In einem gemeinschaftlichen offiziellen Aufruf wendet sich die Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hohenheim an die Öffentlichkeit und warnt vor übertriebenen und unbedachten Reaktionen auf die aktuellen Börsengeschehnisse. Prof. Dr. Hans-Peter Burghof vom Institut für Betriebswirtschaftlehre und Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft stand Fidelity für ein Interview zur Verfügung.
Herr Prof. Dr. Burghof, alle reden von der schlimmsten Bankenkrise überhaupt. Aber wie schlimm ist die derzeitige Krise wirklich?
Prof. Dr. Hans-Peter Burghof: Wir müssen die aktuelle Lage durchaus sehr ernst nehmen. Aus der amerikanischen Immobilienkrise hat sich auch in Deutschland eine Bankenkrise entwickelt, die nun zu einer dramatischen Wirtschaftskrise auszuwachsen droht. Dies muss aber nicht so sein! So schlimm die Immobilienkrise und die Banken- bzw. Finanzkrise auch sind, eine für uns alle dramatische Wirtschaftskrise entsteht hierdurch erst dann, wenn Banken, Unternehmen, Politik, Medien und Bürger daran glauben oder sogar bewusst oder unbewusst dazu beitragen, eine Wirtschaftskrise herbeizureden. Eine gravierende Wirtschaftskrise lässt sich aber noch abwenden, wenn alle Teile der Gesellschaft in dieser kritischen Situation ihrer, auch ganz individuellen Verantwortung gerecht werden.
Wie können die Banken das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen?
Prof. Dr. Hans-Peter Burghof: Die Banken müssen das wirkliche Ausmaß der bestehenden Finanzkrise aufdecken. Jedes Bankunternehmen muss sofort und vollständig offenlegen, welche potenziellen Risiken durch die Immobilien- und Finanzkrise für die eigene Geschäftssituation entstanden sind. Vertrauen in verantwortungsvolles Handeln der Banken kann nur dann wieder wachsen, wenn nicht immer wieder neue, bislang unbekannte Risiken und Ausfälle bekannt werden und diese nur "scheibchenweise" zugegeben werden. Außerdem darf die Solidarität zwischen den Banken in Deutschland in der bestehenden Situation keine Grenzen kennen. Alle Banken sitzen im gleichen Boot. Wenn das Vertrauen weiter schwindet, dann geraten alle Institute in Schieflage. Daher müssen einzelne Banken, die in Schwierigkeiten geraten, wie bisher von allen anderen Banken aufgefangen werden. Der Staat darf zukünftig nur noch im Ausnahmefall als "Retter" angerufen werden, da dies zeigt, dass die brancheninterne Solidarität Grenzen hat.
Wie kann die Politik dazu beitragen, die Lage zu entspannen?
Prof. Dr. Hans-Peter Burghof: Die Politik muss sich als allererstes darum kümmern, dass solche Finanzkrisen in einer globalen Finanzwelt zukünftig nicht mehr in der augenblicklichen Form auftreten können. In unserem Hohenheimer Aufruf fordern wir daher die Politik auf, Vorstellungen zu entwickeln, wie eine internationale Finanzregulierung aussehen kann und wie die angelsächsischen Staaten integriert werden können. Auch muss die Politik den Banken bei der Bereinigung der Bankbilanzen helfen. Wenn die Banken alle Wertberichtigungen sofort und vollständig geltend machen müssen, wird dies hohe Verlustausweise zur Folge haben. Dies wird die Banken schwächen und das ihnen entgegengebrachte Vertrauen wieder zerstören. Zusätzlich muss die Politik offen sagen, welche Belastungen für die öffentlichen Haushalte durch die Krise entstehen. Denn nur eine solche Offenheit erzeugt Vertrauen in das Handeln der Politik innerhalb der augenblicklichen Krisensituation.
Welche Auswirkungen hat die derzeitige Krise auf Einzelunternehmen?
Prof. Dr. Hans-Peter Burghof: Die Unternehmen dürfen die Finanzkrise nicht für "Trittbrettfahrereffekte" ausnutzen. Es ist verantwortungslos, wirtschaftliche Schwierigkeiten, die aus anderen Gründen entstanden sind, als Folge der Finanzkrise darzustellen. "Bänder" stehen nicht plötzlich wegen der Finanzkrise still, sondern weil man schlechte Produkte, zu hohe Preise oder einen schlechten Service hat.
Wie sachlich ist die aktuelle Berichterstattung über die Finanzkrise?
Prof. Dr. Hans-Peter Burghof: Die Medien dürfen den drohenden "Self-fulfilling-Prophecy-Mechanismus" nicht noch anheizen! Daher fordern meine Kollegen und ich, dass die Berichterstattung über die Finanzkrise nicht übertrieben umfangreich, ausgewogen und objektiv in der inhaltlichen Aufbereitung und auf keinen Fall sensationsgierig erfolgt. Leider sehen wir aktuell einige schlechte Beispiele. Es wird Panik geschürt, die am Ende dazu beitragen kann, eine Wirtschaftskrise herbeizureden.
Was raten Sie verunsicherten Anlegern?
Prof. Dr. Hans-Peter Burghof: Es gibt keinen Grund zur Panik! Wir Bürger können unserem Banken- und Finanzsystem weiterhin vertrauen. Bürger, die ihre Sparkonten räumen und privat große Bargeldbestände aufbauen, müssen sich bewusst sein, dass dies für unser Wirtschaftssystem gefährlich ist. Wenn wir dies alle tun, dann fördert dies die negative Entwicklung und führt zu einer dramatischen Rezession, in der wir alle wirtschaftlich verlieren werden.
Schließlich müssen wir Bürger Geduld haben. Die Finanzkrise ist nicht von heute auf morgen gekommen und wird auch nicht von heute auf morgen gehen. Trotzdem dürfen wir darauf vertrauen, dass die von Politik, Banken, Verbänden und Unternehmen ergriffenen Maßnahmen helfen und unser Wirtschaftssystem zudem über ausreichende Selbstheilungskräfte verfügt.