Hier mal ein sehr guter Beitrag aus dem Gelben " Klick " sehr gute Diskusion, sollte unbedingt bis zum Ende gelesen werden, vielleicht ist das Rätsels Lösung.
Hallo privileg,
zur Info: der aktuell letzte Beitrag der Diskussion http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=16756 enthält lange Zitate ohne Quellenangabe.
Autor ist Gerritt Ullrich, die Zitate stammen hierher: http://www.stimme-der-vernunft.de/Auslaufmodell_Kredit.htm
Ich tendiere persönlich dazu, Verschwörungstheorien eher für eine Übersimplifikation von komplexen Zusammenhängen zu halten. Und eine Verschwörungstheorie liefert uns der Autor in seinem Aufsatz mit Sicherheit: "...wenn wir mal davon ausgehen, daß alles, was derzeit geschieht, auch genau so geplant wurde, wie es nun abläuft?"
Eine Verschwörungstheorie bedient eben unseren menschlichen Wunsch danach, daß wir die Dinge verstehen und durchschauen können.
Aber da gibt es m.E. eine feine Unterscheidung: die Annahme, daß von "denen an der Macht" alles gesteuert wird (und werden kann!), ist eine ganz andere Sache als die Einsicht, daß jeder Mensch im Rahmen seiner jeweiligen Möglichkeiten und Ziele immer versuchen wird, Einfluß in seinem Sinne auszuüben oder Situationen für sich zu nutzen. Das Letztere werden Du und ich, und auch der Politiker und der Industrielle immer tun.
Das Eine ist ein "autoritär" orientiertes Weltbild; es suggeriert einerseits Hilflosigkeit (für uns "da unten"), aber auch Machbarkeit (für die "da oben" und ihre Gruppe). Die naheliegende Lösung wäre: "Schließe Dich dem an, gegen das Du keine Chance hast. Am Besten wirst Du einer von "Ihnen". Je mehr Du Dich anpaßt, um so mehr Möglichkeiten bekommst Du verliehen. Tust Du es nicht, wirst Du ein Opfer." (Und Freiheit durch freiwillige Unterwerfung ist ein ziemliches Paradox, nicht wahr? )
Das Andere, das "systemische" oder "autopoietische" Weltbild" hingegen geht davon aus, daß auch die "Mächtigsten" der handelnden Subjekte letztlich den ganzen Zusammenhang weder verstehen noch komplett beeinflussen können. Aus allen individuellen Handlungen "emergiert" demnach schon eine durchaus stabile Ordnung. Zum Beispiel gibt es die "Mächtigen" auch nur deswegen, weil genügend viele Andere sich be-mächtigen lassen. Der springende Punkt ist: diese Ordnung hat "keiner" (d.h. kein Einzelner oder eine Gruppe) "gezielt gemacht", noch kann sie ein Einzelner in der Regel ändern.
Aus diesem Weltbild folgt: "Erkenne Deine individuellen Möglichkeiten zur Freiheit, schätze und nutze sie. Strebe nach Freiheit und Würde für Dich und Andere." (Das hört sich nach "ohne Netz und doppelten Boden" an, ist riskant und könnte einen geradezu ängstigen. Da will man gleich zu Papa.)
O.k.? In diesem Sinne berauben Verschwörungstheorien uns unseres individuellen Freiheitssinnes.
Daneben wird der Autor von vielen Quellen zumindest in die Nähe rechtskonservativer Autoren/Agitatoren gestellt - man muß nur mal seinen Namen und Verlag im Netz suchen. Ich habe mich jetzt auf die Schnelle nicht lange genug damit befaßt, welche Lösungen er anbietet. Jedenfalls sollte man das bei seiner Lektüre im Hinterkopf behalten.
Es wird jedenfalls interessant zu sehen, welche neuen Denkmuster sich demnächst etablieren werden.
Wenn man die "libertären" Autoren liest, löst sich politisches "rechts" und "links" jedenfalls schnell auf.
Bei Ron Paul z.B. ist gleichzeitig "erzkonservativ" und "freiheitlich". Das verwirrt einen schon mal ganz schön.
Dann bin ich gespannt, wie sich rechtsnationale Autoren die Kritik an der Finanzmarktkrise mitsamt antikapitalistischer Kritik zu eigen machen, sie mit Anti-anglo-Amerikanismus mischen, nach Schutz des Volkes durch mehr Kontrolle rufen, und darunter ihre Parolen mischen. Teilweise haben wir das ja schon.
Dann gibt es die Linken, die traditionell die "Freiheit" verteidigen wollen, und plötzlich überall regulieren und intervenieren wollen. Huch?
Da drohen so einige klar kollektivistische "Lösungen".
Messen würde ich sie in erster Linie allesamt an der Frage, was bei ihren Lösungsvorschlägen mit der individuellen Freiheit und Würde passiert. Wenn das "Kollektive Interesse" zur wichtigsten Meßlatte wird, die jeden Eingriff in individuelles Recht rechtfertigt, ist es bis zu einer Form des Totalitarismus nicht mehr weit.
Die Frage ist, wie wir in unserer Gesellschaft zur Freiheit und der dazugehörigen Verantwortung bereit werden. Und was das nun überhaupt heißt. Und wie man sich gleichzeitig frei fühlen kann, und die Grenzen der eigenen Macht akzeptieren kann, ohne gleich nur noch egoistisch zu sein. Und so weiter....
Globaler moralischer intellektueller gesellschaftlicher politischer ökonomischer Kollaps gefällig? Da ist man echt gut, wenn man in der Krise vor Allem eine Chance sieht... und wir versuchen es doch. Immer wieder.
Herzlichen Gruß, GL