Das Ungünstigste für Selenski wäre eine Waffenruhe. Arnold Schölzel interpretiert die Forderungen Selenskis nach einem atomaren Erstschlag.
Droht Waffenruhe?
Selenskij will Präventivschlag
Ein Kommentar von Arnold Schölzel JW, 8.10.22, Seite 8
https://www.jungewelt.de/artik…214.droht-waffenruhe.html
Für sich genommen reiht sich Selenskijs Forderung nach einem westlichen Präventivschlag gegen Russland ein in eine Serie von abenteuerlichen bis hysterischen Äußerungen, die in Kiews politischem Leben Standard sind. Jenseits ukrainischer Grenzen kann da vor allem Annalena Baerbock mithalten. Zum Repertoire der in Kiew seit 2014 Regierenden gehört der ständige Versuch, die eigenen Sponsoren im Westen moralisch zu erpressen, d. h. als Schwanz mit dem Hund zu wackeln.
Insofern erscheint die jetzige Aufforderung, endlich den dritten Weltkrieg zu beginnen, als blanke Gewohnheit. Aber etwas ist anders: Es knirscht offenkundig zwischen Kiew und Washington. Deutlich wurde das, als Selenskij, eingerahmt von zwei Türstehertypen, in der vergangenen Woche den beschleunigten Beitritt der Ukraine zur NATO verlangte. In Washington und Brüssel tippte man sich wohl – wenn auch nicht vor laufenden Kameras – an die Stirn. Selbst die durchgeknallte antirussische Schreibtischfront im Westen wusste auf einmal: Dem nachzugeben bedeutet, Aktivierung des Artikels V des Nordatlantikvertrages, d. h. Erklärung des Bündnisfalls und damit den offenen Eintritt aller NATO-Staaten in den Krieg, den sie so gern unerklärt seit Jahren gegen Russland führen. Das kann schon zu politischen Schluckbeschwerden führen, zumal die westliche Propaganda gerade das Märchen von angeblichen russischen Drohungen mit Atomwaffen täglich wiederkäut.
Eine Retourkutsche für Kiew gab es umgehend. CNN und New York Times bekamen US-amtlich gesteckt, dass Selenskij und Co. den Mord an der russischen Kriegsreporterin Darja Dugina in Auftrag gegeben haben. Welch Überraschung. Mag sein, dass die entgrenzte Unberechenbarkeit der Kiewer, ihre militärische Kraftmeierei bei wenig Leistung im Sinne des Westens Washington reicht.
Für Freude sorgt dort auch nicht der seit Monaten anhaltende Beschuss des AKW Saporischschja durch Kiews Armee. Der Chef der Internationalen Atomenergieagentur dürfte nicht nur aus eigenem Antrieb erneut bei Selenskij vorstellig geworden sein. Der hatte in seiner Rede am 19. Februar in München damit gedroht, die Ukraine könne das Budapester Memorandum von 1994 nicht mehr beachten, im Klartext: wieder Atommacht werden. Sein wiederholtes Verlangen nach taktischen Raketen, die eine Reichweite von 300 Kilometern haben, mag ein Grund gewesen sein, warum Joseph Biden nun vorm Untergang im Atomkrieg warnte.
Selenskij hat nicht nur überzogen, sein jüngster Irrläufer lässt fast vermuten, dass nicht Frieden, aber ein Waffenstillstand droht. Er hat am 9. April auf Druck Boris Johnsons das mit Moskau Vereinbarte vom Tisch gefegt, nun bleibt Ruhe an der Front die größte Gefahr für sein Regime. Trifft diese Vermutung zu, erklärt das seine Verantwortungslosigkeit als Verzweiflungstat. Wenn nicht: Verbrecherisch bleibt das Gesagte in jedem Fall.