Wall Street
[Blockierte Grafik: http://www.spiegel.de/static/sys/logo_120x61.gif]
Spam wird teurer, endlich!
Von Thomas Hillenbrand, New York
Die Wall Street ist nervös, weil US-Notenbankchef Alan Greenspan in Reaktion auf die anziehenden Preise demnächst die Zinsen erhöhen könnte. Doch mit der Inflation kehrt auch die Hoffnung auf steigende Gewinne in den Markt zurück.
New York - Alles wird teurer. Drei dürre Jahre lang konnten es sich US-Unternehmen nicht erlauben, die Preise zu erhöhen. Doch seit die Wirtschaft anzieht, ist Schluss mit den Nullrunden. Kaffee wird teurer. Die Stadt New York erhöht den Basispreis für Taxifahrten. Sogar Spam kostet demnächst mehr - nein, nicht diese Schrott-E-Mails, die gibt es leider weiterhin frei Haus. Die Rede ist von dem glibberigen Büchsenfleisch gleichen Namens - dessen Hersteller Hormel hat Preiserhöhungen für seine ganze Produktpalette angekündigt.
Nachdem der Preisverfall (Deflation) lange das Thema Nummer eins war, ist jetzt die Inflation zurück. Für die Wall Street heißt dies, dass die Phase der niedrigen Leitzinsen von derzeit noch einem Prozent wohl früher als erwartet vorbei sein wird. Vergangene Woche hat Alan Greenspan, der Präsident der Federal Reserve, vor dem US-Senat gesprochen. Der Notenbanker gab zu Protokoll, dass "es den Anschein hat, dass ein Klima existiert, in dem sich ein Inflationsdruck auf breiter Front aufbauen könnte". Außerdem sagte der Fed-Chef, die US-Notenbank werde handeln, wenn es notwendig sei. Autsch.
Experten gehen davon aus, dass die Leitzinsen vielleicht schon im August steigen könnten. Bisher hatten Fed-Beobachter nicht vor dem Frühling 2005 mit einer Zinserhöhung gerechnet. Vor allem Anleihehändlern macht diese Entwicklung zu schaffen. Grund für ihre zunehmende Nervosität sind die derzeit an der Wall Street äußerst beliebten carry trades, Wertpapiergeschäfte auf Pump. Das Ganze funktioniert folgendermaßen: Der Leitzins der Fed beträgt ein Prozent. Die Rendite einer zehnjährigen US-Staatsanleihe liegt bei 4,45 Prozent. Wenn man sich kurzfristig Geld leiht und dafür Zehnjährige kauft, macht man einen schönen Schnitt. Es sei denn, irgendein Notenbanker meint plötzlich, die Zinsen erhöhen zu müssen - dann kommt die ganze Kalkulation durcheinander.
Entsprechend kursiert ein Horroszenario: Sollte die Fed überraschend handeln - etwa schon im Mai - dann müssten sehr viele Leute sehr schnell sehr viele Anleihen verkaufen. In der Folge fielen die Bondkurse und die Renditen stiegen. Dadurch würden Konsumentenkredite und Hypotheken schlagartig teurer. Die hoch verschuldeten US-Verbraucher bekämen finanzielle Probleme. Und der Wirtschaftsaufschwung, der auf der bisher ungebrochenen Kauflust der Amerikaner fußt, ginge in die Grütze. Sehr wahrscheinlich ist dieser Lauf der Dinge aber nicht - die Notenbank wird den Finanzmärkten wohl genügend Zeit lassen, ihre Positionen glattzustellen, um eine Panik zu vermeiden.
Zahltag für Verbaucher
Entscheidender ist, dass sich Greenspan äußerst positiv zu den wirtschaftlichen Aussichten geäußert hat. In der derzeitigen Quartalssaison sieht es ohnehin blendend aus: 248 Unternehmen des Standard & Poor's 500 Index haben bereits Zahlen gemeldet, das durchschnittliche Gewinnplus lag bei 12,5 Prozent. Diese Woche folgen weitere 136 S&P-Firmen darunter McDonald's, Boeing und Dupont (siehe Kasten). Und auch für die nächsten Quartale sieht es nicht schlecht aus. Viele Unternehmen sind wieder in der Lage, steigende Kosten an die Verbraucher weiter zu geben. Greenspan: "Es ist ziemlich eindeutig, dass die Fähigkeit der Unternehmen, Preise festzusetzen, allmählich wieder hergestellt wird." Das verspricht für die Zukunft steigende Umsätze und Gewinne.
Der ahnungslose Mr. Greenspan
In den vergangenen Monaten gab es Preiserhöhungen vor allem auf dem Rohstoffmarkt. Deshalb merkte der Normalverbraucher wenig von der anziehenden Inflation, falls er nicht zufällig gerade einige Tonnen Aluminiumblech kaufte. Es gab zwar schon länger alarmierende volkswirtschaftliche Daten, wie den Chicago PMI, der am Freitag wieder veröffentlicht wird. Aber wer verfolgt die schon.
Inzwischen ist die Inflation jedoch im Supermarkt angekommen und dem Konsumenten schwant Übles. Es wird in den kommenden Wochen interessant sein, ob sich der Preisanstieg negativ auf die Kauflust der Amerikaner auswirkt. Diese Woche wird es erste Hinweise geben, wenn gleich zwei Forschungsinstitute ihre Indizes zum Konsumentenvertrauen veröffentlichen (siehe Kasten).
Eine Zinserhöhung wäre für die hoch verschuldeten amerikanischen Haushalte eine zusätzliche Belastung. Alle sind sich sicher, dass die Fed demnächst handelt. Alle bis auf einen. Als Alan Greenspan nach seiner gewohnt kryptischen Rede vor dem Senat gefragt wurde, ob seine Ausführungen auf einen baldigen Anstieg der Leitzinsen hindeuteten, sagte der Fed-Chef: "Ich weiß es nicht."
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,druck-296994,00.html