06.11.2011 | 18:35
WAZ: Unser Gold für die Schuldner? - Leitartikel von Ulrich Reitz
Essen (ots) - Es gibt Dementis, die liegen näher an der Lüge als der
Wahrheit. Das Dementi von Kanzlerin Merkels Regierungssprecher Seibert
gehört in diese Kategorie. Zu keinem Zeitpunkt sei auf dem letzten
G-20-Gipfel über die Goldreserven der Bundesbank gesprochen wurden.
Daran stimmt so viel: Über das Gold der Deutschen wurde ausdrücklich
nicht gesprochen. Aber alles andere stimmt eben doch: US-Präsident
Obama, Frankreichs Sarkozy und Englands Cameron wollen den gerade erst
vor einer Woche auf eine Billion Euro hochgehebelten Rettungsschirm mit
den Währungsreserven der Notenbanken, am Ende auch mit deutschem Gold,
auffüllen. Bundesbankchef Weidmann stellte sich quer. Erst dann folgte
ihm die deutsche Kanzlerin. Damit sind die Machtkämpfe der nächsten Tage
vorgezeichnet. Der letzte Bundesbankpräsident Weber trat zurück, weil
er die Ankäufe griechischer und portugiesischer Anleihen durch die
Notenbank nicht mitmachen wollte. Dessen Nachfolger Weidmann stellt sich
gegen die neuen Pläne quer, weil er strikt ablehnt, Staatsdefizite über
die Notenpresse oder die Devisenreserven zu finanzieren. Das bringt die
Kanzlerin in ein tragisches Dilemma: Folgt sie Obama und den übrigen
Europäern, kann sie sich nicht nur einen neuen Bundesbankpräsidenten
suchen. Auch mit der politischen Unabhängigkeit der Notenbank wäre es
vorbei. Folgt sie dem Bundesbankpräsidenten, ist der Rettungsschirm
womöglich nicht groß genug. Denn die ganze Nacht- und Nebelaktion hatte
nur einen Sinn - Italien zu retten. Man muss es an dieser Stelle auch
noch einmal festhalten, schon wegen der von der Politik gestreuten
Legenden. Schuld an der Misere haben nicht wildgewordene Spekulanten,
nicht anonyme Märkte, sondern verantwortungslose Politiker, die
glaubten, ihr Wahlvolk mit Geschenken quasi kaufen zu können. Obamas
Vorgänger versprach billige Hauskredite, der regierende Grieche jeder
griechischen Hausfrau eine Rente von 550 Euro. Dieselben Politiker
planten und planen neue Schulden ebenso am Volk vorbei wie die
Absicherung von Kreditrisiken. Der FAZ-Herausgeber Steltzner berichtet
zudem von einer "Schattenkreditpyramide" an der Politik vorbei. Irland
und die Euro-Südschiene hätten sich bei anderen, aber auch bei der
deutschen Notenbank mit 630 Milliarden Euro verschuldet. Man wird dem
nachgehen. Fazit: Wir kommen einem üblen Szenario näher: Euro oder
Inflation. Mag sein, dass die Deutschen ihr Trauma einholt.
Originaltext: Westdeutsche Allgemeine Zeitung
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