Nehmen wir einen Oil-Swap als Beispiel. Oil-Swaps sind ein spezieller Fall von Swaps und haengen in ihren cash flow Zahlungen vom Preis eines bestimmten Oil Indexes oder Settlement Preises eines Oil Futures ab. Nehmen wir einen Oil-Swap auf den Brent Crude Future gemaess ICE (=Intercontinental Exchange... ehemals IPE). Solche Swaps werden ausserboerslich gehandelt und sehen vor, dass der Kaeufer am Laufzeitende einen fixen und bekannten Geldbetrag an den Verkaeufer zahlt (den Swap-Level), waehrend der Verkaeufer am Laufzeitende den (bisher noch unbekannten) settlement Preis des Brent Crude Futures an den Kaeufer zahlt. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach. Nehmen wir an, der Brent Future notiert bei 70$ und settlet (laeuft aus) in 4 Wochen. Der Swap wird heute bei 70$ gehandelt und bis zum Kontraktende (in ebenfalls 4 Wochen) passiert erstmal nix. Lufthansa hat den Swap gekauft, um sich per Proxi gegen steigende Cerosine Preise abzusichern, Shell hat den Swap verkauft, um sich gegen fallende Oil Preise abzusichern. Die Groessenordnung des Geschaefts lag bei sagen wir 5mio barrel. In 4 Wochen settlet der Brent Future - nehmen wir es an - bei 75$. Lufthansa hat den swap zu 70$ gekauft und zahlt folglich 70$ * 5mio barrel = 350mio EUR an Shell (dieser cash flow war vorher bekannt). Shell hat den Swap verkauft und zahlt den settlement Preis - der vorher unbekannt war - an Lufthansa. Hier also 75$ * 5mio barrel = 375mio EUR. Am selben Tag zahlen die beiden sich also gegenseitig Geld aus. In der Praxis laufen solche Swapgeschaefte auf standardisierten Vertragsbasen (ISDA) und es wird nur die cash-flow Differenz ausgezahlt. Lufthansa zahlt also gar nichts und erhaelt von Shell 25mio $ ausgezahlt.
Was ist das "Volumen" (=notional) dieses Swaps? Es betraget 70$ * 5mio barrel = 350mio EUR.
Die Medien wuerden soein Geschaeft als boesartiges, kompliziertes Finanzprodukt verteufeln und in ihm Potential fuer einen Zusammenbruch unseres Finanzsystems vermuten. So bisher geschehen in diversen Deutschen Finanzzeitungen.
Warum hat Lufthansa diesen Swap aber gekauft? Weil ein junger Draufgaenger im Namen der Firma auf den Oil Preis zocken will? Sicherlich nicht. Lufthansa nutzt solche Swap Geschaefte, genauso wie auch Shell, um das Risiko aus Preisschwankungen im Oil zu hedgen, es also zu eleminieren. Nehmen wir an, die zusaetzlichen Kosten fuer Cerosine steigten im historischen Mittel um 25mio $ wenn Brent Crude um 5$ steigt (Brent und Cerosine korrelieren stark positiv miteinander). Lufthansa haette im obigen Szenario also 25mio $ "Verlust" im operativen Geschaeft erlitten, dafuer aber 25mio $ "Gewinn" aus dem Swap Geschaeft erzielt. Netto ist das Risko - egal, wie oil sich entwickelt haette - also groesstenteils eleminiert. Merke: Es bleibt credit risk und correlation risk - aber das Gesamtrisiko ist deutlich reduziert. Und an dieser Stelle eine Anmerkung zum credit risk (dem Risiko, dass der Vertragspartner Shell ausfaellt). Moechte Lufthansa auch dieses Risiko reduzieren, so kaufen sie einen z.Z. so verteufelten Credit Default Swap (CDS) mit 4 Wochen Restlaufzeit von bsp. der Allianz. Dafuer ist eine geringe Praeme an die Allianz faellig und im unwahrscheinlichen Fall dass Shell waehrend der CDS laufzeit insolvent geht bzw. ein genau definiertes Kreditereignis eingetreten ist, zahlt die Allianz einen festen Betrag an Lufthansa. So hat Lufthansa das credit risk also auf den extrem unwahrscheinlichen Fall reduziert, dass sowohl (!) Shell als auch (!) Allianz innerhalb der naechsten 4 Wochen pleite gehen. Dieses CDS Geschaeft waere ein reiner Transfer (!) von Risiko ohne das neues Risiko entstanden waere.
Zurueck zum Oil-Swap. Die beispielhaften 350mio EUR notional sind in den 500 billionen USD von Herrn Singer enthalten. Und ein sehr grosser Teil der weltweit offenen Derivate-Positionen haben einen aehnlichen Charakter.
Wenn Lufthansa und Shell sich eine Woche spaeter einigen wuerden, ihren hedge zum neuen Marktpreis wieder aufzuloesen (passiert selten mit dem selben Geschaeftspartner), dann wuerde Lufthansa den Swap an Shell zu bsp. 72$ zurueckverkaufen, haette 10mio EUR Gewinn erzielt und die 350mio EUR notional wuerden sich in Luft aufloesen. Der Swap waere weg. Ganz harmlos fuer die Wirtschaft und ohne dass es irgendjemand ueberhaupt mitbekaeme.
Das vorab. Derivate sind - nur weil die Masse sich damit nicht auskennt - im allgemeinen nicht sonderlich komplex und dienen vordergruendig der Uebertragung von existierenden (!) Risiken von einem Marktteilnehmer auf den anderen. Nur wenn zwei Spekulanten untereinander handeln, wird neues Risiko aus dem Nichts erschaffen - es verfaellt aber ebenso schnell wieder in sich zusammen. Wenn ein Spekulant mit einem Hedger handelt oder zwei hedger untereinander, dann wird KEIN Risiko neu erschaffen. Risiko wird in dem Fall nur transferiert - und das vergisst die Presse leider oft.