Gastkommentar
Es gibt kein perfektes Risikomodell
von Alan Greenspan
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Das Hauspreisniveau wird sich vermutlich wieder stabilisieren, sobald die Liquidierung der Bestände ihr Maximaltempo erreicht hat, also deutlich vor der endgültigen Eliminierung der Bestandsüberhänge. Dieser Zeitpunkt liegt jedoch noch eine ungewisse Zahl an Monaten in der Zukunft.
Diese Krise wird viele Opfer fordern. Besonders hart betroffen sein werden weite Teile des heutigen Systems zur Bewertung finanzieller Risiken, da sie der Belastung nicht standgehalten haben. Wer von uns darauf vertraut, dass das Selbstinteresse der Kreditgeber zum Schutz des Eigenkapitals ausreicht, wird mittlerweile erfüllt sein von Unglauben und Schock. Ich kann nur hoffen, dass zu den Opfern nicht auch das Vertrauen in gegenseitige Kontrollen, die finanzielle Selbstregulierung und die grundlegenden Tarierungsmechanismen der weltweiten Finanzbranche gehören werden.
Die Kreditmarktsysteme und ihr Ausmaß an Verschuldung und Liquidität fußen auf Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit des Geschäftspartners. Massiv erschüttert wurde dieses Vertrauen am 9. August 2007, als BNP Paribas große und unerwartete Verluste im Zusammenhang mit amerikanischen Subprime-Papieren bekannt gab. Vor übergroßen Verlusten sollten Risikomanagementsysteme und die dahinter stehenden Modelle schützen. Wie konnten wir dermaßen irren?
Ein Modell ist immer eine Abstraktion
Unsere Modelle sind zwar extrem komplex geworden, aber immer noch zu simpel, als dass sie die volle Bandbreite an Variablen berücksichtigen könnten, die die Weltwirtschaft antreiben. Ein Modell ist notgedrungen eine Abstraktion der vollen Details der echten Welt. Diversifizierung verringert das Risiko, heißt es. Dementsprechend verarbeiten Computer Unmengen historische Daten, um negative Korrelationen zwischen den Preisen aufzudecken. Diese Korrelationen sollen Anlageportfolios von den großen Umschwüngen innerhalb einer Wirtschaft isolieren. Nach dem 9. August des vergangenen Jahres haben sich die Bewegungen dieser Werte jedoch nicht gegenseitig aufgehoben, sondern sind über die gesamte Bandbreite hinweg gefallen. Dies führte zu enormen Verlusten für praktisch alle Risikoanlagen.
Warum schneidet ein Risikomanagement, das auf modernsten statistischen Modellen basiert, so schlecht ab? Die glaubwürdigste Erklärung besagt, dass die einem Modell zugrundeliegenden Daten sowohl aus Zeiten der Euphorie als aus Phasen der Furcht stammen, also aus Zeiten deutlich unterschiedlicher Dynamik.
Von Furcht getriebene Kontraktionsphasen der Kredit- und Geschäftszyklen waren historisch deutlich kürzer und abrupter als Expansionsphasen, die von einem langsamen, aber kumulierenden Anstieg der Euphorie getrieben waren. In den vergangenen 50 Jahren befand sich die amerikanische Wirtschaft nur während eines Siebtels der Zeit in einer Kontraktionsphase, doch es ist der Beginn eben dieses Siebtels, auf das das Risikomanagement am besten vorbereitet sein muss. Eine negative Korrelation zwischen den Vermögensklassen ist zwar während der Expansion sehr offensichtlich, kann aber kollabieren, wenn alle Vermögensklassen gleichzeitig fallen. Das untergräbt die Strategie, durch Diversifizierung das Verhältnis zwischen Risiko und Rendite zu verbessern.
Fragwürdiges Verhalten in steigenden Märkten
Könnten wir jede Phase des Zyklus einzeln adäquat in einem Modell abbilden und die Signale ableiten, die uns sagen, wann ein Umschwung bevorsteht, wäre das Risikomanagement deutlich besser. Erschwert wird dies dadurch, dass ein Großteil des fragwürdigen Verhaltens der Finanzmärkte während der Expansionsphase nicht das Ergebnis von deutlich zu niedrig bewerteten Risiken ist, sondern von der Sorge, dass man unwiederbringlich Marktanteil verlieren werde, wenn man sich nicht an der gegenwärtigen Euphorie beteiligt.
Das Risikomanagement strebt danach, die risikobereinigte Kapitalrendite zu maximieren. Zu schlecht ausgenutztes Kapital gilt dabei häufig als "Abfall". Die Zeiten sind lange vorbei, in denen Banken stolz auf erstklassige Bonitätsratings verwiesen und manchmal stille Reserven andeuteten, was sie unverwundbar erscheinen ließ. Bis zum 9. August 2007 schien ein derartiges Rating die Kosten und Mühen nicht wert zu sein.
Ich möchte nicht behaupten, dass die derzeitigen Risikomanagementsysteme oder die Prognosemodelle nicht größtenteils fest in der realen Welt verwurzelt sind. In derartigen Modellen die Vorzüge einer Diversifizierung zu erkunden ist zweifelsohne vernünftig, und das Arbeiten mit ausgeklügelten makroökonomischen Modellen macht Prognosen disziplinierter. So müssen die Einsparungen gleich den Investitionen sein, die Grenzneigung zum Konsum muss positiv sein, die Inventarbestände dürfen nicht negativ sein.
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Doch diese Modelle berücksichtigen nicht in vollem Umfang die angeborenen menschlichen Reaktionen, die zwischen Euphorie und Furcht schwanken und sich ohne spürbare Lerneffekte von Generation zu Generation wiederholen. Wertpapierblasen bauen sich heute genauso auf und platzen genauso, wie sie es seit Anfang des 18. Jahrhunderts getan haben, als sich die modernen, wettbewerbsorientierten Märkte bildeten. Wir bezeichnen derartiges Verhalten als irrational, aber den Prognostizierenden sollte es nicht darum gehen, ob die menschlichen Reaktionen rational oder irrational sind, sondern allein darum, dass sie stattfinden und systemimmanent sind.
Dies ist meiner Ansicht nach die fehlende "Erklärungsvariable" in den Risikomanagementansätzen und in den makroökonomischen Modellen. Die aktuellen Modelle müssen um das von John Maynard Keynes beschriebene Phänomen der "Animal Spirits" ergänzt werden. Wir nehmen willkürliche Änderungen an den Ergebnissen unserer Modellgleichungen vor. Damit gestehen wir jedoch indirekt ein, dass die Modelle, wie wir sie derzeit verwenden, strukturell fehlerhaft sind. Das Problem dieser fehlenden Variable wird nicht angemessen berücksichtigt.
Risikomamangement versagt immer
Wir werden nie alle Störungen der Finanzmärkte vorhersagen können. Störungen treten zwangsläufig überraschend auf, vorhersehbare Entwicklungen werden glattgebügelt. Aber wenn Perioden sich aufbauender Euphorie kaum gezügelt werden können, dann brechen sie erst in sich zusammen, wenn sich das Spekulationsfieber von selbst wieder legt. Im selben Maße, wie es dem Risikomanagement gelingt, solche Phänomene zu erkennen, kann es paradoxerweise Euphorieperioden verlängern und verstärken. Risikomanagement kann nie perfekt sein. Es wird immer an einem bestimmten Punkt versagen. Dann tritt die unschöne Wahrheit zutage, die zu einer unerwarteten Reaktion und zu einer drastischen Zäsur führt.
Aus der aktuellen Krise können wir wie schon aus vergangenen Krisen viel lernen. Diese Erkenntnisse werden uns in Zukunft helfen. Aber wir können nicht darauf hoffen, die Einzelheiten künftiger Krisen auch nur im Ansatz verlässlich vorherzusehen. Daher ist es wichtig, ja entscheidend, dass jegliche strukturelle Reform oder Änderung der Märkte und jegliche Regulierung die verlässlichsten und wirksamsten Schutzmechanismen gegen Marktversagen nicht beeinträchtigt: die Flexibilität des Marktes und den freien Wettbewerb.
Der Autor ist der ehemalige Chef der US-Notenbank und Verfasser des Buchs "Mein Leben für die Wirtschaft"