WSJ - Die Liebe zum Bargeld wird in Japan zum Problem
In Japan kann man seine Kreditkarte als Monatskarte für die U-Bahn benutzen. Man kann an Automaten Getränke kaufen, indem man sein Handy an ein Datenlesegerät hält. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei Bargeld in dem Land kein Thema mehr. Doch in Wirklichkeit steigt die Nachfrage nach Cash – eine Entwicklung, die Volkswirte und sogar die Zentralbank vor Rätsel stellt.
Ende 2013 waren 90 Billionen Yen, umgerechnet rund 632 Milliarden Euro, im Umlauf. Das ist eine Steigerung von 17 Prozent über die vergangenen zehn Jahre und der höchste Wert in einem großen Industrieland, gemessen am Verhältnis zur Größe der Volkswirtschaft. In den USA beträgt der Bargeldbestand je Einwohner beispielsweise nur ein Drittel des Niveaus von Japan.
Die Nachfrage nach Yen-Scheinen hat in den vergangenen drei Jahren zugenommen – ein Phänomen, das ein Vertreter der Bank of Japan 8301.TO +0,70%als „rätselhaft" bezeichnet.
Bis Mitte der 1990er Jahre lag der Anteil des Bargeldes, das im Umlauf war, laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich meist stabil bei etwas unter 10 Prozent der Geldmenge. Bis Ende 2012 stieg er auf 19 Prozent und war damit mehr als doppelt so hoch wie in jeder anderen Industrienation.
Das wäre kein Problem, wenn die Japaner das Geld ausgeben würden. Doch Ökonomen sagen, dass ein großer Teil in Kleiderschränken und unter Matratzen versteckt ist. Diese Tatsache könnte Ministerpräsident Shinzo Abe einen Strich durch die Rechnung machen. Sein Ziel ist es, die jahrelange Deflation zu beenden, die auf die Löhne und das Wirtschaftswachstum drückt.
Dennoch wird ein beträchtlicher Teil des Bargeldes auch ausgegeben. Japan hat eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt, weshalb die Menschen eher Scheine nutzen. Der Kreditkartenanbieter Mastercard schätzte in einem Bericht von September, dass 38 Prozent der gesamten Einzelhandelstransaktionen in Japan mit Bargeld getätigt wurden. In den USA waren es 20 Prozent. Viele kleine Unternehmen – darunter auch zwei der 13 Restaurants in Tokio, die mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet sind – akzeptieren noch nicht einmal Karten.
Japaner haben wenig Anreiz, ihr Geld zur Bank zu bringen
Einige Beobachter sagen, dass die vielen Jahre fallender Preise und Löhne dazu beigetragen haben, dass die Japaner Bargeld horten. Sie schieben Ausgaben hinaus und warten darauf, dass Produkte noch günstiger werden.
Nachdem zur Jahrtausendwende einige große Banken kollabierten und die Zinsen so niedrig sind, haben die Menschen wenig Anreiz, ihr Geld zur Bank zu bringen.
Auch die Scheine, die im Umlauf sind, deuteten darauf hin, dass ein Großteil des Geldes zuhause verwahrt wird, sagt Hideo Kumana vom Dai-ichi Life Research Institute. Seit der Finanzkrise 2008 ist die Nachfrage nach den größten erhältlichen Banknoten – den 10.000-Yen-Scheinen, die umgerechnet rund 70 Euro wert sind, um 10 Prozent gestiegen. Bei den kleinsten Scheinen über 1.000 Yen gab es dagegen keinen Anstieg. „Es wäre dumm, seine Ersparnisse in Tausend-Yen-Noten aufzubewahren", sagt Kumano.
Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich lagerten 87,5 Prozent aller Münzen und Scheine in Japan 2012 nicht bei Banken, sondern waren in den Händen von Privatpersonen, Unternehmen und Bezirksregierungen. Auch Sicherheitsfirmen beobachten diese Entwicklung. „Es ist normal für eine Familie, mindestens 100.000 oder 200.000 Yen in ihrem Haus zu haben, an die sie leicht rankommen, und noch mal 30.000 oder 40.000 Yen in ihrem Portemonnaie", sagt ein Vertreter von Security House Center.
Ein Ziel von Abes Wirtschaftsprogramm, das er vor einem Jahr aufgelegt hat, ist es, die Menschen wieder zum Geldausgeben zu bewegen. Der Ministerpräsident hofft, dass die Japaner ihre Bankkonten plündern und das zu Hause gelagerte Geld in die Geschäfte tragen, wenn Inflation geschaffen wird.
Es gibt bereits Zeichen dafür, dass das eintreten könnte. Die Verbraucherpreise steigen, Japan könnte die Deflation bald hinter sich lassen. Die Umsätze der großen Kaufhäuser waren im Januar stabil.
Einige Ökonomen schlagen radikalere Maßnahmen vor. Eine Idee ist es, dass die Zentralbank Bargeld und Bankkonten besteuert, während Vermögenswerte wie Aktien und ausländische Anleihen steuerfrei bleiben. Das würde die Japaner dazu anregen, ihr Geld entweder auszugeben oder anzulegen.
Volkswirt Mitsuhiro Fukao von der Keio Universität plädiert für eine andere Maßnahme. Er schlägt vor, dass die Bank of Japan neue Banknoten einführt und beim Umtausch alter Scheine gegen neue eine Gebühr fällig wird. Für einen 1.000-Yen-Schein könnte man beispielsweise 20 Yen zahlen müssen. Das würde die Menschen dazu bringen, ihre alten Scheine auszugeben, bevor sie verfallen.