Die Geländegewinne der Ukrainer kommen für mich nicht unerwartet. Wie hier auch schon besprochen, war bereits das bisher besetzte ukrainische Territorium zu gross um es mit 100'000/120'000 Mann zu halten. Und der Frontverlauf war viel zu lang.
Sollten die Ukrainer 10 % der Männer mobilisieren können, kämen sie auf 2 Mio. Mann. Das ist ein Volumen, das der Kreml mittelfristig sehr ernstnehmen muss. Besonders wenn der Krieg länger dauert und die USA und ihre NATO Vasallen ungebremst Dollars und Material reinbuttern.
(Im kalten Krieg hatten wir in der Schweiz (Armee 61) sogar 20 % der Männer in der Armee, 800'000 Mann. Und die Ukraine ist 5 mal grösser!)
Ich habe eine Einnahme der restlichen Schwarzmeerküste bis nach Transnistrien inkl. Odessa nie als realistisch gesehen im Rahmen dieser Spezialoperation. Sollte Russland die Truppenstärke nicht wesentlich ausbauen, kann sie m. E. mittelfristig nicht mehr als folgende Ziele erwarten (und das wird schon nicht einfach):
- Vollständige Kontrolle über beide Oblaste Luhansk und Donezk
- Sicherung der Krim
- Wasser und Landzugang zur Krim (inkl. Mariupol)
- Nachhaltige Zerschlagung der Asow Nazi Milizen (Entnazifizierung)
- Neutraler Status der Ukraine
- Kein NATO Beitritt der Ukraine
Ich gehe nicht davon aus, dass der Kreml mehr anstrebt. (s. Rede Putin vom 25.2.22). Wollten die Russen Ziele darüber hinaus anvisieren, müssten sie die Truppenstärke massiv erhöhen. George Friedman, der transatlantische Falke ist der Ansicht, dass dies bald geschehen wird:
George Friedman über die aktuellen ukrainischen Kriegserfolge - „Eine Niederlage kann Putin sich nicht leisten“
Im Kampf gegen die russischen Invasoren hat die ukrainische Armee in den vergangenen Tagen beachtliche Geländegewinne erzielt. Doch ein endgültiger Sieg ist deswegen noch lange nicht in Sicht. Denn Russland bleibt kaum eine andere Möglichkeit, als weiterzukämpfen. Es ist damit zu rechnen, dass Putin schon bald die Anzahl seiner Soldaten massiv erhöht.
VON GEORGE FRIEDMAN am 13. September 2022
(...)
"Die vierte Strategie ist die einzige, die eine reale Möglichkeit zu sein scheint. Eine Seite muss die andere besiegen. Keine der beiden Seiten kann es sich leisten, einen solchen Angriff scheitern zu lassen. Der russische Vorteil sind die Einsatzkräfte. Aus verschiedenen Quellen, auch aus den USA, wird berichtet, dass eine große Anzahl russischer Truppen im Fernen Osten Russlands trainiert. Die Russen brauchen mehr Truppen, daher sind diese Berichte glaubwürdig. Russland wird eine mit amerikanischen Waffen ausgerüstete ukrainische Armee nicht mit der bisherigen Truppenzahl besiegen können. Die Russen stehen vor der Wahl, mit überwältigender Kraft anzugreifen oder den Krieg zu verlieren. Sie werden sich für Ersteres entscheiden.
Den Russen kommt eine politische und eine militärische Realität zugute. Amerika ist nicht daran interessiert, Russland direkt anzugreifen, weder mit konventionellen noch mit Atomwaffen. Russland kann zurückschlagen. Keine der beiden Seiten will einen direkten russisch-amerikanischen Krieg.
Solange Putin Präsident ist, wird er alles tun, um zu gewinnen, denn weniger als einen Sieg kann er sich nicht leisten. Und ich sehe keine andere Möglichkeit als einen personellen Zuwachs bei der Truppenstärke, von dem ich annehme, dass er sehr bald oder nach dem Winter erfolgen wird. Ich habe nicht den Eindruck, dass die derzeit von Russland eingesetzten Kräfte mehr tun können, als einige Gebiete zu halten. Es muss eine Verstärkung geben. Putin mag andere Strategien haben, aber sie sind schwer vorstellbar.
(...)
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