«Abgrund an Unwissenheit»
Der ehemalige deutsche Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat eines der aufsehenerregendsten Bücher der letzten Jahrzehnte geschrieben. Ein Jahresgespräch über Migration, Muslime, Weihnachten und die Zukunft Europas. Von Roger Köppel
Herr Sarrazin, Ihr Buch «Deutschland schafft sich ab» ist eines der meistverkauften Sachbücher der letzten Jahre . . .
. . . das meistverkaufte Sachbuch in Westeuropa seit 1945, hiess es in einer britischen Rezension kürzlich. Ich habe das aber nicht nachgeprüft. Karl Marx «Kapital» hat sich wahrscheinlich noch besser verkauft.
Sie haben den Jackpot geholt!
1,2 Millionen Deutsche haben bisher mein Buch gekauft. Leute sprechen mich auf der Strasse an. Ehemalige Mitarbeiter von mir wollen das Buch signiert haben. Die mediale und politische Klasse ist durch den öffentlichen Zuspruch verunsichert. Und dies, obwohl ich keine Amtsmacht mehr habe, aus der ich sprechen kann.
Was ist, für alle, die Ihr Buch nicht gelesen haben, die wesentlichste Erkenntnis?
Für mich selber war es die Überprüfung meiner bereits gefassten und durch Erfahrung begründeten Vermutungen. Man kann es so zusammenfassen, erstens: Es gibt immer weniger Deutsche, das ist ein Selbstabwicklungsprozess. Die Geburtenrate liegt seit vierzig Jahren nur noch, wie auch in der Schweiz, bei rund 1,4 Kindern pro Frau. Zweitens: Weil sich die Geburten ungleich verteilen auf die Bildungs- und Einkommensschichten, nimmt das Bildungspotenzial Deutschlands noch stärker ab als die Bevölkerungszahl. Drittens: Die Art von Einwanderung, wie sie bei uns vorherrscht, kann keinen Lösungsbeitrag liefern. Im Gegenteil, sie verschärft das Problem. Ich rede nicht von kurzfristigen Trends, sondern von künftigen Entwicklungen.
Kommt es zum Untergang des Abendlandes?
Die Migrationstrends sind eindeutig. In Deutschland gab es zunächst die Gastarbeiterwelle. Dann kamen die Russlanddeutschen und die Osteuropäer. Das ist vorbei. Da wird nicht mehr viel kommen, Osteuropa hat selber Probleme mit der Geburtenrate sowie bessere ökonomische Perspektiven. Für Deutschland heisst das: Die Zuwanderung kommt künftig anteilsmässig noch stärker aus der Türkei, aus Afrika und aus dem Nahen und Mittleren Osten, also aus muslimischen Ländern. Hier ist mein Befund, dass diese Zuwanderung unsere Qualifikationslücken nicht schliesst, sondern weitere Probleme kultureller Unterschiedlichkeit mit sich bringt. Diese Argumentationsstränge stehen im Zentrum meines Buchs. Und mein Buch steht im übergeordneten Zusammenhang meiner Diagnose, dass die westliche Welt insgesamt an Bedeutung verliert.
Was ist Ihr alarmierendster Befund?
Erschreckend ist die grosse Stabilität, mit der die Geburtenraten nicht nur unter dem Bestand der Selbsterhaltung liegen, sondern wie sie sich auch schichtspezifisch verteilen. Zudem hat mich in der Tat alarmiert, wie sehr alle statistischen Indikatoren darauf hinweisen, dass die Integrationserfolge unterschiedlicher Volksgruppen systematisch voneinander abweichen. Dauerhaft auch in der zweiten, dritten und vierten Generation.
Man warf Ihnen vor, Sie würden einzelne Ethnien für genetisch dümmer erklären. Das sei Rassismus. Was entgegnen Sie?
Ich habe nirgends behauptet, bestimmte Völker seien genetisch benachteiligt. Ich stelle lediglich fest, dass in allen Ländern Europas Einwanderer aus islamischen Staaten vergleichbare Integrationsprobleme aufweisen. Weil das so ist, muss man davon ausgehen, dass dies mit dem islamischen Kulturhintergrund zusammenhängt.
Sie verstossen gegen das linke Dogma, der Mensch sei beliebig formbar.
Die kolossale Stabilität kultureller Identitäten stützt meinen Pessimismus, dass Einwanderer aus islamischen Ländern in Deutschland ihre Prägung und Mentalität nicht sehr schnell ändern. Wir können in Deutschland fast nur noch Zuwanderer aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika gewinnen, also aus dem islamischen Kulturkreis. Einwanderer aus Indien und Ostasien bevorzugen die USA, Kanada oder Australien. Zuwanderung aus islamischen Ländern wird aber die qualifikatorischen Lücken in Deutschland nicht schliessen. Wegen der höheren Geburtenrate dieser Migranten wird zudem selbst eine nur mässige Fortsetzung dieses Trends in absehbarer Zeit die Bevölkerungsstrukturen und damit auch die demokratischen Mehrheitsverhältnisse in Deutschland nachhaltig verändern. Es gibt heute schon Städte und Stadtteile, in denen 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung Muslime sind, wobei die Muslime dort bereits 30 bis 40 Prozent aller Geburten ausweisen.
Ihre Gegner sagen: «Wir brauchen diese Zuwanderung, weil es uns sonst nicht gelingt, die Renten der älteren Leute zu bezahlen.»
Dieses falsche Argument muss man genau analysieren. Zunächst einmal: Einen ökonomischen Nutzen stiftet Einwanderung nur bei jenen Migranten, die überhaupt einen produktiven Nettobeitrag leisten. Für Deutschland kann man errechnen, dass jene Migrantengruppen, die eine hohe Arbeitslosigkeit aufweisen und keine volle Erwerbsbiografie haben, ökonomisch mehr kosten, als sie bringen. Zweitens verursacht die Einwanderung von Gruppen, die sich mit der Integration schwertun, auch kulturelle Kosten. Drittens kann Einwanderung demografische Probleme grundsätzlich dann nicht lösen, wenn sich die Geburtenrate der Einwanderer an das niedrige Niveau der Einheimischen anpasst. Bleibt aber ihre Geburtenrate dauerhaft höher, dann sind sie irgendwann die Mehrheit in der Gesellschaft. Ich kenne ja die Schweizer Vorbehalte gegen grosse Zahlen deutscher Einwanderer. Aber um wie viel grösser ist die Problematik, wenn die Einwanderung aus einem fremden, den Werten des Abendlandes grundsätzlich ablehnend gegenüberstehenden Kulturkreis kommt!
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Religion und Geburtenraten?
Ja. Ich zitiere jetzt die offiziellen Zahlen zu Geburtenraten und Religionszugehörigkeit aus der Schweizer Volkszählung für das Jahr 2000. Im Durchschnitt bekommen die Frauen in der Schweiz wie in Deutschland 1,4 Kinder. Aber jetzt beachten Sie die Unterschiede: keine Religion: 1,1 Kinder. Evangelisch-reformiert: 1,3. Römisch-katholisch: 1,4 Kinder. Evangelikale: 2,02 Kinder. Jüdisch: 2,06 Kinder. Muslime: 2,47. Hindus: 2,79.
Sie kritisieren die deutsche Politik, aber erstaunlich unbehelligt kommt die Europäische Union weg in Ihrem Buch. Dabei ist doch gerade die EU mit ihrer Politik der Grenzabschaffung durch Schengen und der unkontrollierten Personenfreizügigkeit dafür verantwortlich, dass so viele Ausländer nach Deutschland kommen. Warum schonen Sie die EU?
Sie haben recht, aber ich schone die EU nicht. Ich schreibe in meinem Buch: Die Aussengrenzen des Schengen-Raumes müssen wirksamer kontrolliert werden, wenn wir auch in Zukunft noch selbst entscheiden wollen, wer bei uns einwandert und wie viele.
Sie argumentieren inkonsequent. Sie müssten doch die Abschaffung von Schengen fordern und die Wiederherstellung der deutschen Aussengrenzen.
Diese Forderung wäre unrealistisch. Aber die Grenzen des Schengen-Raumes müssen wirksamer überwacht werden. Viele Illegale reisen über die Türkei ein, andere kommen über das Mittelmeer. Wir in Mitteleuropa haben das Problem in seiner Dimension noch gar nicht begriffen. Illegale Einreise muss unterbunden werden, und wer es trotzdem schafft, darf gar nicht erst die Hoffnung auf einen legalen Aufenthalt haben. Wenn keiner mehr durchkommt bzw. die, die durchkommen, sofort zurückmüssen, dann wird auch irgendwann der Einwanderungsdruck sinken.
Mit Verlaub: Das ist unrealistisch. Die Italiener winken doch die Afrikaner nach Deutschland oder in die Schweiz durch. Die EU-Grenzstaaten haben kein Interesse daran, die EU-Grenzen schärfer zu bewachen.
Wenn es unrealistisch ist, müssen wir es dennoch tun. Nur die Tatsache, dass es unrealistisch ist, zeigt doch noch nicht, dass es falsch wäre. Die Schliessung der EU-Grenzen ist unvermeidlich: Afrika allein verzeichnet pro Jahr 35 Millionen Geburten, der Nahe und der Mittlere Osten weitere 5 Millionen, zusammen 40 Millionen. Deutschland und Europa in der Summe haben pro Jahr 7 Millionen Geburten, Russland eingeschlossen. Eine Einwanderung von nur einer Million Menschen pro Jahr nach Europa würde unsere Strukturen massiv beschädigen und irgendwann zerstören, wäre aber für die Probleme in Afrika, Nah- und Mittelost keine nennenswerte Entlastung.