Um nochmal auf das Hochwasser 2002 zurück zu kommen ein Erfahrungsbericht.
Ich war 2002 bei der Hochwasserkatastrophe als Einsatzkraft ( Feuerwehr ) ab Tag 2 ( Tag 1 war Tag der Flutwelle, die Flussabwärts schwere Zerstörungen angerichtet hat ) vor Ort.
Unsere Unterbringung erfolgte in einer Schule, in der angrenzenden Sporthalle waren Flutopfer ( von uns sarkastisch „ausgebombte“ genannt ) unter gebracht. Wie viele kann ich nicht genau sagen, auch weil über die Tage immer mehr Leute bei Verwandten oder Gastfamilien ( das wurde m.W. großteils über regionale Medien, Radio und Zeitungen organisiert ) unter kamen.
Ausgangslage: Nach langen Regenfällen im Einzugsgebiet des Flusses Mulde hatte sich ( auch bedingt durch falsches Management der Talsperren ) eine Flutwelle gebildet, die mit nur sehr kurzer Vorwarnzeit am Fluss gelegene Ortschaften überflutete. Hierbei müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben, die Flut war bis zu 5m hoch und war stark genug um Häuser zum Einsturz zu bringen und große Bäume zu entwurzeln.
Als glücklicher Umstand muss gesehen werden, dass das Katastrophengebiet räumlich begrenzt war, wenige Kilometer neben dem Schadensgebiet war intakte Infrastruktur vorhanden, das Szenario ist daher auch nicht ganz mit den üblichen worst-case Szenarien vergleichbar, von denen man sonst redet wenn es um Fluchtgepäck, Evakuierung usw. geht.
Vor Ort wurde klar, dass sich in unserem Einsatzbereich das Wasser bereits wieder großteils zurück gezogen hatte. Bis wenige Kilometer vor dem Einsatzgebiet war von Hochwasserschäden absolut nichts zu sehen, selbst in der Stadt nicht, in der wir zum Einsatz kamen.
Die betroffenen Stadtteile hingegen waren schwer verwüstet, die Straßen teilweise meterhoch mit Schlamm und angespültem „Strandgut“ blockiert, einige Häuser waren eingestürzt.
Aufgrund weggespülter Straßenschilder war eine Orientierung auch mit Stadtplänen sehr schwierig, wir waren auf ortskundige Lotsen von Polizei und Feuerwehr angewiesen.
Es mussten auch viele Umwege gefahren werden, da teilweise Brücken fehlten und Straßen unpassierbar waren.
Hauptaufgabe in den ersten Tagen war das Suchen und Retten von Vermissten. Keller, Untergeschosse und unterirdische Einkaufspassagen waren bis zur Decke geflutet und mussten leer gepumpt werden um nach eventuellen Opfern zu suchen.
Versorgungslage:
Den ersten Tag über fand für uns keine Versorgung statt, ab dem zweiten Tag wurde in der Schule, in der wir untergebracht waren, die Kantine wieder in Betrieb genommen.
Es hat sich gezeigt das Trinkwasser, aber auch feste Nahrung enorm wichtig sind, da körperlich schwere Arbeit sonst immer schwerer und gefährlicher wird ( Konzentration lässt nach ).
Alles in allem hat es einen Tag gedauert bis die Versorgung stand, wohlgemerkt in einem Gebiet, das nur sehr begrenzt betroffen war und wo es 20 Autominuten entfernt intakte Infrastruktur und volle Läden gab.
Sicherheit:
Schon an unserem ersten Tag vor Ort hörten wir im Radio berichte über Plünderungen. Selbst haben wir davon in der ganzen Zeit nichts mitbekommen. Da wir in der ersten Nacht in einem völlig evakuierten Stadtviertel mehr oder weniger als einzige unterwegs waren ( natürlich keinerlei Straßenbeleuchtung ) hatten wir schon ein komisches Gefühl.
Da meine Kollegen wissen, dass ich Sportschütze bin, kam schnell die Frage ob ich „was dabei“ habe ( hatte ich nicht ) – ironischer Weise auch von Leuten, die das Schießen sonst eher belächeln, oder sogar anti-gun waren.
Um ehrlich zu sein hätte ich mich in dieser Nacht mit meiner 9mm in der Tasche wohler gefühlt.
Ab Tag drei patroullierte dann verstärkt Bereitschaftspolizei, was sich in den nächsten Tagen zu einem Großaufgebot steigerte, in fast jeder Straße war Polizei unterwegs.
So ab dem dritten Tag wurden tagsüber zivile Helfer ( meist Anwohner ) in die Straßen gelassen. Gegen Ende unseres Einsatzes ( insgesamt 7 Tage ) kamen aber auch viele Katastrophentouristen, was auf Seite der betroffenen Anwohner teilweise zu aggressivem Verhalten führte ( bei den Leuten lagen die Nerven natürlich blank )
Aus Sicht der betroffenen ( was ich so mitbekommen habe 
Die Vorwarnzeit war extrem kurz. Viele mussten in den oberen Geschossen ihrer Häuser ausharren bis die Flutwelle, bzw. das Wasser wieder weg waren.
Die Strom und Wasserversorgung war ausgefallen.
Ein verbleiben in den Häusern war nicht möglich, da bei vielen Gebäuden akute Einsturzgefahr wegen unterspülter Fundamente bestand.
Die meisten hatten, wenn überhaupt, eiligst zusammengesuchte Sachen in Taschen und Einkaufstüten mitgebracht, viele hatten nur die Kleidung, die sie am Leib trugen.
Die Unterbringung in der Turnhalle war für viele eine schwierige Situation, da es absolut keine Privatsphäre mehr gab.
Zum Glück war das Wetter gut und die Leute konnten sich draussen aufhalten.
Der Stadtteil, in dem die Schule stand, war von der Flut nicht betroffen.
Viele merkten schmerzhaft das es zwar Einkaufsmöglichkeiten gab, sie aber kein Bargeld/Checkkarte dabei hatten.
Die Versorgung mit Lebensmitteln klappte, für den Katastrophenschutz war es aber teilweise schwierig, persönlich benötigte Medikamente schnell zu beschaffen.
Die Sanitären Anlagen ( WC und Dusche in der Sporthalle ) waren nicht ausreichend und aufgrund schlechter Disziplin sehr schnell in fast nicht mehr benutzbarem Zustand.
Später wurden von der Stadt „Dixiklos“ aufgestellt.
Aufgrund einiger Asozialer kam es zu Spannungen und teilweise unschönen Szenen. Eine Minderheit aus dem, ich nenne es einmal sozial schwachem Millieu, veranstaltete ohne Rücksicht auf die anderen lautstarke Trinkgelage und schaute sich, trotz Familien mit Kindern die nebenan saßen, auf einem mitgebrachten Fernseher Pornofilme an.
Das wurde besser als so ab Tag vier in der Schule, neben der Feuerwehr, Teile einer Einsatzhundertschaft der Polizei untergebracht wurden.
Was die Leute in Ihrem ( nicht vorhandenem ) Notgepäck vermissten:
Wäsche zum Wechseln
Hygieneartikel ( Zahbürste, Shampoo, Duschgel usw. )
Bargeld
Papiere
Weitere persönliche Sachen ( die durch die Flut verloren gingen )
Spielzeug
Windeln für Kleinkinder
Vieles was notwendig war konnte von den Hilfsorganisationen schnell beschafft werden, weil um das Katastrophengebiet herum Straßen und Infrastruktur in Ordnung waren.
In einem Szenario wo das nicht gegeben ist, sieht das sicher anders aus.
Ich persönlich hätte auf jeden Fall versucht möglichst schnell aus dieser Turnhalle raus zu kommen ( vor allem wenn man Familie hat ), und wenn man für ein paar Tage in eine Pension geht oder versucht sich per Bahn oder sonstwas zu Freunden oder Verwandten durch zu schlagen ( was voraus setzt, das man ein Zahlungsmittel dabei hat ).