Der Kern des Problems liegt in der Physik der amerikanischen Förderanlagen. Schätzungen des Analysedienstes Bloomberg New Energy Finance (BNEF) zufolge ist die US-Produktion von Erdgas in den letzten fünf Tagen um mehr als 11 Milliarden Kubikfuß pro Tag (bcf/d) eingebrochen.
Dieser Rückgang ist nicht allein dem hohen Heizbedarf geschuldet, sondern sogenannten „Freeze-offs“. Anders als oft angenommen, frieren dabei nicht einfach nur Rohre durch die Außentemperatur ein. Das Problem ist komplexer:
Wenn Erdgas vom hohen Druck des Bohrlochs in Leitungen mit niedrigerem Druck strömt, kühlt es sich durch die Expansion schlagartig ab (adiabatische Kühlung). Befindet sich Feuchtigkeit im Gas, bilden sich dabei Methanhydrate – eine eisähnliche Substanz, die Ventile und Pipelines von innen verstopft.
Da US-Schiefergas direkt am Bohrloch oft noch „nass“ (also flüssigkeitsreich) ist, sind die Anlagen besonders anfällig für diese Blockaden.
Für Deutschland und die Europäische Union ist dieser technische Ausfall in Übersee problematisch. Seit dem Wegfall russischer Pipeline-Lieferungen haben die USA die Rolle des wichtigsten Lieferanten für Erdgas in Europa übernommen. Doch diese Versorgungskette ist fragiler als die alte Infrastruktur. Sie basiert auf einer „Just-in-Time“-Logistik: Wenn in den US-Becken wie dem Permian Basin die Produktion wegen der Kälte stockt, fehlt das sogenannte „Feed Gas“ für die Terminals, die Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) exportieren.
Den Analyst*innen der ING zufolge sind die Lieferungen an US-LNG-Anlagen am Wochenende bereits signifikant zurückgegangen. Das bedeutet: Schiffe, die für Europa bestimmt sind, können nicht beladen werden oder verspäten sich. Da die Überfahrt über den Atlantik rund zwei Wochen dauert, droht die Versorgungslücke hierzulande zeitverzögert genau dann aufzutreten, wenn der Winter hierzulande noch einmal anzieht.