Im neuen Gewand
Auch wenn die Verbraucherpreise nur moderat steigen, ist die Inflationsgefahr nicht gebannt. Denn sie zeigt sich zur Zeit anders als bisher - Gastbeitrag
von Thorsten Polleit
Steigende Rohstoffpreise, allen voran der Ölpreis, Staatsdefizite auf Rekordständen - und all das begleitet von der Politik des billigen Geldes. Die Konstellation erinnert verdächtig an die frühen siebziger und achtziger Jahre, als die Volkswirtschaften der westlichen Welt an Stagflation - steigender Inflation, bei stagnierender oder sogar rezessiver Produktion - litten. Doch aktuell ist von Inflation(-sfurcht) nur wenig zu erkennen. Die Kapitalmarktzinsen scheinen sogar Rekordtiefs entgegen zu gehen. Unterschätzen die Finanzmärkte die Inflation? Gibt es bald ein böses Erwachen?
Inflation, so ist vielfach zu hören, sei kein Problem mehr. Die Globalisierung setzt die Volkswirtschaften der westlichen Welt, besonders die in Europa, unter verstärkten Wettbewerbsdruck. Unternehmen fehlen Preisüberwälzungsspielräume. Und Arbeitnehmer werden zunehmend bereit, Arbeitsplatzsicherheit gegen Lohnsteigerungen einzutauschen. Beides zusammen steht einem Anstieg der Konsumentenpreise entgegen.
Doch steigende Rohstoffpreise treffen nahezu alle Volkswirtschaften und alle Industriebranchen gleichermaßen und zur gleichen Zeit. Daher werden Unternehmen über kurz oder lang in der Lage sein, ihre gestiegenen Kosten in höheren Absatzpreisen weiterzugeben. Und werden Arbeitnehmer dann wirklich dauerhaft bereit sein, reale Einkommenseinbußen hinzunehmen?
Auch wenn dieses Szenario nicht auszuschließen ist, weisen die Zinsinvestoren ihm nur eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit zu. Und das vielleicht zu Recht. Denn steigende Rohstoffpreise und Löhne verursachen keine Inflation, also einen fortgesetzten Anstieg des Preisniveaus. Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen. Inflation folgt nur, wenn die Zentralbank zuviel Geld in Umlauf gibt. Die Finanzmärkte haben aktuell ein bemerkenswert hohes Vertrauen, daß die Geldpolitik Inflation nicht zulassen wird.
In der Tat hat die Liquidität, für die die Zentralbanken gesorgt haben, bislang nicht die Preise der täglichen Konsumgüter inflationiert. Sie bewirkt vielmehr etwas anderes: Die Geldmengenausweitung bläht die Preise des volkswirtschaftlichen Bestandsvermögens auf. Während sich eine solche "Vermögenspreis-Inflation" in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre in den Aktienmärkten zeigte, scheinen es nunmehr die Preise für Anleihen und Immobilien zu sein, die inflationieren.
Inflation zeigt sich also im neuen Gewand: Es sind derzeit nicht die Preise für die Lebenshaltung, die inflationieren, sondern die Preise für Bestandsvermögen, aktuell sind es die der Anleihekurse. Für den Geldhalter bedeutet dies, daß die Währung an Kaufkraft einbüßt; ganz so wie bei "klassischer" Inflation auch. Zudem dürfte die hohe Liquidität, für die die Zentralbanken gesorgt haben, die Störanfälligkeit der Märkte fördern: die monetäre Manövriermasse kann leicht zu "marodierenden Spekulationsblasen" führen, die von einem Marktsegment in das anderen schwappen - und damit negative Rückwirkungen auf die Stabilität des Finanzsektors haben.
Ist aber erst einmal zuviel Geld im Umlauf, so zeigt die Erfahrung, wird sich die Inflation früher oder später zeigen. Der Abwärtstrend der Kapitalmarktzinsen wird sich daher vermutlich rückwirkend als außergewöhnliche Episode erweisen, die in eine von steigenden Konsumentenpreisen und fallenden Bondkursen übergeht.
Für Investoren heißt das aktuell: Der Zinsmarkt verspricht zunächst - bis weit in das kommende Jahr - zwar noch Kursgewinne, er ist aber wohl schon heute deutlich überbewertet. Und auch wenn die Mehrheit der Marktakteure anderer Meinung ist: Es ist an der Zeit, über Inflationsschutz nachzudenken.
Der Autor ist Chefökonom Deutschland bei Barclays Capital, und Professor an der Hochschule für Bankwirtschaft, Frankfurt.
Artikel erschienen am Di, 2. November 2004