Wenn man eine technische Analyse macht, kommen in der Regel von vielen Foristen kritische Fragen, eigentlich ja zurecht. So fragte mich z. B. der User "Goldkinder" im Ariva-Forum, nachdem ich einen Silberchart gepostet hatte:
@Katze, spitze, aber ist Dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass die Prognosen der Chartisten schon seit Jahren so gut wie immer short term bearish und long term bullish sind (wie auch gerade jetzt bei Blaschzok, Brady, Katze usw.). Also an short term bullish kann ich mich wirklich nicht dran erinnern. Ist das vielleicht ne Masche, um weniger angreifbar zu sein, denn kurzfristige Fehlprognosen sind ja besonders heikel, während man langfristige Fehlprognosen ja immer auf irgendwelche (nicht kalkulierbaren) externe Faktoren verweisen kann.
Und UBS 55:
@Goldkinder, sehr gut, dann muss ich es nicht wieder schreiben. Niemand weiss überhaupt was, es gibt nur Wahrscheinlichkeiten, die sich aber nach der nächsten Meldung wieder ändern können. Ich hab auch nicht wirklich Lust, mich mit dutzenden von " ganz tollen Bohrergebnissen " rumzuschlagen. In 99% der Fälle lese ich dann ein Jahr später, wie die Depotleichen heissen.
Meine Antwort für mein Archiv:
1. Technische Analyse ist kein Hokuspokus oder Esotherik, es gibt Day- oder Swingtrader und Scalper, die verdienen damit gutes Geld. Dies aus dem Grund, dass an entscheidenden Marken die Wahrscheinlichkeit (das Chance-Risiko-Verhältnis) in die eine oder andere Richtung tendiert. Sei es auch nur 48:52. Dies kommt daher, dass an Widerstand- oder Unterstützungslinien besonders viele Sell oder Buy Orders liegen, die beim Durchbruch ausgelöst werden. Wir können auch von einer selbsterfüllenden Prophezeiung sprechen.
Ich habe mit auschschliesslich chartbasiertem Daytrading auch schon Geld verdient, es ist aber kein Zuckerschlecken. Es braucht Disziplin, Geduld und viel zeitliche Präsenz. Da bin ich nicht der Typ dafür. Ich kümmere mich lieber um die von UBS verschmähten Explorer und Bohrlöcher.
2. Um eine Prognose (long/short/seitwärts) zu erstellen braucht der technische Analyst ein Signal. Ich persönlich verstehe mich als Markttechniker nach Michael Voigt. Markttechnik ist auch eine Disziplin der technischen Analyse, grenzt sich aber von der Charttechnik deutlich ab. Wir interpretieren nicht irgendwelche Muster in einen Chart, sondern unsere Analysen basieren auf horizontalen Unterstützungs- und Widerstandlinien sowie Innen- und Aussenstäben. Wir handeln den Trend, den Ausbruch, die Bewegung oder die Korrektur, weil dort die Wahrscheinlichkeiten am greifbarsten sind. Aus diesem Grund halte ich nicht viel von Elliot Wellen. Der Interpretationsspielraum, wie weit eine Welle geht bzw. wo sie endet, ist viel zu gross, so dass nicht eine relvante Menge von Marktteilnehmern am selben Ort Orders platziert sein kann. Im Daytrading sind meiner Meinung nach Elliot Wellen nicht brauchbar. Für Markttechnik-Fundamentalisten spielen Indikatoren (besonders Oszillatoren) keine und Trendlinien kaum eine Rolle.
Ich persönlich kombiniere die Marttechnik gerne mit Fibo-Retracements, Candle-Sticks und Moving Averages, da darauf viele Marktteilnehmer achten, weil sie einfach anzwenden und verständlich sind. Von den Oszillatoren verwende ich zurzeit nur den RSI (Relative Stärke Index). Letztlich muss jeder seinen Stil finden.
3. Die technischen Analysten, die seit 2015 "long term bullish" für Gold sind (dazu zähle ich mich auch), hatten bisher ja auch recht. Zur Erinnerung, seit Sept. 2015 haben wir 1'000 $ zugelegt, d.h. verdoppelt. Und der Aufwärtstrend ist weiterhin intakt, auch wenn sich jetzt ein 3-Fach-Top ausgebildet hat. Der Trend würde erst gebrochen, wenn wir unter 1'615 $ fielen (tieferes Tief) und danach das nächste Top unter 2'075 $ läge (tieferes Hoch).
4. Wie gesagt, für eine Prognose brauchen wir ein Signal, einen Durchbruch durch eine Unterstützung- oder Widerstandslinie oder einen Umkehrstab. Das gibt es auf Tages- oder Wochenbasis nicht so oft. (Charttechniker benötigen andere Signale, Trendlinien, Formationen oder was auch immer). Weil der übergeordnete Trend seit 2015 immer noch aufwärts ist, fallen logischerweise die Prognosen "long term bullish" aus.
Seit 2020 befinden wir uns mit Gold in einem Seitwärtsmarkt, dass ist das schwierigste für einen technischen Analysten. Eine Short Term Prognose ist natürlich schwierig, wenn man kein eindeutiges Signal hat und da bleibt man eher vorsichtig. Aber ich verspreche, wenn wir die 2'080 $ nachhaltig hinter uns lassen (miteinem Wochen oder Monatsschlusskurs), wird meine Prognose auch "short term bullish" sein. (Der Ausbrauch über 1'365 in 2019 war so ein Schlüsselmoment und eine todsichere Sache.)