Die Konsum-Sirenen und das süße Gift des Kredits
Unsere innovative Finanz-Wirtschaft hat es möglich gemacht: Wir leisten uns eine Eigentums-Wohnung beziehungsweise ein Haus, für das wir den sechsfachen Wert unseres Jahres-Nettoeinkommens bezahlen müssen. Darüber hinaus einen Fuhrpark, dessen Wert über Leasing-Verträge das Doppelte unseres verfügbaren Jahreseinkommens darstellt.
Hinzu kommt noch der jährliche Winter- und Sommer-Urlaub. Denn der Nachbar in der gehobenen Mittelstands-Siedlung gönnt ihn sich ja schließlich auch.
Auf der anderen Seite hat man kein Geld mehr für eigene Kinder – nach einer harten und entbehrungsreichen Schul- und Ausbildungszeit möchte man schließlich nun die Früchte ernten, die uns tagtäglich durch Presse, Funk und Fernsehen als erstrebenswertes Ziel vor die Nase gehalten werden.
Unsere Zukunftsvorsorge heißt gesetzliche Rente, vielleicht noch angereichert mit einer vom Maschmeyer-Keiler uns aufgezwungenen Riester-Rente, die uns - staatlich gefördert - von der staatlich getragenen Stiftung Warentest in Form der Propaganda des Finanztest Herman-Josef Tenhagen als die Ultima Ratio der Geldanlage verkauft wird.
Man sind wir bescheuert: Nicht-existenter Nachwuchs soll in Zukunft nicht nur unsere Renten bezahlen, sondern darüber hinaus auch noch für unser Wohlgefallen im Alter sorgen. Und die Riester-Rentenzahlungen landen bestenfalls in den Konsum der durch die Politik wohlfällig gestalteten Wählermassen – bestenfalls, wenn das Geld nicht nach Griechenland & Co bereits abgeflossen ist.
Welche Nutzungsdauer hat die Wohnung beziehungsweise das Haus: Vielleicht 50 Jahre, da wir im Vergleich zu den Vereinigten Staaten noch einigermaßen solide bauen. Trotzdem rechnen wir, wenn die Unterschrift unter dem Kauf- und Hypotheken-Kreditvertrag geleistet wurde, dass sich der Preis unserer Hütte über die Jahre vervielfachen würde.
Wir obliegen dabei einer totalen Selbsttäuschung, denn ein Haus mit einer Nutzungsdauer von 50 Jahren verliert pro Jahr durchschnittlich zwei Prozent seines Ausgangswertes. Und dabei sind noch nicht einmal die nach wenigen Jahren schon anfallenden ersten Instandhaltungskosten enthalten. Selbst beim Auto ist das Vielen nicht mehr einsichtig, denn man wechselt ja alle drei Jahre von einem Leasing-Vertrag zum Nächsten. Wenn man das Fahrzeug ursprünglich mit Cash voll bezahlt hätte, dann würde man bei einer Neubeschaffung nach sieben Jahren feststellen, dass das alte Gefährt nur noch 20 Prozent seines ursprünglichen Wertes erlösen würde. Und dass das neue Modell um 30 Prozent teurer geworden ist. Damals hat man noch 20.000 Euro bezahlt und heute müssen trotz Verkauf des Altfahrzeugs weitere 22.000 Euro aufgebracht werden. Viele können dann ohne Kredit nicht mehr weitermachen.
Willkommen in der Scheinwelt des Kredits.
Man redet uns ein, dass Konsum heute ohne langfristige Ansparleistung möglich sei. Auch das Eigenheim gehört übrigens zu einer der drei Säulen des Konsums: Lebensmittel, Gesundheit und Wohnen. Das sind zwar die Fundamente unseres Existierens – aber trotzdem Konsum, da wir sie täglich, wöchentlich, monatlich und jährlich in Anspruch nehmen, ohne dafür eine Rückerstattung zu erhalten.
Das soll nicht als Kritik am Wohnen verstanden werden – nur man darf sich dabei nicht selbst in die Tasche lügen, und den Kauf einer Wohnung für den Selbstbedarf als Investment verbuchen.
Der angebliche Wertzuwachs beim Eigenheim ist Unsinn – auch wenn der Preis der Objekte in der Umgebung wirklich wegen der starken Nachfrage über Jahre hinweg kontinuierlich steigen sollte. Das eigene Objekt verliert in Realität die durchschnittlichen zwei Prozent pro Jahr an Wert – sei es nun dem inflationierenden Euro geschuldet oder anderen Faktoren. Und vor allen Dingen: Der Wertzuwachs ist ein Scheingewinn, den wir sowieso nie realisieren werden, weil wir dann erst recht in dem Objekt weiter leben möchten.
Man fühlt sich als Gewinner und merkt gar nicht, dass man nur weiter Konsum-Opfer bleibt.
Der nächste Trugschluss: Die Kosten eines Kredits seien mehr oder minder neutral. Egal, in welcher Einkommensgruppe man sich befindet: Die Belastung jedes zusätzlich verdienten Euros betragen 40 Cent bis 50 Cent. Für die niedrigeren Einkommen überwiegt dabei die Belastung durch Sozialabgaben – und bei den höheren Einkommen schlägt die Steuer-Progression beziehungsweise der Spitzensteuersatz zu. Wenn die Mehrkosten eines Hypothekenkredits – gegenüber einer Mietzahlung – monatlich 200 Euro ausmachen und man darüber hinaus noch 100 Euro monatlich für den Kredit-Anteil eines Leasing-Vertrags für sein Fahrzeug berappen muss (die Abnutzung des Fahrzeuges ist dabei schon berücksichtigt), dann muss dieser Kreditsklave bereits 500 bis 600 Euro (brutto) monatlich mehr verdienen als derjenige, der nicht von dem süßen Gift des Kredits gekostet hat.
Letztendlich sind Konsum und Kredit von der Politik und den dahinterstehenden Mächten gewollt. Denn Konsum schafft Wirtschafts-Wachstum – und das ist der Heilsbringer für die Existenz unserer sogenannten kapitalistischen Wirtschaftsordnung (die in Wirklichkeit durch Mechanismen wie Geld- und Zins-Steuerung durch ein Zentralbank-Politbüro eher planwirtschaftlich als marktwirtschaftlich gestaltet wird).
Und ein Kredit-Nehmer ist eben ein Schuldner – also jemand, der sich etwas zu schulden kommen hat lassen. Jeder so Erpresste kann entweder durch Fälligstellen des Kredits in den persönlichen Bankrott getrieben werden. Oder aber auch durch zeitweise Unterbindung der zur Tilgung der Kreditzinsen nebst Tilgung notwendigen monatlichen Zahlungen.
Ergebnis sind die rückgradlosen Gestalten unseres sogenannten Mittelstands, die sich aus o.g. Gründen weder trauen, gegen noch so massive Repressionen der Politik aktiv zu werden. Noch die sich trauen, gegen die zunehmende Unterwürfigkeits-Kultur in den Unternehmen Wort zu ergreifen.
Viele haben die Bodenhaftung verloren – sie können ihre eigene Situation einfach nicht mehr realistisch einschätzen. Trotz technisch immer anspruchsvollerer Aufgaben im Beruf verlieren sie das Gefühl, ihre eigene Lage realistisch einschätzen zu können. Und wer noch nicht einmal merkt, dass er gnadenlos ausgenutzt wird und bei jedem kleinen Aufstand seiner sozialen Stellung beraubt werden kann, mit dem kann man höchstens noch einen Gefängnis-Planeten nach Vorstellungen vieler Vertreter der Neuen Weltordnung betreiben.