Deutsche Experten warfen Japans Regierung eine Verharmlosung der Lage vor: „Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Behörden immer wieder Befürchtungen äußern über Dinge, die in Wirklichkeit schon eingetreten sind“, sagte Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz. Die Regierung wolle die Bevölkerung auf diese Weise beruhigen. Zugleich werde deutlich, wie überfordert die Behörden seien. „Die Katastrophe sprengt die Dimension von Tschernobyl“, sagte Dersee.
Eine Kernschmelze droht, wenn die Kühlung eines Atomreaktors ausfällt. Die atomaren Spaltprozesse setzen sich fort und erzeugen Hitze und Druck, auch wenn der Reaktor bereits abgeschaltet ist. Die Kernschmelze in Reaktor 2 schätzte die Regierung als vorübergehendes Ereignis ein. Experten zufolge ist das aber nur die halbe Wahrheit: "Der nukleare Vorgang hat begonnen“, sagte Dersee.
Das zeige die enorme Menge an Radionukliden, die seit Mitte März im Umfeld des Kraftwerks in Lebensmitteln und Trinkwasser gefunden worden sei."Wie bei Geysiren kommt es im Reaktor immer wieder zu nuklearen Entladungen“, sagte er. Die Versuche, den Reaktor mit Meer- oder Süßwasser zu kühlen, nannte Dersee wenig erfolgversprechend. "Den Vorgang kann man von außen nicht mehr stoppen“, sagte er. "Die seit Wochen andauernde Rettungsaktion wird wahrscheinlich noch wochenlang andauern.“ Der Strahlenschutzexperte sprach sich für eine Ausweitung der Sperrzone um das Kernkraftwerk aus. Der von den japanischen Behörden verfügte Radius von 20 Kilometern sei unzureichend. Wünschenswert sei eine Evakuierung im Umkreis von 80 Kilometern, wie von den US-Behörden empfohlen.