"Ohne Hilfe können wir zusammenpacken" - die ukrainische Armee ist am Rand ihrer Kräfte.
https://www.nzz.ch/internation…ste-im-donbass-ld.1690268
Ein beelendender Bericht von der Front in der NZZ über das sinnlose Sterben. Die bürgerlichen Medien berichten nach 4 Monaten nun realistischer. Das endet übel für die Ukraine.
Auszüge:
"Seit Monaten kämpfen die ukrainischen Truppen im Donbass gegen einen materiell überlegenen Feind. Angesichts hoher Verluste und fehlender Waffen wird die Lage für die Soldaten immer prekärer. Das wirkt sich auch auf die Moral aus.
"Wir haben nur unsere Kalaschnikows und ein paar Panzerabwehrwaffen, sonst nichts", sagt Wolodimir Babenkо. Der Hauptmann der Nationalgarde hat schon 2014 gekämpft. Doch so hart wie jetzt war es noch nie. "Wir haben so viele Männer verloren", sagt er. Babenkоs Einheit war in Sewerodonezk stationiert, der am härtesten umkämpften Stadt an der Front, die nun gefallen ist. In dem tristen Industrieort im Donbass beschossen sich Russen und Ukrainer aus kürzester Distanz mit Granaten und Raketen.
Es sei dort die Hölle gewesen, sagt Babenkо, der sich mit seinen Männern für ein paar Tage in die Nachbarstadt Lisitschansk zurückgezogen hat. Jetzt sitzen die Soldaten im Schatten eines Plattenbaus im Gras und rauchen Zigaretten. Auf der Munitionskiste vor ihnen stehen leere Konservendosen. Die Männer sehen mitgenommen aus. Fast alle tragen Verbände, ihre Gesichter sind schmutzig und ihre Blicke müde und leer. Man kann nur erahnen, was sie in Sewerodonezk durchgemacht haben.
"Für jede Granate von uns schiessen die Russen zehn ab", sagt Babenkо. Seine Truppe sei zahlenmässig und materiell komplett unterlegen. "Ohne Hilfe können wir zusammenpacken und uns gleich bis nach Lwiw zurückziehen", ruft einer der Soldaten dazwischen.
Tatsächlich ist der Druck der Russen am anderen Ufer des Donez-Flusses enorm. Immer wieder hört man gegenüber das Grollen der Artillerie, die Brücken zwischen den beiden Städten sind längst zerstört. Man könne nur noch mit Booten oder schwimmend hinübergelangen, sagt Babenkо. Und auch das nur unter enormen Verlusten.
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«Wir haben fast nur Soldaten hier liegen», sagt Witali Jaroslawowitsch, der im nur zwanzig Kilometer hinter der Front liegenden Zivilspital von Kramatorsk als Militärchirurg arbeitet. «Die Männer werden schrecklich zugerichtet eingeliefert, mit Schrapnell-Wunden, zerschmetterten Gliedmassen und schweren Kopfverletzungen.»
«Wir bluten regelrecht aus»
Serhi, der aus der Westukraine stammt, kämpfte als Panzerjäger. Dabei hat er immer wieder erlebt, wie seine Kameraden an ihre Grenzen kamen. «Vor allem die jungen, frisch rekrutierten Soldaten macht der Dauerbeschuss fertig», sagt er. Manche stünden dermassen unter Schock, dass man sie sofort wieder abziehen müsse. «Wir bluten daher regelrecht aus.»
Zu den schweren personellen Verlusten kommen jene an Material hinzu. Tausende von Fahrzeugen gingen verloren, längst kaufen Freiwillige den Markt für gebrauchte Geländewagen in ganz Europa leer, um Autos für die Front zu besorgen. Sogar an Munition fehlt es inzwischen, denn die meisten Waffenfabriken im Land sind zerstört, und im Ausland lassen sich die passenden Geschosse für die aus der Sowjetzeit stammenden Waffen kaum mehr finden.
Westliche Waffen kommen hingegen immer noch in viel zu kleiner Zahl an. Das macht sich nicht nur im Donbass bemerkbar, sondern auch an den übrigen Frontabschnitten. Nördlich von Mariupol etwa, wo die Front durch liebliche Dörfer und Felder führt, kämpft Ihors Flugabwehreinheit. Sie verfügt über keine einzige Rakete mehr. «Vor ein paar Tagen haben wir mit unserer letzten Igla einen russischen Helikopter abgeschossen», sagt der 41-Jährige stolz. «Jetzt warten wir auf Nachschub.»
Aber dieser kommt nicht. Stattdessen müssen die Männer improvisieren. So fahren sie mit ihrem eigenen Auto an die Front, einem klapprigen Lada aus dem Jahr 1984. Ihre Uniformen und Helme haben sie sich ebenfalls selbst zusammengesucht. Normalerweise sollte ein Drei-Mann-Team wie das von Ihor höchstens einen Kilometer Front abdecken. «Hier sind wir inzwischen für vier zuständig», sagt er.
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Nicht überall ist die Moral noch so intakt. Nach monatelangen harten Kämpfen und einem enorm hohen Blutzoll sind manche Soldaten nicht mehr bereit, die prekäre Versorgungslage einfach hinzunehmen. So tauchten im Internet in den letzten Wochen immer wieder Videos auf von ganzen Einheiten, die ankündigen, nicht mehr weiterkämpfen zu wollen, sollte sich an der Situation nicht bald etwas ändern.
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Andris Einheit liegt nördlich von Slowjansk. Auch hier drücken die Russen in Richtung der ukrainischen Linien, auch hier fehlt es an allem. Dazu kommt aber noch ein anderes Problem: «Viele der Einheimischen hier mögen uns nicht. Sie sehen uns als Fremde und machen uns für den Krieg verantwortlich», sagt Andri.
Tatsächlich beäugen die alten Frauen im Plattenbauviertel, wo die Truppe kurzfristig untergekommen ist, die Soldaten mit Argwohn. «Die sollen alle verschwinden», sagt eine von ihnen. «Wir wollen, dass das endlich vorbei ist.»
Die meisten Bewohner des Donbass sprechen Russisch. Das macht sie noch lange nicht zu Anhängern Moskaus. Trotzdem gibt es unter jenen, die nicht geflohen sind, auch solche, die mit Russland sympathisieren. «Die warten nur darauf, dass wir hier weg sind», sagt Andri. Manche würden dem Feind sogar die Positionen der ukrainischen Truppen verraten. «Ich verstehe das nicht», sagt ein anderer Soldat, der ebenfalls in der Nähe von Slowjansk einen Checkpoint bewacht. «Wenn es ihnen hier nicht passt, dann sollen sie doch einfach nach Russland gehen.»
Entsprechend ermüdet und abgestumpft wirken die Soldaten. Wenn sie nicht kämpfen, blicken sie auf ihre Mobiltelefone oder hören Musik. Über den Krieg sprechen wollen viele nicht mehr. Stattdessen sagen sie oft nur einsilbige Worte wie: «Es ist schon okay» oder «so ist der Krieg nun mal». Das ganze Land, so scheint es, hat sich inzwischen auf einen langen Kampf eingestellt. Die Züge, die in den Nächten aus dem Osten in Richtung Westen fahren, sind voll von Soldaten auf Fronturlaub.
Babenkо und seine Männer in Lisitschansk hingegen haben vorerst ganz andere Probleme. Sie müssen in Kürze wieder an die Front und brauchen dazu Feuerschutz durch die Artillerie. Aber eine der so dringend benötigten Panzerhaubitzen ist nicht angekommen. Das Gefährt steckt ein paar Kilometer hinter der Front auf einer Landstrasse fest.
«Die Steuerung funktioniert nicht mehr, das verdammte Ding fährt nur noch geradeaus», sagt einer der Männer, die die fünfzigjährige Sowjet-Haubitze vom Typ 2S1 eigentlich ins Gefecht fahren sollten. Später kommt der Kommandant der Batterie hinzu, ein breitbeiniger Typ mit Sonnenbrille und nach hinten gedrehter Baseball-Mütze. Aus seinem Toyota-Landcruiser dringt harter, ukrainischer Hip-Hop.
Von den ehemals 18 Panzerhaubitzen in seiner Einheit sind nur noch 5 gefechtsbereit. «Sag deinen Leuten in der Schweiz, wir brauchen Paladin-Panzerhaubitzen, M777-Geschütze und Munition, und zwar schnell», sagt er, ehe er den Befehl gibt, das kaputte Gerät zur Reparatur abzuschleppen."