Erlöse der Firmen, und die Firmen
können somit ihrerseits mehr investieren. Jede Einschränkung der
Konsumausgaben führe dagegen zu verringerten Investitionen. Wie bereits
die klassischen Ökonomen wussten, stellt diese Sicht der Dinge die
Wirklichkeit auf den Kopf. John Stuart Mill fasste dies in dem berühmten
Satz zusammen, dass die Nachfrage nach Konsumwaren nicht mit der
Nachfrage nach Arbeitsleistungen gleichzusetzen sei. Allgemeiner gesagt
können Konsumausgaben und Investitionen einander genau entgegenlaufen.
Eine Verringerung der Konsumausgaben kann durchaus mit einer Erhöhung
der Investitionen einhergehen. Das ist insbesondere immer dann der Fall,
wenn das Wirtschaftswachstum aus erhöhter Spartätigkeit resultiert.
Diese Zusammenhänge werden leider heute nur noch an wenigen
Universitäten gelehrt. Ich habe sie daher in aller gebotenen Kürze im
ersten Kapitel meines Buches für die heutigen Leser dargelegt.